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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.02.2017

Paul Auster in Brooklyn"Die Welt ist in meinem Kopf"

Von Thomas David

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Der US-Autor Paul Auster während einer Pressekonferenz in Spanien (März 2006). (picture alliance/epa/J.l. Cereijido)
Der US-Autor Paul Auster spricht über die Literatur und sein Leben. (picture alliance/epa/J.l. Cereijido)

Am 3. Februar 2017 wird der amerikanische Schriftsteller Paul Auster 70 Jahre alt. Mit "4321" veröffentlicht er zu seinem Geburtstag eines seiner Meisterwerke. Wir haben Auster in Brooklyn besucht und ausführlich zu seinem Werk befragt. Daneben kommen seine Ehefrau, die Schriftstellerin Siri Hustvedt sowie seine amerikanische Lektorin und sein ehemaliger Verleger Michael Naumann zu Wort.

Der Roman "4321" ist 1200 Seiten lang und handelt vom Reichtum und der unerschöpflichen Erfindungskraft des Lebens. Seit seiner in den 80er-Jahren erschienenen "New York Trilogie" zählt Paul Auster zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Die US-Autorin Siri Hustvedt zum Lesart-Interview in Studio 5 (Deutschlandradio / Daniel Marschke)Die US-Autorin Siri Hustvedt zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio / Daniel Marschke)

In der Sendung blickt Auster auf seine Anfänge als Schriftsteller zurück, erzählt von der Arbeit an "4321", seinem ersten Roman seit sieben Jahren, und dem politischen Klima in den USA mit Donald Trump als dem neuen Präsidenten.


Das ganze Manuskript:

Paul Auster liest: "Der Familienlegende zufolge verließ Fergusons Großvater, versehen mit hundert Rubeln, die ins Futter seines Jacketts eingenäht waren, zu Fuß seine Heimatstadt Minsk, gelangte über Warschau und Berlin nach Hamburg und buchte dort die Überfahrt auf einem Schiff namens Kaiserin von China, das bei rauen Winterstürmen den Atlantik überquerte und am ersten Tag des zwanzigsten Jahrhunderts im New Yorker Hafen einlief."

"Auf Ellis Island, beim Warten auf die Befragung durch einen Einwanderungsbeamten, kam er mit einem anderen russischen Juden ins Gespräch. Der Mann riet ihm: Vergiss den Namen Reznikoff. Der wird dir hier nichts nützen. Du brauchst einen amerikanischen Namen, einen, der sich gut amerikanisch anhört."

"Sag ihnen, du heißt Rockefeller, sagte der Mann. Damit kannst du nichts falsch machen."

In "4321", seinem neuen, in deutscher Übersetzung mehr als 1200 Seiten langen Roman, erzählt der amerikanische Schriftsteller Paul Auster die Geschichte seines Lebens.

Auster erzählt von Kindheit und Jugend seines im März 1947 geborenen Protagonisten Archibald Ferguson. Den in vier verschiedene Lebenswege aufgespaltenen Entwicklungsroman eines in den fünfziger und sechziger Jahren heranwachsenden Amerikaners, den Austers eigene Biografie wie ein fünfter Erzählstrang immer wieder streift oder kreuzt. "4321" ist der Roman seines Lebens. Der monumentale Gipfelpunkt im Werk des als Nachfahre osteuropäischer Juden in Newark, New Jersey, zur Welt gekommenen Autors, der am heutigen 3. Februar seinen 70. Geburtstag feiert.

Die bis ins Jahr 1900 zurückreichende Biografie von Fergusons aus Russland stammender Familie, beginnt mit einem Witz.

Auster liest: "Eine Stunde verging, und noch eine, und als der neunzehnjährige Reznikoff endlich bei dem Einwanderungsbeamten an die Reihe kam, hatte er den Namen, zu dem der Mann ihm geraten hatte, längst wieder vergessen. Ihr Name?" 

"Ich hob fargessen! Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson." 

Die Lektorin

Barbara Jones: "Er spannt seinen Bogen und zieht den Pfeil im Leben seiner Figur sehr weit zurück, und indem er diese Familiengeschichte erzählt, lässt er einen von Anfang an wissen, wie groß diese Geschichte werden wird."

Barbara Jones: Seit "Winterjournal" und "Bericht aus dem Inneren", den "4321" vorausgegangenen autobiographischen Büchern, ist sie Paul Austers

Lektorin im New Yorker Verlag Henry Holt.

