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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2013

Pechvogel auf Glückssuche

Dagmar Leupold: "Unter der Hand", Jung und Jung, Salzburg 2013,

Ausgestreckte Hand: Minna fehlt es an Liebe und an Geld. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)
Ausgestreckte Hand: Minna fehlt es an Liebe und an Geld. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)

Sie gehört zu den Nachkriegskindern, denen es doch eigentlich traumhaft gut gehen müsste. Tatsächlich hat Minna aber offenbar einen Selbstmordversuch hinter sich. In der Klinik findet sie - es ist wie im Märchen - einen Mäzen und beginnt zu schreiben.

Minna führt eine prekäre Existenz. Und das auch noch in München. Die Protagonistin in Dagmar Leupolds neuem Roman "Unter der Hand" hat die Mitte ihres Lebens bereits überschritten. Sie hält sich mehr schlecht als recht mit Korrekturlesen und Nachhilfeunterricht über Wasser und gießt, gegen geringes Salär, auch die Blumen in Wohnungen derer, die es sich leisten können, häufig zu verreisen.

In den 1950er-Jahren hat Minna als Frühchen nur knapp die eigene Geburt überlebt. Seitdem verfügt sie über eine außergewöhnliche Sensibilität. Sie leidet an Allergien und Schlaflosigkeit, kann scharf beobachten und formulieren, ist extrem berührungsempfindlich, liebeshungrig und schwarzgallig. Der Versuch, ihrem Dasein im irdischen Jammertal zu entfliehen, ist offensichtlich gerade gescheitert – zu Beginn des Romans stellt sich die Ich-Erzählerin dem Leser bei ihrer Reha in einem italienischen Hotel vor.

Wie im Märchen taucht dort ein Mäzen auf, ein Förderer, der Minna Briefumschläge mit Geldnoten zuschiebt und nichts weiter von ihr fordert als dass sie schreibe: "Schreibe was du willst, aber werde gesund", ermuntert sie der Philanthrop Vico, dessen Existenz dunkel bleibt, vom dem nur zu erfahren ist, er sei Kaufmann und "zuhause auf allen Schwarzmärkten der Welt."

Minna, die schon als Pubertierende Zitate von Selbstmördern in ihrem Tagebuch sammelte, beschließt die Gelegenheit beim Schopf zu packen und schreibend als "Glücksmissionarin" unter die Menschen gehen. Voller Hingabe kümmert sie sich um ihren aus dem Iran stammenden Nachhilfeschüler Parwiz und die alte Ostpreußin Lotte. Und beschreibt tatsächlich - mit Intelligenz, Widerborstigkeit und Witz - Begegnungen und Geschehnisse des Tages, reflektiert ironisch oder zynisch die Ereignisse ihres bisherigen Lebens. Sie dokumentiert das Heute und wird am Ende selbst ein bisschen glücklicher.

Klug und unterhaltsam bietet Dagmar Leupold ihre Geschichte – die auch eine Art Poetik ist - im Gewand von Schelmenroman und Märchen an. Doch der Inhalt, wie es sich gehört, leuchtet finster. Erzählt wird ja die Lebens-und Todesgeschichte einer bemerkenswerten Frau, die nach freudloser Kindheit als "Berührungsjunkie" in die Arme nicht immer angenehmer Menschen fällt. Erzählt wird auch vom transgenerationellen Weiterreichen alter Verletzungen, vom Erben, dem Weiterleben erfahrenen Unheils, von deutscher Geschichte.

Unterschiedliche Biografien bringt die Autorin miteinander ins Spiel, lässt deren Motive einander spiegeln und sich relativieren. Wir erfahren etwas über jene Generation, der es doch gut gehen müsste – die vordergründig von Krieg und Not Verschonten, die bei Leupold die "Verspäteten, Matten, Unbehelligten, Unberufenen" sind. Deren Unglück qualifiziert die Autorin nicht ab, sondern kontrastiert es geschickt mit den Schicksalen der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen wie Lotte und Parwiz.

Das alles geschieht unaufdringlich, mit großem Einfühlungsvermögen und der Kunst der Lyrikerin. Leupold geht den Worten auf den Grund, ihre Sprachspiele verdichten und erweitern den Assoziationsraum des nur Heutigen.

Besprochen von Carsten Hueck

Dagmar Leupold: Unter der Hand
Jung und Jung, Salzburg 2013
294 Seiten, 22 Euro

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