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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.05.2020

Paul Assal: "Marcel Reich-Ranicki. Ich schreibe unentwegt ein Leben lang""Das wirklich Gute ist in der Literatur sehr selten"

Von Georg Gruber

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Das Cover zum Hörbuch "Ich schreibe unentwegt ein Leben lang" zeigt einen freundlich lächelnden Marcel Reich-Ranicki.
"Zur Kritik gehört eben leider auch die negative", sagt Marcel Reich-Ranicki.

Keiner schimpfte wie Marcel Reich-Ranicki. In diesem Juni wäre der Literaturkritiker 100 Jahre alt geworden. Nun erscheint ein Hörbuch mit einem langen Gespräch aus den 80ern. Es ist das Dokument eines einmaligen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts.

Der Journalist Paul Assal wurde 1986 von Marcel Reich-Ranicki zu Hause empfangen. Das Gespräch sollte Teil einer Biografie werden, doch es blieb unveröffentlicht – bis jetzt.

"Wenn Sie mich fragen, ob ich ein glücklicher Mensch bin, so habe ich Angst vor solchen Fragen und vor den entschiedenen Antworten. Polgar hat einmal gesagt, ein bisschen unglücklich bin ich immer und überall."

Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Reich-Ranicki Leiter der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Geachtet und gefürchtet. Sein Wort hatte Gewicht.

"So ein befürwortend affirmativ strahlender Mensch, der erklärt, wie schön ist diese Welt, bin ich natürlich nicht. Dazu habe ich zu viel Schreckliches erlebt und ich kann es nicht vergessen. Aber ich bin glücklich und ich bin dankbar dafür, dass ich hier, in diesem Land, genau das machen kann, was ich machen möchte."

Der Antisemitismus - die prägende Lebenserfahrung

Die beiden Männer unterhielten sich sechs Stunden lang, drei am Vormittag und drei am Nachmittag, viereinhalb davon hört man nun hier. Und obwohl die Gesprächsatmosphäre distanziert blieb, kann man so doch tief in das Leben und in die Gedankenwelt des Literaturkritikers eintauchen.

"Bedrängt Sie das Getto heute noch", fragt Assal den Kritiker. "Eugen Kogon beispielsweise hat erzählt, dass er noch heute vom Konzentrationslager träumt." Reich-Ranickis Antwort: "Ich kann die Frage ganz klar beantworten. Nicht das Getto bedrängt mich, sondern die Judenverfolgung, die ich ein Leben lang mitzuerleben das Pech hatte. Das ist ein Unterschied. Das Getto ist nur ein Ausschnitt."

"Es gibt kein Volk auf Erden, das ich hasse"

Reich-Ranicki erzählt sehr eindrücklich aus seiner Biografie: Geboren 1920, Kindheit in Polen, Jugend in Berlin. Prägend war für ihn die Zeit des Nationalsozialismus, die Verfolgung der Juden, auch seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Er selbst war im Warschauer Getto, floh aber vor den Deportationen und überlebte mit seiner Frau versteckt bei einem polnischen Ehepaar.

Antisemitismus hat er auch später in der Bundesrepublik noch gespürt - doch wie kann man überhaupt im Land der Täter leben?

"Nietzsche hat einmal geschrieben, man soll Völker weder hassen noch lieben. Und er hat genau das ausgedrückt, was ich spüre, es gibt kein Volk auf Erden, das ich hasse."

Das wirklich Gute ist "sehr selten"

Natürlich sprechen die beiden auch über Literatur. Sie war Lebensersatz für den Jugendlichen, der nicht am Leben teilnehmen konnte, weil er ausgegrenzt war. Später entdeckte er für sich das Schreiben über Literatur, die Kritik, die Reich-Ranicki oft sehr pointiert formulierte. Immer voller Leidenschaft, was man auch hier, in dieser Aufnahme hören kann.

Auf ein Zitat Assals, dass Benjamin einmal gesagt habe, dass, wer kritisiert, vernichten muss, antwortet Reich-Ranicki:

"Na ja, zur Kritik gehört eben leider auch die negative, man zeigt das, was man will, indem man über das spricht, was misslungen ist in der Literatur, über das Schlechte und über das Gute. Natürlich ist die Darstellung des Guten noch wichtiger als die des Schlechten. Aber jedermann weiß, dass von hundert Büchern, die erscheinen, neunundneunzig schlecht sind und das hundertste ist halb schlecht. Das wirklich Gute ist in der Literatur wie in der Musik: sehr selten."

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem Leben

Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Literaturkritiker 65 Jahre alt, ein guter Moment, eine vorläufige Lebensbilanz zu ziehen – doch er erzählte nicht alles, zum Beispiel schwieg er über seine Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst in den 40er-Jahren. Das wurde erst lange nach diesem Gespräch bekannt.

Das Hörbuch enthüllt also keine Geheimnisse. Es lohnt sich aber trotzdem, dieser tiefgründigen Unterhaltung zuzuhören, kristallisiert sich doch in Marcel Reich-Ranickis Leben die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und die Kraft der Literatur.

Paul Assal (Hg.): "Marcel Reich-Ranicki. Ich schreibe unentwegt ein Leben lang"
Vier CDs, ca. 270 Minuten
Osterwold Audio, 2020

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