Barbara Jones: "Ich erinnere mich, wie ich Paul einmal zum Mittagessen traf, während er noch an '4321' arbeitete. Er sagte immer wieder: 'Realistische Literatur!' Er sagte: 'Tolstoi!' So ein Ausmaß! Der immense Rahmen dieses Romans, ist etwas, das Paul noch nie zuvor versucht hatte, und er schwelgte darin."

Der ehemalige Verleger 

Michael Naumann: "Sein jüngstes Buch ist bevölkert mit einem im Grunde genommen nur jüdischen Nachbarn einer jüdischen Familie, samt und sonders alle säkularisiert, alle eher linksliberal, also typische New Yorker Juden."

Michael Naumann: Paul Austers ehemaliger Verleger, ein langjähriger Freund des Schriftstellers: "Zum ersten Mal habe ich bei der Lektüre seiner Bücher den Eindruck, ja, in der Tat, hier kreist einer in immer neuen Varianten um seine eigene Biografie."

Barbara Jones: "Es scheint mir offensichtlich, dass die Arbeit an 'Winterjournal' und 'Bericht aus dem Inneren', den beiden Memoiren, in denen Paul sich auf intensive Weise mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt hat, mit seiner Herkunft und seiner Kindheit, mit der physischen Welt seines Körpers und der inneren Welt seiner Bewusstwerdung und Vorstellungen, dass diese Arbeit den Weg für den neuen Roman geebnet hat. (...) Die vier Jungs, in die sich Archie Fergusons Figur aufspaltet, sind in derselben Stadt wie Paul zur Welt gekommen und durchleben dieselbe Phase der amerikanischen Geschichte."

Michael Naumann: "Ich find das überraschend, witzig. Allesamt sind sie interessante, liebenswerte Figuren mit dem schönen Namen Ferguson von 'Ich hob fargessen'. Kurz und gut, jüdisches Leben spielt normalerweise in den amerikanischen Romanen von Paul Auster nicht die zentrale Rolle. Eigentlich gar nicht." 

Paul Auster: "Ich hatte dieses Buch nicht lange nach meinem 66. Geburtstag begonnen, also genau in dem Alter, in dem mein Vater ganz plötzlich gestorben war. Es ist ein merkwürdiger Augenblick im eigenen Leben, wenn man das Alter erreicht, in dem ein Elternteil gestorben ist, und man selbst weiterlebt. Ich war mir sicher, dass auch ich sterben würde, dass meine Zeit sich dem Ende näherte, und schrieb das Buch daher in einer Art Furor, weil ich es unbedingt vollenden wollte. (...) Ich dachte, die Arbeit würde mich fünf oder sechs Jahre kosten, aber ich schaffte sie schließlich in drei. Ich gab in dieser Zeit keine Lesungen, keine Interviews und saß oft sieben Tage die Woche unten im Haus in meinem kleinen Bunker und hatte das Gefühl, die Wörter aus der Luft zu schnappen und aufs Papier niederzuzwingen. In dieser Hinsicht fühlte sich das Schreiben anders an als alles, was ich bisher erlebt hatte."

Behagliches Ambiente einer wohlhabenden Boheme 

Anfang Januar sitzt Paul Auster am Esstisch des Hauses in Brooklyn, das er zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, bewohnt, und erzählt von der Arbeit an "4321". Draußen das Schneetreiben, das in der Nacht über New York hereingebrochen ist. Im Wohnzimmer des vierstöckigen Brownstone-Hauses steht noch ein großer, hell erleuchteter Weihnachtsbaum. Gut drei Wochen vor seinem 70. Geburtstag und dem Erscheinen des neuen Romans, wirkt Auster rastlos. Ein Mann in der Schwebe.

Bücherregale, Bilder und feines Porzellan; das behagliche Ambiente einer wohlhabenden Boheme. Auf einem kleinen Tisch am Fenster stehen bereits die ersten Exemplare der amerikanischen und der englischen Ausgabe des Romans. Zu Beginn des Gesprächs hat Auster sie für seinen Besucher aufgeblättert: stolz, liebevoll, beinahe zärtlich.

