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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 25.06.2017

Paulus in EphesusSchön reden ist nicht genug

Von Stephan Wahl, Trier

Paulus in Ephesus in der Darstellung von Gustave Dore (etwa 1866) (imago/Leemage)
Paulus in Ephesus in der Darstellung von Gustave Dore (etwa 1866) (imago/Leemage)

Wie würde der unermüdliche Paulus in unserer Zeit verkünden? Was würde er sagen? Diese Fragen stellt man sich in Kirchenkreisen heute gerne. Monsignore Stephan Wahl blickt im "Feiertag" auf das Wirken des Völkerapostels in Ephesus, wo Paulus viel Gegenwind erfuhr, und sucht nach dem bleibenden Kern seiner Verkündigung.

Paulus in Ephesus. Die Schlussszene seines Aufenthaltes ist nicht nur reif für die Bühne, sie spielt auch auf einer solchen. Schauplatz ist das Theater von Ephesus. Eine wütende Menschenmenge strömt dorthin, aufgebracht, wütend. Immer wieder skandiert die Menge: "Groß ist die Artemis von Ephesus. Groß ist die Artemis von Ephesus …". Angestachelt sind sie vom Protest eines gewissen Demetrius. Demetrius ist ein Silberschmied. Von ihm hießt es in der Apostelgeschichte, dass er "silberne Artemistempel herstellte und den Künstlern viel zu verdienen gab". Das steht jetzt auf der Kippe. Und alles wegen Paulus. Seine unermüdlichen Predigten für Christus haben Erfolg. Und die Devotionalienhändler des alten Ephesus damit ein heftiges Problem.

Ephesus ist die Stadt der Göttin Artemis. Ihr Tempel gehörte zu den sieben Weltwundern, und Religion war auch damals schon ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wie hoch die Umsatzeinbußen waren wissen wir nicht, aber es wurden wohl deutlich weniger kleine Tempelchen und ähnliches gekauft. Es müssen also schon gravierende Einkommensverluste gewesen sein, die Demetrius und die Seinen auf die Straße treiben und dann zur "Kundgebung" ins Theater. Großdemo in Ephesus. Paulus erscheint nicht. Gute Freunde halten ihn zurück. Paulus wird dies mit Zähneknirschen hingenommen haben. Seine Temperamentsausbrüche sind gefürchtet, manche Zeilen seiner Briefe lassen sie erkennen, so wenn er an seine aufmüpfigen Korinther schreibt: "Was zieht ihr vor: Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liebe und im Geist der Sanftmut?" (1 Kor 4,21).

Nun – die Freunde in Ephesus schaffen es, ihn diesmal in der Sanftmut zu halten.

Im Theater geht das Theater weiter. Erst nach zwei Stunden gelingt es dem Stadtschreiber, die Menge zu beruhigen und sie auf den normalen Rechtsweg hinzuweisen. Er löst die Menge auf. Mit Erfolg, der Tumult legt sich. Ob es jemals zu einem offiziellen Verfahren gekommen ist, wissen wir nicht. Denn die Apostelgeschichte beendet diese Episode mit dem schlichten Hinweis: "Nachdem der Tumult sich gelegt hatte, rief Paulus die Jünger zusammen und sprach ihnen Mut zu. Dann verabschiedete er sich und ging weg, um nach Mazedonien zu reisen" (Apg 20,1). Paulus verlässt die Stadt. Das Ende seines Aufenthaltes war gekommen.

