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Buchkritik | Beitrag vom 12.06.2021

Patricio Pron: "Morgen haben wir andere Namen"Amouröses Wisch-und-weg

Von Dirk Fuhrig

Das Cover von Patricio Prons "Morgen haben wir andere Namen" auf orangefarbenem Pastell-Hintergrund.  (Deutschlandradio / Rowohlt)
Amüsanter, melancholischer Großstadtroman: Patricio Prons "Morgen haben wir andere Namen". (Deutschlandradio / Rowohlt)

"Er" und "sie", Schriftsteller und Architektin, trennen sich. Doch was nun? Patricio Pron hat ein amüsantes und gleichzeitig berührendes Buch über Beziehungen in Zeiten der scheinbar unbeschränkten digitalen Möglichkeiten geschrieben.

Liebe im Zeichen der Dating-App. Patricio Pron beobachtet das Paarungsverhalten von Großstadtbewohnern. Seine Figuren treten anonym auf, so wie manche in den sozialen Netzwerken. Der männliche Protagonist hat keinen Namen, sondern wird immer nur "er" genannt. Seine Freundin ist "sie", alle anderen Charaktere werden nur mit Ihren Initialen bezeichnet. Sie heißen "M" oder "F", "Bg" oder "E". Man mag dabei an Kafkas Herrn "K." denken. Jedenfalls ist der traurige Held dieses Romans ein ähnlich Getriebener, der die Gegenwart und ihre Gesetzmäßigkeiten nur wie durch einen Schleier wahrnimmt.

Jede zweite Seite muss raus

"Er", ein Schriftsteller, und "sie", eine Architektin, sind über viele Jahre hinweg ein konventionelles Paar. Die Trennung verläuft nach klassischem Muster: Sie zieht aus und verhängt ein totales Kontaktverbot. Er leidet bitterlich und reißt aus allen Büchern, die sich in der gemeinsamen Wohnung angesammelt haben, jede zweite Seite heraus. Obwohl er noch keine 40 Jahre alt ist, wirkt er wie ein aus der Zeit gefallener Privatgelehrter.

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"Er" ist der sympathisch altmodisch Lebende und Leidende in diesem urbanen Setting. Seine Beziehung war auf Dauer angelegt; das Verlassenwerden wirft sein gesamtes Dasein über den Haufen – wie gestrig! Denn um ihn herum wird lustig drauflos gedatet, auf Tinder, Grindr und ähnlichen Plattformen. Zum Wisch-und-weg auf dem Smartphone ist seine tief empfundene Verletztheit der emotionale – und letztlich auch weltanschauliche – Gegenentwurf.

Lässig-hysterisches Großstadtszenario 

Die jungen bis mittelalten Digitial Natives, die zum Teil schon wichtige Posten in der Verlags- oder Architektenbranche bekleiden, wohnen im begehrten Madrider Stadtteil Malasaña, sie könnten aber auch in Fairtrade-Cafés in New York-Williamsburg sitzen oder sündhaft teure Sonnenbrillen im Münchener Glockenbach-Viertel erstehen. Der lässig-hysterische Freundinnen-Tratsch beim Mittagessen lässt manchmal auch an eine Großstadtserie wie "Sex and the City" denken.

Gegen identitätspolitischen Aktivismus

Der Roman greift die Oberflächlichkeit mancher Beziehungssuche auf, ohne sie zu verurteilen. Er kritisiert, dass Liebe und Freundschaft wie Konsumartikel betrachtet werden, ohne in kulturpessimistisches Gejammer zu verfallen. Obwohl im Selbstgespräch, das "er" führt, ein tiefes Unverständnis aufscheint gegenüber Tendenzen, sich selbst in Kategorien von Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe zu definieren – das, was man als identitätspolitischen Aktivismus bezeichnet.

Freie Formen von Sexualität oder gleichgeschlechtliche Liebe werden als selbstverständliche Möglichkeiten durchgespielt. Ebenso nicht-traditionelle Formen der Reproduktion. Die leicht skurrilen Gedankenspiele des Protagonisten über die mitunter parasitäre Fortpflanzung bei Spinnen und anderen Insekten zählen zu den geistreichsten und heitersten Passagen in diesem Buch.

Kraftvolle Sprache: Prons bislang bester Roman

Die Stärke dieses sowohl amüsanten als auch melancholischen Großstadtromans ist die kraftvolle, dichte Sprache, die in der außerordentlich gelungenen Übersetzung von Dagmar Ploetz den Figuren eine große Tiefe verleiht. Die kalte, durchökonomisierte Gegenwart beschreibt Pron in weichen, ruhig ausformulierten Sätzen, die den sensiblen Gelehrten in all seiner emotionalen Ratlosigkeit sichtbar machen. 

Prons frühere Texte – zur Vergangenheit Argentiniens oder auch dem Faschismus und Deutschland und Italien – waren gedankenreich, aber manchmal überladen und ausufernd. "Morgen haben wir andere Namen" ist sein bislang bestes Buch: ein konzentrierter, leichtfüßiger, enorm gegenwärtiger, humorvoller Gesellschaftsroman.

Patricio Pron: "Morgen haben wir andere Namen"
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
Rowohlt, Hamburg 2021
336 Seiten, 22 Euro

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