So als wäre Auster noch immer erstaunt darüber, dass ihm tatsächlich das Glück beschieden war, den Roman über seinen Protagonisten Archie Ferguson zu beenden, der in einem der vier parallelen Erzählstränge bereits als Dreizehnjähriger bei einem Sturm ums Leben kommt, in einem anderen als Zwanzigjähriger bei einem Verkehrsunfall stirbt und nur in der letzten der verbleibenden Lebensvariationen zu dem Schriftsteller wird, der als "einzig Übriggebliebener" die imaginären Parallelbiographien der anderen erzählen kann. 

"4321" handelt von der Magie des Zufalls, die den Verlauf des Lebens beherrscht; von sich "endlos gabelnden Wegen"; von der "Musik des Zufalls", die bereits den Charakter von Austers "New York-Trilogie" bestimmt. Die Frage nach den glück- oder schicksalhaften Wendungen eines anderen Lebens, die emphatische, der Literatur buchstäblich eingeschriebene Frage nach dem Leben der Anderen, bezieht Auster dabei immer auch auf sich selbst. Im Spiegellabyrinth seines kaleidoskopischen Werkes - 17 Romane, mehrere Memoiren- und Essaybände, Gedichte, Übersetzungen und Filmdrehbücher. 

Auster: "Ich habe mir diese Frage mein ganzes Leben lang gestellt: "Was wäre, wenn...?" Was wäre, wenn ich in einer anderen Stadt aufgewachsen wäre? Was wäre, wenn mein Vater bereits gestorben wäre, als ich sieben war. Wie hätte mich dies verändert? Was wäre, wenn ich nie meiner Frau begegnet wäre? Was, wenn dies? Was, wenn das?"

Die Ehefrau

Siri Hustvedt: "Paul hat einmal über eine tiefgehende Erfahrung geschrieben, die er in einem Ferienzeltlager machte, als ein anderer Junge vor seinen Augen vom Blitz getroffen wurde und starb." 

Siri Hustvedt: Seit 1982 Austers Ehefrau und erste Leserin. Auch 1982 erschien - nach mehreren Lyrikbänden - Austers Prosaband "Die Erfindung der Einsamkeit", inspiriert vom Tod seines Vaters. 

Siri Hustvedt: "Paul war damals vierzehn Jahre alt, und ich glaube, man kann die Kraft dieser Erfahrung kaum überschätzen. (...) Paul hat diese Erfahrung in seinen Romanen auf eine Art und Weise verarbeitet, die einen verstehen lässt, wie verwundbar jeder Mensch durch Umstände ist, die sich seiner oder ihrer Kontrolle entziehen."

Auster: "Wir alle denken über diese Dinge nach, und mit zunehmendem Alter wird die Frage immer dringlicher, da du auf sehr viel mehr zurück- als vorausblicken kannst und sich die Gestalt deines Lebens bereits herausgebildet hat. Ich meine, ich werde an meinem nächsten Geburtstag, der mir in wenigen Wochen bevorsteht, ein alter Mann sein."

Siri Hustvedt: "'Umstände, die sich der Kontrolle entziehen' ist übrigens ein Zitat aus

einem Roman von Charles Dickens, in dem eine der Figuren vom Druck äußerer

Umstände vollkommen übermannt wird. (...) Das ist bei den vier Fergusons in Pauls Roman nicht der Fall, aber ihre Wege sind nicht allein durch eigenen Willen bestimmt, sondern durch das, was ihnen zufällig widerfährt."

Vier verschiedene Archie Fergusons

Auster: "Ich wollte mir keine verschiedenen Figuren ausdenken, es musste sich um ein- und dieselbe Figur handeln, die lediglich in jeweils leicht veränderte Umstände hineingeboren wird. Der Vater wird reich. Der Vater verliert sein Geld."

Der Vater des einen Archie Ferguson kommt bereits 1956 bei einem Brand seines Geschäfts für Möbel und Haushaltsgeräte in Newark ums Leben. Der Vater eines anderen Archie Ferguson baut das Geschäft aus und wird Besitzer einer Kette von Elektroläden. Der erste Archie Ferguson verliert 1964 bei einem Autounfall zwei Finger, was schließlich seine Einberufung nach Vietnam verhindert. Der zweite Archie Ferguson wird von seinen wohlmeinenden Eltern in ein Ferienzeltlager geschickt.

Auster: "All die verschiedenen, in ein einzelnes Leben eingebetteten Permutationen – das war es, was mich interessierte. Die ganze Kombinatorik aller Geschichten, die die Identität eines einzelnen Menschen ausmachen."