Paulus sorgte in Ephesus für Unruhe

Über zwei Jahre lebte Paulus in Ephesus. Ephesus liegt 75 Kilometer südlich der türkischen Hafenstadt Izmir. Ursprünglich griechische Kolonie, kam Ephesus gegen 190 v. Christus unter römische Herrschaft. Kaiser Augustus machte es dann später zur Provinzhauptstadt Asiens. Wohl zwischen 52 und 55 muss Paulus dort gelebt haben. In Ephesus schreibt Paulus Briefe nach Korinth, zwei sind erhalten. Der Philipperbrief wird dort abgeschickt und der Brief an Philemon. Ephesus war durch seinen Götterkult ein Ort der Magie. Paulus tritt dagegen an und zeigt auf die verschiedenste Weise, dass Jesus Christus, den er verkündigt, mächtiger ist als alle Mächte der Welt. Anscheinend mit Erfolg. Von Umkehr ist die Rede. Es heißt, dass viele ihre Zauberbücher, nachdem sie Paulus erlebt hatten, vor allen Augen verbrannten. Wert 50.000 Drachmen – der Jahresverdienst von ungefähr 200 Menschen.

Es sind große Bilder, die vom Erfolg seines Aufenthaltes auf Ephesus erzählen. Aber war es insgesamt so? Sind die Schilderungen des Lukas in der Apostelgeschichte nicht nur farbige Momentaufnahmen, aber eben nur Momentaufnahmen? Die gesamte Zeit ist wohl eher ein Auf und Ab, ein Wechsel von Zustimmung und Ablehnung. Es sind gute und schlechte Tage. Man nimmt an, dass Paulus in Ephesus auch einige Zeit im Gefängnis verbracht hat.

Paulus in Ephesus in der Darstellung von Gustave Dore (etwa 1866) (imago/Leemage)Paulus in Ephesus in der Darstellung von Gustave Dore (etwa 1866) (imago/Leemage)Die Briefe aus Ephesus erzählen viel. Sie erzählen viel über Paulus selbst und über die Spannung, in der jeder steht, der sich auf den Gott Jesus Christi einlässt. In allem Zuspruch, aber auch und besonders in aller Bedrängnis, erinnert sich Paulus immer wieder daran, dass alles von Gott abhängt. Auf ihn setzt er sein Vertrauen, nicht auf sich selbst. Das ist die Linie, das ist seine Hoffnung, seine Motivation. Das ist die Kraft, in der er lebt, aushält und verkündigt.

Deshalb reagiert er deutlich, wenn man ihn in den Mittelpunkt stellt. Die Verehrung seiner Person lehnt er ab. Er kennt sich zu gut. Das ist nicht Koketterie, sondern trifft das Innerste seiner Persönlichkeit. Im ersten Korintherbrief schreibt er:

"Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes." (1 Kor 2, 4-5)

In "Schwäche und Furcht, zitternd und bebend" erfährt er sich selbst. Das und ähnliches betont Paulus immer wieder.

"… was mich selbst angeht, will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit. Wenn ich mich dennoch rühmen wollte, wäre ich zwar kein Narr, sondern würde die Wahrheit sagen. Aber ich verzichte darauf; denn jeder soll mich nur nach dem beurteilen, was er an mir sieht oder aus meinem Mund hört. Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark". (2 Kor 12, 5b-11)

Wenn ich schwach bin, bin ich stark

Was ist dieser Stachel? Darüber haben Theologen immer wieder gebrütet und die unterschiedlichsten Antworten gegeben. Von Krankheiten ist die Rede, die ihn belastet haben und geschwächt. Vielleicht ist aber auch etwas anderes gemeint. Ich denke an zwei Dinge. Das eine kann jeder Prediger erleben. Da predigt man, nach guter langer Vorbereitung, wohlformuliert, so wie man es gelernt hat, bestens akzentuiert und kann sich schon beim Predigen der leisen Selbstzufriedenheit kaum erwehren: Ja! So ist es richtig. Und man geht zurück auf seinen Platz, verbirgt im Gesicht zwar – auch gekonnt – Züge des Sieges, ist aber insgemein stolz und zufrieden über die eigene Leistung.

Und was geschieht? Nichts. Gar nichts. Höflichkeit vielleicht. "Schön gesprochen, Herr Pastor…". Nur: schön reden ist nicht genug.

