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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.01.2016

Paul Cassirer Genie, Mäzen und Frauenheld

Von Eva Pfister

Undatierte Aufnahme des deutschen Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer (1871-1926) (dpa / picture alliance / )
Undatierte Aufnahme des deutschen Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer (1871-1926) (dpa / picture alliance / )

Der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer war ein einflussreicher Mann im Kulturleben Berlins nach 1900. Durch eine Ausstellung in seinem legendären Kunstsalon gelang es ihm, den Impressionismus in Deutschland durchzusetzen Vor 90 Jahren setzte Cassirer seinem Leben ein Ende.

"Die größte Freundschaft und Liebe habe ich nur für Paul Cassirer gehabt, 20 Jahre lang. Das war für mich einer, der mich in eine andere Welt geführt hat, in die Welt, die ich mir erträumt habe, nämlich in die Welt der Kunst, der wirklichen Kunst."

Die Schauspielerin Tilla Durieux erzählt von der großen Liebe ihrer Jugend. 1903 lernte sie den Kunsthändler auf einer Abendgesellschaft kennen und erlag sofort seinem Zauber. Ernst Barlach, einer der Künstler, die von Cassirer gefördert wurden, beschrieb ihn mit beinahe biblischen Worten:

"Er baute und redete mit Zungen; zu schreiben, behauptete er, vermöge er nicht. Er sprudelte und schwamm am liebsten im Strom seiner siedenden Rede, und es würde eines dicken Bandes bedürfen, um seine Berliner Späße, seine Kriegsgeschichten, seine Händlerromane, seine erlebten Kostbarkeiten im Verkehr mit Wedekind, Liebermann, Corinth und – ein Dutzend der besten Namen müssten folgen – vor dem Vergessenwerden zu behüten."

"Alles, was ich weiß und was ich erreicht habe, verdanke ich eigentlich ihm"

Paul Cassirer kam am 21. Februar 1871 in Breslau zur Welt. Er studierte in München und gründete 1898 in Berlin mit seinem Cousin die "Kunst- und Verlagsanstalt Bruno und Paul Cassirer". Als Mitglied der Sezessionisten kämpfte er gegen die etablierte Kunst, die sich an der Vorliebe des Kaisers für die Antike orientierte, und mithilfe seines legendären Kunstsalons gelang es ihm, die französischen Impressionisten und van Gogh in Deutschland durchzusetzen. Cassirer war ein genialer Netzwerker und ein großzügiger Mäzen seiner Künstler und Autoren. Auch seiner Freundin Tilla Durieux nahm sich der selbstbewusste Mann sogleich als Förderer an.

"Alles, was ich weiß und was ich erreicht habe, verdanke ich eigentlich ihm, der mich in jeder Weise geführt und gelehrt hat, aber auch meine Fehler gerügt hat."

Tilla Durieux war eine gefeierte Schauspielerin mit einer herben, aber erotischen Ausstrahlung. Sie bezirzte nicht nur das Theaterpublikum, auch die Künstler rissen sich darum, sie zu porträtieren, von Slevogt über Kokoschka bis hin zu Renoir. Paul Cassirer aber brachte der Wienerin erst einmal richtiges Hochdeutsch bei und führte sie in die deutsche Literatur ein. Die beiden waren ein ungewöhnliches Paar, so die Theaterwissenschaftlerin Renate Möhrmann:

"Sie müssen sich vorstellen, eine Frau in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts, die jeden Abend auf der Bühne steht. Und der Mann findet es gut, der Mann übt die Rollen mit ihr. Er war also sehr viel gebildeter, als er sie kennen lernte. Er steht dahinter, er fördert das."

Depressionen und Wutanfälle

1910 heirateten sie, doch es gab auch Probleme. Der Kunsthändler war ein Frauenheld, das musste Tilla ebenso akzeptieren wie die Missachtung durch die Familie Cassirer. Während des Ersten Weltkriegs verschlimmerte sich Pauls Herzkrankheit, und zusätzlich trat ein Nervenleiden auf, das sich in Depressionen und Wutanfällen äußerte.

"Die Ehe war nicht leicht, denn Paul Cassirer war wirklich ein genialer Mensch. Und es ist nicht leicht, mit genialen Menschen zu leben, nein, nein. Besonders wenn sie Launen haben und so."

In den 20er-Jahren wurde Paul Cassirer zunehmend öffentlich attackiert: als Jude, als Pazifist und vor allem als, wie es hieß, "Schädiger der deutschen Kunst". Auch die Erfolge seiner Galerie bereiteten ihm keine Freude mehr, denn seit der Inflation war die Kunst zur Geldanlage verkommen.

"Nun war ja das Merkwürdige, dass gerade das Geschäft meines Mannes mit Impressionisten ganz toll in dieser Zeit ging, denn die Leute hängten sich Manet, Monet, Cézanne und van Gogh an die Wand wie sie Aktien an die Wand hätten hängen können. Immer mit der Frage: Na, das wird doch noch steigen?"

Der Tod Paul Cassirers am 7. Januar 1926 war so tragisch wie spektakulär. Zermürbt von Pauls Zornesausbrüchen, wollte Tilla Durieux die Scheidung. Man traf sich beim Anwalt. Was dann geschah, schildert die Schauspielerin in ihren Memoiren:

"Wir saßen alle um einen Tisch, plötzlich, vor der Unterzeichnung, erhob sich Paul, murmelte eine Entschuldigung und verließ das Zimmer. Gleich darauf fiel ein Schuss. Ich stürzte ins Nebenzimmer und fand Paul am Boden liegend und mir entgegenrufend: 'Nun bleibst du aber bei mir!'"

Zwei Tage später erlag Paul Cassirer seinen Verletzungen.

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