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Buchkritik | Beitrag vom 31.03.2020

Pedro Mairal: "Auf der anderen Seite des Flusses"Vom Scheitern eines Antihelden

Von Andreas Baum

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Buchcover zu Pedro Mairal: "Auf der anderen Seite des Flusses" (Mare)
„Auf der anderen Seite des Flusses“ wurde in Spanien und Argentinien zum Bestseller. (Mare)

Vor allem, wenn sie etwas zu verheimlichen haben, überqueren die Bewohner von Buenos Aires den Río de la Plata nach Montevideo. Das tut auch Pedro Mairals Antiheld in "Auf der anderen Seite des Flusses" – und scheitert auf wunderbar komische Weise.

Für die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, ist die Fahrt über den Río de la Plata, der hier so breit ist wie ein Meer, fast ein metaphysischer Akt. Jorge Luis Borges hat Montevideo besungen, die Reise über den Fluss gilt als Topos der argentinischen Nationalliteratur. Man ist sich nah und fern zugleich: Keine andere Großstadt ist von Buenos Aires aus so leicht zu erreichen wie die Hauptstadt des Nachbarlandes. Nach einer kurzen Schiffspassage kann man sich für ein paar Stunden wunderbar frei fühlen, in einer völlig anderen Welt mit anderen Regeln.

Schon in Zeiten der Diktatur flohen die Dissidenten in die Nachbarstadt, später versteckten Argentinier hier ihr Geld vor der Inflation oder amouröse Abenteuer vor eifersüchtigen Ehepartnern. Heute ist im liberalen Uruguay das Kiffen in der Öffentlichkeit erlaubt – nur ein Grund, warum sich Argentinier hier immer noch freier fühlen als bei sich. Und abends kann man wieder zu Hause sein und so tun, als wäre nichts gewesen.

Schriftsteller in der Midlife-Crisis

Mairals Hauptfigur Lucas, ein Schriftsteller im klassischen Midlife-Crisis-Alter, hat genau dies vor: Er lässt sich seine Vorschüsse für noch ungeschriebene Bücher aus Spanien nach Uruguay überweisen, um es am argentinischen Fiskus vorbei zu mogeln, weshalb er anreist, um es im Hosenbund über den Fluss zu schmuggeln.

Praktischerweise hat er seit einigen Monaten eine junge Geliebte in Montevideo, die er mit dem vielen Geld in der Tasche beeindrucken und in einem luxuriösen Hotel verführen möchte. So will er seine fad gewordene Ehe aufpeppen und viele freie Monate zum Schreiben an einem gigantischen Romanprojekt gewinnen.

Gesamtes Leben an einem Tag

Dass all diese Pläne schiefgehen, und vieles mehr an diesem Tage, ist so tragisch wie komisch zugleich. Pedro Mairals Roman schafft das Kunststück, nur einen einzigen Tag zu erzählen – und in ihm das gesamte bisher gelebte Leben des Helden aufscheinen zu lassen. Wie nebenbei gelingt ihm ein liebevolles Portrait von Uruguays Hauptstadt Montevideo – und sein glückloser Protagonist Lucas steht beispielhaft für eine ganze Generation, die in der Mitte des Lebens an der Klippe ihrer hohen Ansprüche zu scheitern droht.

All dies erzählt Pedro Mairal in einem spielerischen Plauderton, der unterhaltsam ist und trotzdem nie ins Oberflächliche abgleitet. 1970 geboren, hat er Drehbücher und Romane verfasst. "Auf der anderen Seite des Flusses" wurde in Spanien und Argentinien zum Bestseller und verhalf ihm in diesem Jahr auch international zum Durchbruch.

Pedro Mairal: "Auf der anderen Seite des Flusses"
Mare Verlag, Hamburg 2020
176 Seiten, 20 Euro

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