Und dann gibt es die Predigten, in denen man glaubt, man stammle nur. Wenn die richtigen Dinge nicht einfallen, man hier sich dem eigenen Amen entgegensehnt, um sich dann zum Sitz zurückzubewegen – oder mehr zu schleppen, mit dem Gedanken: Erde tu dich auf und verschlinge mich … nichts kannst Du! Warum entzieht Dir keiner die Lizenz zu sprechen…

Und dann: dann passiert genau das Gegenteil; ein Brief, ein Anruf, ein Gespräch … Da war ein Gedanke, ein Wort, das geholfen hat, das genau passte… Und man lässt sich daran erinnern, weil man selbst gar nicht weiß, dass man so etwas gesagt hat. Krumme Zeilen, auf denen Gott gerade schreibt. Werkzeuge, die sich nie sicher sein können, die angewiesen sind auf ihn selbst: Gott, der allein Menschen berühren kann, wohl durch Menschen. Und dies immer wieder. "Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark", sagt Paulus.

Undatierte Kohlezeichnung des dänischen Theologen, Schriftstellers und Philosophen Sören Kierkegaard. (dpa / picture alliance)Undatierte Kohlezeichnung des dänischen Theologen, Schriftstellers und Philosophen Sören Kierkegaard. (dpa / picture alliance)

Der zweite Gedanke geht darüber hinaus. Sören Kierkegaard, dänischer Gottsucher, Philosoph und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, sieht im Wort vom "Stachel im Fleisch" das Gegengewicht zu den Schilderungen des Paulus über seine übernatürlichen Erlebnisse. "Stachel im Fleisch" versus "dritter Himmel". Es gibt die Momente, wo alles im hellsten Licht erscheint, wo man mit jeder Faser seines Lebens glaubt, dass das Glück pur da ist, man wie Petrus vor Sicherheit aufs Wasser springen möchte… das sind die Taborstunden unseres Glaubens, in denen wir Kraft bekommen für die anderen Zeiten.

Die auch wahr sind. Selbst Petrus hält es nicht lange auf dem Wasser, die Angst schleicht sich ins Herz, und das Wasser steigt ihm bis zum Hals. Der Zweifel wohnt oft direkt neben unserem Halleluja. Das ist zwar schmerzhaft, aber wahrscheinlich auch gut so. Ist ernüchternd, aber heilsam. Bewahrt vor Selbstüberschätzung und ist eine Schwäche, die notwendig ist, um empfangen zu können.

"…denn, wenn ich schwach bin, dann bin ich stark." Es kann sein, dass diese Schwachheit für manche die tiefste Nacht bedeuten kann. Wenn alles entzwei bricht, was eben noch so klar war, das Nichts als Anfechtung. Das allerletzte radikale Angewiesen-Sein auf die Kraft Gottes. Weil ich selbst nichts mehr vermag. Und ich mich im Hoffen auf das Licht an die Erinnerung klammere und an den Halt der Formen, der Riten … so wie es die französische Dichterin Marie Noel beschreibt:

"Was kann bei erloschenem Himmel ein Körper ohne Seele tun? Nichts, außer sich erinnern. Sich erinnern an Christus, den er gesehen hat, und da, auf der alten Liebe, einschlafen, mit gefalteten und vertrauenden Händen der alten Gewohnheiten, mit der durch Gebete abgenützten Zunge. Und im Einschlafen wiederholen: Amen" (Notes Intimes 1959, Erfahrungen mit Gott, Mainz 2005).

Jeder ist aufgefordert, zu geben, was empfangen wurde

Nun muss nicht jeder in solche Nächte, wird nicht jedem diese Glaubensfinsternis zugemutet, aber der Stachel im Fleisch, die Erinnerung an die eigenen Schwächen bewahrt vor Hochmut, lässt uns manchmal unsanft aus der Eitelkeit auf dem Boden landen, bewahrt vor frommer Selbstüberschätzung und religiöser Arroganz. Führt in ein sehr gefülltes Schweigen. Vieles an Erfahrung geht nicht in die Worte und wird schal, wenn es versucht, in die Worte zu springen. Welche Riesenansammlung von religiösem Wortmüll wird täglich auf dieser unserer Erde aufgehäuft. Wie leichtfertig werden mit den Namen Gottes Pirouetten gedreht, welche albernen Preisungen ekstatischer Emotionschristen muss sich der liebe Gott täglich in ewiger Geduld anhören? Und was manche alles so ganz genau wissen... Soll man nun besser ganz schweigen? Im Sinne von: sich ergeben, hat ja doch alles keinen Sinn?

