Seit 13:05 Uhr Länderreport
Montag, 21.06.2021
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Buchkritik | Beitrag vom 23.02.2021

Patrícia Melo: "Gestapelte Frauen"Femizide an paradiesischem Ort

Von Victoria Eglau

Covercollage von Patrícia Melo "Gestapelte Frauen" vor orangenem Aquarell-Hintergrund (Deutschlandradio / Unionsverlag)
In Brasilien werden durchschnittlich jeden Tag elf Frauen getötet. Diesen Verbrechen widmet sich Patrícia Melo in ihrem Roman. (Deutschlandradio / Unionsverlag)

Von einem "schichtübergreifenden Verbrechen" erzählt die Brasilianierin Patrícia Melo in ihrem neuen sozialkritischen Roman. Es geht um die in ihrem Land weitverbreiteten Femizide: Tötungen an Frauen. Und das mitten im bedrückend-betörenden Amazonasgebiet.

"Gestapelte Frauen", dieses Bild kommt der Ich-Erzählerin des gleichnamigen Romans in den Sinn, wenn sie an die unzähligen Femizide in Brasilien denkt. Im Durchschnitt werden in dem südamerikanischen Riesenland jeden Tag elf Frauen getötet.

Die Protagonistin, eine junge Juristin aus der Metropole São Paulo, hat selbst als Kind erlebt, wie ihr Vater ihre Mutter ermordet hat. Dieses traumatische Erlebnis hat sie allerdings ziemlich verdrängt, bis eines Tages ihr Freund sie in einem Anfall von Eifersucht ohrfeigt. Wie der Zufall es will: Wenige Wochen später wird die Anwältin von ihrer Kanzlei in den Bundesstaat Acre geschickt, ganz im Westen Brasiliens, wo sie als Beobachterin an Gerichtsverhandlungen gegen Frauenmörder teilnehmen soll.

Nah an der traurigen Realität

Patrícia Melo ist in Brasilien eine der bekanntesten literarischen Stimmen der Gegenwart. Manche ordnen sie als Krimi-Autorin ein – sie selbst sagt lieber, dass sie über die Gewalt in der brasilianischen Gesellschaft schreibt.

In "Gestapelte Frauen" setzt sich Melo nun zum ersten Mal mit dem in ihrer Heimat allgegenwärtigen Problem der Gewalt und Morde an Frauen auseinander. Die Fiktion bewegt sich nah an der traurigen Realität. Die Opfer sind Ehefrauen, Freundinnen oder Töchter – sie werden vergewaltigt, erschossen, erschlagen, verstümmelt.

Eingestreut in den Roman sind immer wieder Schnipsel, die auf Zeitungsmeldungen oder Obduktionsberichten basieren. Rayane Barros de Castro, sechzehn, wurde erschossen. Bevor der Mörder sie tötete, schickte er ihr per WhatsApp eine Nachricht: "Ich werde mein Leben leben, aber du deins nicht." Die Opfer und die Täter stammen aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten, sind weiß oder schwarz oder indigen.

Kein Täter landet im Gefängnis

Im zum Amazonasgebiet gehörenden Bundesstaat Acre scheinen Machismo, Frauenhass und auch Rassismus besonders ausgeprägt. Ein indigenes Mädchen ist vergewaltigt, grausam misshandelt und getötet worden – doch keiner der drei Täter, die der lokalen weißen Elite angehören, landet im Gefängnis. Patrícia Melos Romanheldinnen, zu denen auch eine resolute Staatsanwältin und eine unerschrockene Journalistin gehören, werden wegen ihrer Entschlossenheit und Unabhängigkeit angefeindet, beleidigt und schließlich bestraft.

"Gestapelte Frauen" spielt in einem bedrückenden, aber zugleich paradiesischen Umfeld. Melo beschreibt den Amazonasregenwald als einen intensiv sinnlichen Ort. Ihr Roman ist auch eine Liebeserklärung an die Welt der amazonischen Ureinwohner.

Die Ich-Erzählerin besucht indigene Gemeinschaften und taucht ein in ihre Rituale. Dabei trinkt sie Ayahuasca, einen psychedelisch wirkenden Pflanzensud. Er versetzt sie in eine Traumwelt, in der die Protagonistin zu einer Gruppe von Kriegerinnen stößt – in Anspielung auf den legendären Stamm indianischer Amazonen, der dem Amazonasgebiet seinen Namen gegeben habt.

Auftritt der Rächerinnen

Diese Fantasiewesen werden zu Rächerinnen der Femizide, die die männlichen Peiniger genüsslich erniedrigen und umbringen – und das in einer ausgelassenen-frivolen Atmosphäre. Das wirkt teilweise befremdlich, aber es ist klar, was die Autorin wollte: Eine Ebene schaffen, in der die Frauen die Opferrolle verlassen und selbst Gerechtigkeit schaffen.

"Gestapelte Frauen" ist teilweise plakativ, nicht frei von Klischees. Der Stil ist umgangssprachlich, manchmal derb – das macht den Roman unmittelbar. Sein großer Verdienst ist zweifellos, eines der schmerzlichsten Probleme der brasilianischen Gesellschaft für ein breites Publikum eindringlich aufbereitet zu haben.

Patrícia Melo: "Gestapelte Frauen"
Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Unionsverlag, Zürich 2021
50 Seiten. 22 Euro

Mehr zum Thema

Patrícia Melo: "Der Nachbar" - Von Lärm und anderen Stichwaffen
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 14.12.2018)

Patricia Melo: "Trügerisches Licht" - Abgründe der Gewalt in Brasilien
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 10.08.2016)

Mercedes Rosende: "Krokodilstränen" - Die Unglücklichen von Montevideo
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 28.09.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Lyrik lesen"No Art" oder "Kunst"?
Lyrikerin Wanda Coleman vor einem Graffito in einer Unterführung. (IMAGO / Leemage)

Lyrik beglückt oder verstört, seit Menschen ihre Gedanken und Gefühle in Worte fassen. Drei Kritiker und eine Moderatorin diskutieren über neue Lyrikbände. Allein drei davon stammen aus den USA, ein vierter entstand dort. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur