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Tonart | Beitrag vom 23.11.2020

Paul Celans Leben als OperErkundungen eines schwierigen Menschen

Von Elisabeth Hahn

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Dresden (Sachsen): Auf Fliegenpilzen sitzt am 21.03.2001 während der Hauptprobe zur Opern-Uraufführung "Celan" das Ensemble auf der Bühne der Dresdner Semperoper. Die Musik komponierte der designierte künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka. In Szene gesetzt wird das Stück von Claus Guth. Das zweistündige Werk trägt den Untertitel "Musiktheater in sieben Entwürfen" und stellt Bezüge zum Leben des jüdischen Dichters Paul Celan (1920-1970) her. Die Oper wird am 25.03.2001 uraufgeführt. (DRE43-220301) | Verwendung weltweit (picture alliance / Zentralbild / Matthias Hiekel)
Im Jahr 2001 wurde Peter Ruzickas Oper "Celan" in Dresden uraufgeführt. (picture alliance / Zentralbild / Matthias Hiekel)

Vor 100 Jahren wurde Paul Celan geboren. Er gehört zu den meistvertonten Dichtern in der deutschsprachigen zeitgenössischen Musik. Auch die Komponisten Sarah Nemtsov und Peter Ruzicka haben sich von Celans Werk und Leben inspirieren lassen.

"Ich habe mich eigentlich an seine Gedichte in gesungener Form nicht gewagt, weil ich das Gefühl hatte, dass sie schon gesprochen reinste Musik sind auf eine Art. Also es fühlte sich für mich damals schwierig an, sich die Worte gesungen vorzustellen", sagt die Komponistin Sarah Nemtsov.

Und ihr Kollege Peter Ruzicka meint: "Für mich war es die Konsequenz aus der Einsicht, dass eine unmittelbare Vertonung celanscher Texte nicht tunlich ist. Ich würde heute sogar von einem Berührungsverbot sprechen."

Der Kern des Dichters bleibt unberührt

Unvertonbar, unberührbar. Die Komponistin Sarah Nemtsov und der Komponist Peter Ruzicka gehen auf Abstand zur Lyrik von Paul Celan – und suchen doch immer wieder die Nähe. Beide schreiben ihre erste Oper über den Dichter der "Todesfuge". Sie haben dabei ihren jeweils eigenen Weg gefunden – ohne den Kern des Dichters, seine Poesie, zu berühren.

Porträt des Lyrikers Paul Celan. (picture alliance / Richard Koll)Paul Celan (1920-1970): Der Komponist Peter Ruzicka hatte 1970 ein rätselhaftes Treffen mit dem Dichter. (picture alliance / Richard Koll)

Anfang 1970. Der 21-jährige Ruzicka hat gerade die "Todesfuge" vertont. In Paris bekommt er die Gelegenheit, sich persönlich mit Paul Celan zu treffen. Nur wenige Wochen bevor sich der Dichter das Leben nimmt.

Ruzicka erinnert sich: "Es war eigentlich kein wirkliches Gespräch, es war ein Nichtgespräch, was mit dem Austausch von ein paar Zeichen und Chiffren vielleicht am besten zu erklären ist. Er war eigentlich nicht zugänglich."

Sieben Entwürfe aus dem Leben Celans

Von diesem Treffen mit Paul Celan ist der junge Ruzicka tief beeindruckt – und erschüttert zugleich. Mehrfach setzt er sich musikalisch mit Celan auseinander, vertont Gedichte. Ende der 1990er-Jahre entsteht die Oper "Celan" – sie ist die Quintessenz und der Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem Dichter.

Musiktheater in sieben Entwürfen. Die Oper "Celan" ist keine tönende Biographie. Ruzicka und sein Librettist Peter Mussbach wählen Lebensstationen des Dichters aus – den Holocaust, seine Beziehungen, den Selbstmord. Und formen daraus musikalisch reflektierte Erinnerungsfelder.

Peter Ruzicka erläutert: "Das sind so Momente, die einstehen für eine biografische Skala von Geschehnissen. Dieser biografische Leitfaden, also nicht im Sinne von 'Von der Wiege bis zur Bahre' – aber in dem Spektrum dieses einmaligen Lebens von 1920 bis 1970, das sollte schon gespiegelt werden."

Vertonte Briefe

Musik zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verstummen und Aufschrei – Ruzicka spiegelt damit nicht nur das tragische Schicksal von Celan, sondern bewegt sich immer wieder auf der Grenze zum Unaussprechlichen – und ist darin der Poesie von Celan besonders nah.

Sarah Nemtsov, geboren 1980, gehört einer ganz anderen Generation an. Am Ende ihres Studiums soll sie eine Kammeroper schreiben zum Thema "Liebestod". Die Komponistin ist schockiert und ratlos – bis sie einen Traum hat vom Briefwechsel zwischen Paul Celan und seiner Frau Gisèle Lstrange. So entsteht die Idee zur Oper "Herzland".

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Nemtsov vertont ausgewählte Briefe zwischen Celan und seiner Frau. Der Messerangriff auf sie und später auf sich selbst bilden den dramaturgischen Rahmen. Die kammermusikalische Besetzung erinnert an eine Klezmerkapelle. 

"Die Vorstellung, wenn man an Liebestod und Orchestergraben denkt – und dann so eine Verlorenheit von einer Klezmerkapelle – das fand ich irgendwie ganz passend für diese Verlorenheit von Celan, der ja eigentlich auch kein wirkliches Zuhause mehr gefunden hat", sagt die Komponistin.

Innere Resonanz

Nemtsov interessiert bei Celan auch die jüdische Identität, die sein gesamtes Werk prägt.

"Als Jüdin in Deutschland hab ich ja auch damit zu tun, mit der Geschichte dieses Landes, dem Gefühl der Heimat hier und eigentlich der Unmöglichkeit mit aufkommendem und existierendem Antisemitismus. Also insofern gibt es schon etwas, wo etwas in mir resoniert auf eine Weise."

In "Herzland" verarbeitet Nemtsov Elemente der jüdischen Musik: Sie verwendet jüdische Skalen, rhythmische und melodische Floskeln, Anspielungen. "Und so ist eigentlich das ganze Werk, das ganze 'Herzland' von dieser jüdischen Musik so subkutan durchdrungen. Aber ich wollte es eben nicht so oberflächlich haben, sondern dass es im Untergrund wirkt."

"Herzland" und "Celan". Zwei Opern, die das Leben und Werk von Paul Celan musikalisch umkreisen. Nicht alle Komponistinnen und Komponisten haben solche Berührungsängste mit der Poesie von Celan – doch nur wenige nähern sich mit dieser Ehrfurcht und Hingabe wie Peter Ruzicka und Sarah Nemtsov.

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