Im Gegenteil. Nein, aus diesen Spannungen werden wir zwar nicht entlassen, können scheitern, fallen ins Leere, sind vor eigenem Unsinn nicht geschützt. Deshalb erinnert und bewahrt die Kirche den Kern der Botschaft durch alle Stürme, treu am Wort und fest in Gott verankert. Wir sind gut versichert.

Aber gerade deswegen ist jeder und jede auf seine Weise gefordert, das zu sagen, was gesagt werden kann. Weiter zu geben, was empfangen wurde, vom Glauben zu sprechen, der mir geschenkt ist. Davon kann ich, nein, davon muss ich reden. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, sagt das Sprichwort. Nicht bei jedem ist das Herz so reich und vielfältig gefüllt wie beim reisenden Apostel, aber Jünger sind wir alle. So wie wir sind. Mit allem Auf und Ab, mit den so unterschiedlichen Facetten unseres Lebens. "Unverkennbar seid ihr ein Brief" (2 Kor 3,3) schreibt Paulus.

Ein Mosaik des Apostel Paulus in der Chora Kirche / Kariye-Museum (imago / imagebroker)Ein Mosaik des Apostel Paulus in der Chora Kirche / Kariye-Museum (imago / imagebroker)

Geschrieben nicht auf steinerne Tafeln, sondern in Herzen von Fleisch. Dieser Brief ist lesbar, auch wenn er nie alles wiedergeben kann, was zu sagen wäre. Nicht jeder kann alles, aber jeder kann etwas. Es gilt den Platz zu entdecken. Vielleicht genau dort, wo man ihn nicht vermutet. Auch Paulus wird nicht als vollendet mustergültig wahrgenommen. Seine Schreibkunst schon, die sei "wuchtig und voller Kraft, aber sein persönliches Auftreten ist matt und seine Worte sind armselig", zitiert er selbst seine Kritiker (2 Kor 10,10). Was ihn nicht hindert, selbstbewusst weiter zu wirken. "Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!"(1 Kor 9,16). Er hat gar keine andere Wahl. Niemand, der ganz von Jesus Christus ergriffen ist, hat eine andere Wahl. Er darf nicht schweigen, sondern muss reden, auch wenn er stammelt.

Es ist modisch, darüber nachzudenken, was und wie Paulus heute verkünden würde, welche Mails er schreiben, auf welchen Internetforen er sich tummeln würde. Wie sähe seine Homepage aus, ließe er sich in das Minutenkorsett eines "Wort zum Sonntag" pressen? Alles alberne und nutzlose Spekulationen. Vielleicht ginge Paulus ganz andere Wege. Wege, die möglich sind, die uns aber nicht mehr einfallen, weil wir so beschäftigt sind mit dem, was ist, dass wir uns gar nicht mehr fragen, was sein könnte. Jenseits aller Bewahrungs- und Renovierungsversuche, die uns in Atem halten. Auf den Heiligen Geist würde er uns wahrscheinlich verweisen, aber auf den echten, nicht auf den, der schnell zur Hand ist, oder besser, den man schnell missbraucht, um auszuweichen, zu kaschieren, oder "es wird schon alles gut" zu säuseln.

Feuer, Sturm und Leidenschaft

Vom Feuer würde er reden, vom Sturm, von Leidenschaft und Sehnsucht. Aber immer so, dass es verstanden wird. Nicht jeder Boden ist bereit für alles. Was für den einen richtig und jetzt angezeigt, "dran" ist, ist für den anderen jetzt vielleicht genau falsch. "Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen" (1 Kor 3,2). Alles hat und braucht seine Zeit. Paulus weiß um die unterschiedlichen Lebenswelten, Milieus und Biografien, in die er gestellt ist, in denen er lebt und in die hinein er Stimme und Feder richtet.

