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Lesart | Beitrag vom 09.10.2018

Patricia Hruby Powell: "Josephine""Ich will mein Leben lang tanzen"

Von Kim Kindermann

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(E.A. Seemann/ Gerhard Rauchwetter/ Picture Alliance)
Patricia Hruby Powell: "Josephine" (E.A. Seemann/ Gerhard Rauchwetter/ Picture Alliance)

Seit sie ein Kind war, versuchte Josephine Baker sich aus dem armen Leben zu tanzen, in das sie geboren wurde. Ein Kinderbuch folgt ihrer Biografie nun vom Mississippi bis an die Seine.

Was für ein fulminates Kinderbuch! Passend zur Frau, der hier ein Denkmal gesetzt werden soll: der Tänzerin Josephine Baker, die mit ihrem unvergleichlichen Tanzstil Ende der 1920er Jahre von Paris aus die Bühnen der Welt eroberte und engagiert jedweder Form von Rassismus entgegentrat.

Ein Bilderbuch so berauschend wie Bakers Tanz

"Ich will mein Leben lang tanzen", wird Josephine gleich auf Seite eins zitiert, und wie ihr das gelang, davon erzählt Patricia Hruby Powell hier wunderbar mitreißend auf knapp 100 Seiten, in sechs Kapiteln, nach Jahresblöcken sortiert, in klaren, kurzen, manchmal auch staccato-haften Sätzen. Sätze, die gestalterisch wie ein Gedicht arrangiert sind. Die wichtigsten Worte sind groß geschrieben und geben so dem Text einen eigenen Rhythmus, setzen Akzente. Perfekt passend zum Leben dieser Frau, mit den zahlreichen Wendungen und dem Tanzen. Dass die Autorin von letzterem viel versteht merkt man schnell: Powell hat selbst eine eigene Tanzcompanie. Sie weiß also, was ein gutes Taktgefühl bringt und wie man mit Brüchen arbeitet.

Ihr Text geht eine perfekte Verbindung mit den Bildern von Christian Robinson ein. Farbenstarke Bunt- und Wachsstift-Zeichnungen, die mit ihrer fast kindlichen Naivität sehr an den etwas altmodisch wirkenden Stil eines Miroslav Šašek erinnern. Jedes Bild lebt von seinem eigenen witzigen Charme und ist dabei immer tiefgründig: Etwa wenn Josephine im weißem Minikleid, mit kreisender Perlenkette und stylischer Kurzhaarfrisur ihren weltberühmten Charleston tanzt - mit kreisenden Hüften, schwingden Armen in grandiosen Kurven. Vor knallgelbem Hintergrund. Und die Zuschauer reduziert sind auf runde Strichmännchen-Köpfe, dann erzählt das viel davon, wie wirkmächtig Josephine war, wie alles um sie herum klein wurde. Dieses Bilderbuch besticht durch seine eigene, berauschend schöne Bildsprache. Passend zum Text. Beide kraftvoll. Zusammen ergeben sie einen perfekten Dreiklang mit der Hauptfigur, fließen in- und zueinander.

Tanzen für ein besseres Leben

Dass Josephine Baker einer der ersten schwarzen Superstars werden sollte, war dabei alles andere als klar: Geboren und aufgewachsenen in Missouri in einer Zeit als Rassismus und Rassentrennung in den USA zum Alltag gehörten. Freda Josephine McDonalds Mutter war Putzfrau, zog mit ihren Kinder von Ort zu Ort und lebte am Rand des Existenzminimums. 1917 überlebt die Familie ein Pogrom, bei dem Afroamerikaner verprügelt und ermordet wurden – von ihren weißen Mitbürgern. Früh lernt Tumpy, wie ihre Mutter Josephine nennt, was es heißt, nicht als vollwertig anerkannt zu werden. Wie tieft sie das prägt, auch das zeigt Powells Kinderbuch eindrucksvoll.

Josephines Tanz ist Verarbeitung und Aufbegehren zugleich - gegen die Angst und Wut, für ein besseres Leben. Von klein auf, so heißt es im Buch, will sie unterhalten, Aufmerksamkeit erregen - und tanzen. Ihre Mutter nimmt sie mit zu Konzerten, und das Kind "saugte diese irre Musik auf. Durch ihre Ohren, ihren Körper, ihre Seele". Mit 13 Jahren schließt Josephine sich einer Straßencombo an, wird Mitglied von "Die Dixie Steppers", reist nach New York, arbeitet als Garderobiere am Broadway und bekommt durch puren Zufall die Chance, mit den Tänzerinnen aufzutreten. Ein erster Erfolg.

Josephine ist da gerade mal 17 Jahre jung. Sie tanzt im "Shuffel" und später im "Plantation Club", verdient gutes Geld. Allein: Das Publikum ist weiß, will nicht mit ihr am Tisch sitzen, nicht denselben Eingang wie sie benutzen und nicht im selben Zug mit ihr reisen. Dass es auch anders geht, erlebt Josephine, als sie eine Einladung nach Paris erhält: Schon im Speisewagen wird sie, die Schwarze, willkommen geheißen. "Wir konnten unseren Augen nicht trauen", wird Josephine zitiert. "Waren die Franzosen farbenblind?"

Baker bespaße US-Soldaten und belauschte Nazis

Die Pariser lieben Josephine, erkennen ihre große Qualität und lassen sie den Star sein, der sie in den USA nicht sein darf. Auch das prägt Josephine. Als der Krieg ausbricht, belauscht sie Nazis und gewährt Widerstandskämpfern Unterschlupf. Nie wieder will sie Angst haben, Hass und Verzweiflung erleben. Dafür macht sie alles: Bei Auftritten vor US-Gruppen besteht sie darauf, dass die schwarzen Soldaten in der ersten Reihe sitzen. Und sie beginnt, Kinder zu adoptieren: Zwölf aus verschiedensten Ländern. "Wir zeigen der Welt, dass Rassenhass unnatürlich ist."

Bis zu ihrem Tod engagiert sich Josephine Baker gegen Rassismus und tanzt! Nach einer Premierenparty geht die mittlerweile 69-Jährige zu Bett und wacht nicht mehr auf. Sie stirbt so, wie sie sich es gewünscht hat: am Ende eines Tanzes. Perfekt. Mit atemloser Begeisterung bleibt man bewundernd zurück – was für eine Frau, was für ein Buch. Bravo!

Patricia Hruby Powell/ Christian Robinson: "Josephine. Das schillernde Leben von Josephine Baker"
Aus dem Englischen von Alexandra Titze-Grabec
E.A. Seemann, Leipzig 2018
19,95 Euro

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