Der dritte Archie Ferguson entdeckt im New York der sechziger Jahre seine Bisexualität und macht Karriere als Filmkritiker und Journalist. Der vierte Archie Ferguson erlebt als Vierzehnjähriger auch in einem Zeltlager den plötzlichen Tod eines Freundes und schreibt wenige Monate später seine bisher beste, von der Kraft dieser Erfahrung inspirierte Kurzgeschichte.

Vier - drei – zwei - eins: "Was für ein interessanter Gedanke", so Ferguson, dessen Lebensgeschichten Auster vor einem weiten, detailreich gekennzeichneten Panorama amerikanischer Kultur- und Zeitgeschichte entfaltet. "Was für ein interessanter Gedanke sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe."

Als scheinbar unerschöpflicher Quell vielfach variierter, in all ihren Möglichkeiten erprobter Geschichten, ist Austers Roman zugleich Zeugnis der vitalen Imaginationskraft eines Autors, der im Winter seines Lebens mit jugendlicher Abenteuerlust das gesamte Terrain seiner inneren Welt durchmisst und abermals die bereits in einer 1967 notierten poetologischen These formulierte "seltsame Duplizität des Lebens" erforscht - "die unauflösliche Verbindung" von innerer und äußerer Realität: "Die Welt ist in meinem Kopf. Mein Körper ist in der Welt."

Auster: "Diese Jahre haben mein politisches Bewusstsein geprägt. Ich war 13 als Kennedy gewählt wurde. Seitdem habe ich alles mit großer Aufmerksamkeit verfolgt - und nun werde ich 70."

Auster: "Ich habe also 57 Jahre sehr genau hingesehen, und der Vietnamkrieg war die zu meinen Lebzeiten vermutlich größte Katastrophe - an der Amerika beinahe zerbrochen wäre.

Dieser Krieg hat uns nicht zerbrochen, aber geschwächt. Und ich glaube, wir haben uns nie ganz davon erholt, obwohl inzwischen viele Jahre vergangen sind." 

Michael Naumann: "Das ließ sich gar nicht vermeiden, dass er politisch geworden ist in dem Sinne, wie das diese ganze Generation in Amerika geworden ist, die sich auseinandersetzen musste mit der Gefahr, eingezogen zu werden und in einem Krieg zu dienen, von dem die Hälfte, wenn nicht sogar die Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft nicht überzeugt war. Und mit recht nicht überzeugt war."

Auster: "Die zwei größten öffentlichen Ereignisse, die ich durchlebt habe, waren das Attentat auf Kennedy und die Anschläge vom 11. September 2001. Gegenwärtig sind wir mit etwas vollkommen Neuem konfrontiert, und wir müssen abwarten, was passiert. Ich möchte keinerlei Prognosen abgeben, aber ich kann nur sagen: Wenn wir keinen Widerstand leisten, sind wir verloren."

New York mit Trump Tower

Der noch etwas verschlafene Straßenverkehr eines Sonntagmorgens. Taxis und Busse, fahren die Fifth Avenue hinab; aus der Ferne die Glocken der Saint Thomas Church.

Anfang Januar, etwa zwei Wochen vor Donald Trumps Amtseinführung, wirkt New York als durchlebe die Stadt "ein sonderbares Interregnum", wie es irgendwo in Austers neuem Roman heißt: "eine Zeit zwischen zwei anderen Zeiten, eine zeitlose Zeit". Vor den Geschäften noch die Lichter der Weihnachtsdekoration, am Straßenrand hier und da ausrangierte Tannenbäume im Schneematsch.

Zwei eilig dahinschreitende Polizisten mit Kaffeebechern, Passanten mit Einkaufstüten. Am Ende der 56th Street, an der mit Sperrgattern versehenen Ecke zur Fifth Avenue, ein am Straßenrand parkender Bus des New York Police Departments, dahinter Übertragungswagen von Fox News und CBS. Gegenüber vom Trump Tower die am Vormittag noch verhüllten Kameras der Fernsehteams, auf dem Gehweg einige Touristen, die das bronzefarbene

Hochhaus mit ihren Smartphones fotografieren. 

Unmittelbar vor dem mit Sperrgattern abgesicherten, von drei mit Gewehren bewaffneten Polizisten bewachten Eingang zum Trump Tower strömt Dampf aus einem Kanaldeckel. Im hohen, über mehrere Stockwerke gehenden Atrium des Towers goldglänzendes Licht.

Rosa Marmor, Goldimitat und Spiegel, die das imposante Foyer noch weitläufiger erscheinen lassen. Vor den von Sicherheitspersonal bewachten Fahrstühlen eine Gruppe wartender Reporter und Fotografen. Neben den Fahrstühlen eine Boutique mit Ivanka Trumps Schmuckkollektion.

Erste Besucher, die durch das Atrium schlendern oder eine der langen Rolltreppen hinauf in die obere Etagen fahren. Bewaffnete Polizisten, Sicherheitspersonal in dunklen Anzügen. Am hinteren Ende des Atriums ein vielleicht zwanzig Meter hoher Wasserfall.

Im "Trump Café" auf der mit Palmen versehenen Gartenebene des Atriums mehrere in ein Gespräch vertiefte Männer. Ein deutscher Tourist, der in Paul Austers "Leviathan" liest, dem 1992 erschienenen Roman über einen Schriftsteller, der überall im Land terroristische Anschläge auf Nachbildungen der Freiheitsstaute verübt. Ein kleiner runder Tisch, an dem drei Polizisten sitzen, sich unterhalten, der Musik zuhören und Kaffee trinken. 

Auster: "Was Trump angeht, so ist es eine Katastrophe, dass ein derartiger Idiot Präsident werden wird. Dass eine derart gefährliche Person Präsident werden wird. Dass ein derartiger Ignorant Präsident werden wird. Ich gehe davon aus, dass es unter uns, die ihn ablehnen, einen enormen Widerstand geben wird. Einen neuen Aktivismus, den wir in diesem Land seit den Sechzigern und frühen Siebzigern nicht mehr gesehen haben."

Barbara Jones: "Meine Erfahrung mit Schriftstellern, insbesondere, wenn sie ein so umfangreiches Buch wie '4321' beendet haben, ist, dass sie sagen: 'Das ist das Ende. Es war so schwierig, das mache ich nicht noch mal.' Und sicherlich denkt auch Paul: 'Das war's.'"

Siri Hustvedt: "Er muss sich von diesem Buch erholen. Ich denke, er sucht herum, aber ich glaube nicht, dass er schon weiß, worum es bei seinem nächsten Projekt gehen wird." 

Auster: "Das ganze Land, die ganze Welt hat damit zu kämpfen, ihn zu verstehen, weil er so unberechenbar ist. Trump ist derart jenseits all dessen, was wir als normales Verhalten kennen, dass es ein hartes Stück Arbeit ist, sich ein Bild von ihm zu machen. Er hat bereits das ganze Land gespalten."

Auster: "Wenn es so weitergeht, werden wir auseinander brechen, ein kaputtes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der 'Vereinigten Staaten' ist am Ende. Dieses große, vor mehr als 200 Jahren begonnene Experiment, auf das sich so viele unserer Vorfahren eingelassen haben, als sie von überall her nach Amerika strömten. (...) Kein anderes Land ist wie Amerika, weil wir eine Erfindung sind. Wir sind nicht organisch gewachsen, wir haben uns selbst erschaffen. Und im Augenblick funktioniert die Sache nicht mehr."

Mögliche P.E.N.-Präsidentschaft ab 2018

Auster deutet an, dass er beabsichtige, 2018 die Präsidentschaft des amerikanischen P.E.N. zu übernehmen und in dieser Funktion seine Stimme gegen Trump zu erheben. Er steigt die Treppenstufen hinab ins Untergeschoss des Hauses, in dem sein Arbeitszimmer liegt und

erzählt von der kleinen Olympia-Reiseschreibmaschine, in die er seit 1974 seine ursprünglich handschriftlich verfassten Texte tippe, weil er schon nach kurzer Zeit die eigene Schrift nicht mehr entziffern könne. Und von einem fast identischen Modell: dessen Gehäuse ließ er gegen das seiner Anfang der sechziger Jahre hergestellten Olympia austauschen, als diese vor fünf oder sechs Jahren zu rosten begann.

Im Arbeitszimmer seines Hauses in Brooklyn beugt sich ein großer, in die Jahre gekommener Mann über eine kleine Schreibmaschine. Mit seinen kräftigen Händen fährt Paul Auster zärtlich über das Gehäuse. Wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag sieht er nicht so aus als würde er jemals anderes im Sinn haben, als "das Innere seines Schädels" zu erforschen – die inneren Bilder einer irrwitzig anmutenden amerikanischen Wirklichkeit.

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