Deswegen geht es ihm weniger um konkrete Handlungsanweisungen, sondern er wirbt mehr für eine Änderung des Bewusstseins. Ihm geht es um eine neue Haltung, die allerdings radikale Umkehr erfordert. Das meint, so durchdrungen zu sein, oder besser sich so durchdringen zu lassen von Gott, von seiner Liebe, dass man das Gute und Wahre nicht nur tut, weil man es tun soll, und weil man dazu verpflichtet ist, sondern weil man gar nicht anders kann. Das Böse, die Versuchungen, sie haben keine Macht mehr, man ist quasi immun. Nur – wer könnte das von sich sagen? Oder wer könnte es so sagen, dass er diesen Zustand immer spüren würde?

Der amerikanische Schriftsteller John Updike im Jahr 1985. (dpa/ picture alliance / Michael Probst)Der amerikanische Schriftsteller John Updike im Jahr 1985. (dpa/ picture alliance / Michael Probst)

Da ist es gut, Orientierungspunkte zu haben. Immer wieder braucht es Verkündiger wie Paulus. Menschen die Grenzen überschreiten, die ins Niemandsland gehen, die sich mit allem auseinandersetzen, was ist. Nichts ist zu fremd. Alles ist anschaubar. Nichts unberührbar. John Updike, der verstorbene amerikanische Menschenbeobachter und Schriftsteller, notiert einmal:

"Ich habe mir das Recht genommen, das Leben so genau zu beschreiben, wie es mir nur möglich war, mit besonderer Beachtung menschlichen Zerfalls und menschlichen Betrugs. Dem Rest von Glauben, den ich besitze, verdanke ich meinen künstlerischen Mut. Ich war fest davon überzeugt, dass Gott sowieso schon alles weiß und nicht schockiert werden kann." (John Updike, Self-Consciousness. Memoirs, New York 1989).

Das ist sicher wahr, aber keine wirkliche Beruhigung.

Der Versuch, Menschen Wege aus dem Labyrinth zu zeigen

Es braucht sicher Menschen, denen, ohne darin aufzugehen, nichts fremd ist, was Welt bedeuten kann. Die aber genug Himmel in sich tragen, um ihr zu begegnen, um Menschen Wege aus dem Labyrinth zu zeigen. Paulus hat das in Ephesus versucht und an all seinen anderen Orten. In seiner Welt, in seinem Umfeld, das er zu bestehen hatte. Immer unterwegs. Er war keiner, der sich ein Haus baut. Die spätere "Mietwohnung" in Rom ist ein schönes verbales Signal für die Unbehaustheit und Sehnsucht eines Menschen, der Tür an Tür mit Gott wohnt. Und der sich danach sehnt, ihn zu schauen, so wie er ist, war und ewig bleibt.

Viel, viel später hat ähnliche Sehnsucht einen Menschen diese Zeilen schreiben lassen:

"Gemeinsames Suchen nach der Insel,
die schon immer die unsere war,
die uns immer von fremdem Land
auf sich hinzieht –
Insel im weiten Meer schweigenden Ringens,
stets gesucht, von Ferne gesehen, nie erreicht.
Unsere Hoffnung:
Schließlich als Zerschlagene zu Tode ermattet
von der Brandung auf den Strand geworfen zu werden –
müde und glücklich."

(Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, München 1965)

Sie stammen von Dag Hammarskjöld, dem 1961 verunglückten UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger. Nach seinem Tod fand man ein dichtes und bewegendes spirituelles Tagebuch.

So tief die Worte dieses leidenschaftlichen Christen auch sind, ihm wäre es sicher nicht recht, eine Paulusmeditation damit zu beenden. Das soll dem Apostel selbst vorbehalten sein, der uns mit den Ephesus-Worten an die Philipper eben auf dieser Suche nach dem Ewigen stärkt und ermutigt:

"Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Amen." (Phil 4,7)

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