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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2017

Pekinger Hutongs als GlasuntersetzerWie Souvenirs Erinnerungen speichern

Von Birgit Eger

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Glasuntersetzer mit Abbildungen von Türen aus traditionellen Hutongs, ein Souvenir aus dem Museumsshop des Stadtmuseums von Peking (Birgit Eger)
Glasuntersetzer mit Abbildungen von Türen aus traditionellen Hutongs, ein Souvenir aus dem Museumsshop des Stadtmuseums von Peking (Birgit Eger)

Die traditionellen Hutongs, verwinkelte Pekinger Altstadtgassen, wird es vielleicht in Zukunft nicht mehr geben. Im Museumsshop des Stadtmuseums überleben zumindest die Holztüren dieser alten Häuser - in Form von Glasuntersetzern. Unsere Autorin hängt an diesem Souvenir.

Da wäre ich nie drauf gekommen: Glasuntersetzer. Es ist ein Souvenir aus dem Museumsshop des Stadtmuseums von Peking. Die Untersetzer haben mir auf Anhieb gefallen. Es sind natürlich ganz besondere: Mit Fotos von Türen aus den traditionellen Hutongs, den pekinger Gassen mit den alten Häusern. Beim zweiten Hinsehen habe ich festgestellt: Es sind keine Fotos, sondern wirklich gut gemachte Drucke von fotorealistischen Malereien eines unbekannten Künstlers. Ein eher ungewöhnliches Souvenir aus China. Die klassischen Erinnerungsstücke gibt es eher im Kaiserpalast, dort kaufen die Besucher des Museumsshops ganz andere Dinge.

"Ich möchte Postkarten von der Verbotenen Stadt mitbringen und Souvenirs über die Architektur. Heute sind die Museumsshops eher wie ein Supermarkt, Leute können sich selbst etwas aussuchen, nicht so wie in der Vergangenheit, als die Läden so gar nicht schön dekoriert waren."

"Es ist Sommer, wir kaufen Fächer, ich mag auch die Lesezeichen und  die Schlüsselanhänger oder die Kühlschrankmagneten. Wenn wir die zuhause aufhängen, dann erinnern wir uns an den Kaiserpalast."

Meine Untersetzer sind einzigartig, in keinem anderen Geschäft habe ich sie je gesehen. Auch mein Museumsshop hatte nur das eine Set. Auf jedem Bild: diese traditionellen zweiflügeligen Holztüren, anscheinend schon einige Jahrzehnte alt. Der ehemals rote Anstrich ist verblasst. Als Türgriffe dienen zwei Löwenköpfe mit jeweils einem Ring im Maul. Rostig braun, sicher glänzten sie einmal golden. An den Türen kleben noch Papier-Figuren von vergangenen Neujahrsfesten. In Gold auf Rot das Zeichen "fu" für Glück zum Beispiel. Es steht auf dem Kopf: Fu dao le. Ein Wortspiel: "umgedrehtes Glück" wird ähnlich ausgesprochen wie: das Glück ist angekommen.

Böse Geister kommen nicht über die Türschwelle

Auf einer anderen Tür klebt das Bild eines alten Mannes, ein Weiser. Der bringt auch Glück. Daneben eine wilde Fantasiegestalt, sie trägt ein Schwert und schützt sicher die Bewohner. Einen Eingang bewachen zwei kleine, graue Steinlöwen. Der männliche spielt mit einem Ball, das Symbol für die Erdkugel. Die Löwin spielt mit ihrem Kind.

Die Türen sind geschlossen. Einfach eintreten kann man in traditionelle Häuser nicht, obwohl Chinesen eigentlich sehr gastfreundlich sind. Denn werden die Türen geöffnet, muss man erst mal einen großen Schritt machen über die etwa 20 cm Meter hohe Holzschwelle. Die meisten Menschen können das, ein böser Geist zum Glück nicht. Unsereiner kann auch rechts oder links um die mannshohe Mauer gehen, die in der Regel direkt hinter der Tür steht. Aber böse Geister tun sich auch hier schwer. Chinesische Häuser sind also gut geschützt.

Meine Tür-Bilder sind also mehr als einfache Glasuntersetzer. Ein solches Erinnerungsstück in einem Museumsladen zu finden hat mich sehr gefreut. Bisher sind mir nämlich die Geschäfte eher wegen ihres großen Kitsch-Angebots aufgefallen. Es blinkt, quietscht, singt und wackelt nämlich überall in den Museumsshops. In den meisten. Denn inzwischen machen sich chinesische Designer Gedanken über die Gestaltung, Mo Xiuquan zum Beispiel, er ist Professor für Architektur an der berühmten Qinghua-Universität.

Andenkenläden und die kreative Industrie

"Der Trend in Museen ist heutzutage anders: Es geht nicht mehr ums reine Ausstellen sondern um die Kommunikation. Auch die Andenkenläden in Museen haben jetzt mit Kultur und der kreativen Industrie zu tun. Nach unseren Erfahrungen, wenn es um das Design für einen Souvenirladen geht, sollte man Leute erst mal den Raum erfahren lassen, zweitens ist der Ort innerhalb des Museums wichtig, wo befindet sich der Shop? Drittens ist auch wichtig, was verkauft wird. Das liegt aber mehr an der Museumsausrichtung und an dessen Verwaltung. Das sind die wichtigen Elemente für die Museums-Shop Gestaltung."

Mein Museumsshop lag im Keller des riesigen modernen Stadtmuseums, die Gestaltung hatte auch nichts Besonderes. Trotzdem habe ich fast eine Stunde darin gestöbert. Ganz im Sinne von Professor Mo.

"Besucher, vor allem wenn sie von weit her sind, aus Übersee vielleicht, dann kommen sie nur ein einziges Mal im Leben. Dann möchten sie ein ganz besonders Erinnerungsstück mit nachhause nehmen, ein Andenken mit Bedeutung. Das ist, was Besucher interessiert."

Also: Meine Tür-Glas-Untersetzer nehme ich auf alle Fälle mit nach Deutschland, wenn meine Zeit hier in Peking zu Ende ist.  Sie erinnern mich dann immer an das trubelige Leben in den Altstadtgassen, die kleinen Kioske, die Friseure auf der Straße, die Imbissstände. Ein paar dieser Gassen gibt es noch in Peking, wer weiß wie lange … Aber ich habe ja meine fotorealistischen Tür-Glasuntersetzer als Erinnerung.

Hören Sie in dieser Woche täglich in der Sendung "Fazit", ab 23:05 Uhr die Geschichten um weitere Fundstücke in unserer Serie "Universum des skurrilen Geschmacks – Ultimative Objekte im Museums-Shop".

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