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Literatur | Beitrag vom 17.01.2021

Patricia Highsmith zum 100. GeburtstagRequiem für eine Katze

Von Holger Teschke

Porträt von Patricia Highsmith. (Imago / Leemage / Sophie Bassouls)
In ihrer etwa fünf Dekaden umspannenden Karriere verfasste Patricia Highsmith 22 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. (Imago / Leemage / Sophie Bassouls)

Die Messe gesungen, der Sarg beigesetzt, alle Cocktails geleert. Das Haus der Toten liegt – nein, nicht stumm. Das Radio in der Küche läuft. Und Charlotte, die Katze, erinnert sich an Patricia Highsmith, Tom Ripley und große wie kleine Verbrechen.

Patricia Highsmith starb mit 74 Jahren im Spital von Locarno an einem Krebsleiden. Gelebt hatte sie exzessiv: Highsmith rauchte und trank schon als junge Frau, sie hatte unzählige Affären mit einer oder auch zwei Frauen, litt an Anorexie, Depressionen und schlechten Zähnen.

Ihre Liebe schenkte sie beinahe exklusiv Katzen, vielleicht noch den von ihr gezüchteten Schnecken. Familien und Kinder waren ihr dagegen verhasst.

Mörderischer Hedonismus

"Obsessionen sind das einzige, was zählt", schrieb die US-Amerikanerin und hielt sich zeitlebens an diese Maxime. Unvergessen sind die Figuren ihrer Romane und Erzählungen, die ihren Neigungen mit Lust folgen – und mit noch mehr Lust, wenn sie gegen Recht und Moral verstoßen können. Nicht nur Highsmiths Landsmann Mr. Ripley setzt seine Talente geschickt ein, um ein besseres Leben führen zu können.

Zwei frühe Romane – "Zwei Fremde im Zug" (1950), verfilmt von Alfred Hitchcock, und "Carol" (1953) über eine lesbische Liebe – verkauften sich so gut, dass Patricia Highsmith ausgedehnte Reisen nach Europa unternehmen konnte.

Zwei Männer sitzen in einem Zugabteil an einem Tisch. (imago/Warner Bros/Ronald Grant Archive/Mary Evans)Szene aus Alfred Hitchcocks "Der Fremde im Zug": Die Filmadaptionen ihrer Romane machten Patricia Highsmith unabhängig. (imago/Warner Bros/Ronald Grant Archive/Mary Evans)

Ab 1963 lebte sie auch auf dem alten Kontinent, wo sie mehr Leser als in den USA fand: in Italien, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz. In Tegna ließ sie nach ihren Plänen eine moderne Villa erbauen, die von der einen Seite wie ein moderner Bunker, von der anderen wie ein nicht weniger modernes Schloss wirkt.

Die Filmrechte hatten sie reich gemacht, doch mit den Jahren zeichneten Alkohol und Nikotin ihr Gesicht.

Die Gesellschaft einer Katze

Oft leistete Highsmith nur eine Katze Gesellschaft. Charlotte heißt ihre letzte, und nach der Beisetzung der Schriftstellerin am 11. März 1995 lässt Holger Teschke in diesem Feature sie vor dem Foto ihrer Herrin in der Villa sitzen und sich erinnern: an das letzte gemeinsame Jahr, an die kleinen Kämpfe am Tag und an die Nächte, in denen ihr die Todkranke aus den Romanen vorlas.

Charlotte erweist sich nicht nur als eine scharfsinnige Beobachterin, sondern auch als kritische Kennerin der Werke "Zwei Fremde im Zug", "Der talentierte Mr. Ripley", "Der Schrei der Eule" oder "Das Zittern des Fälschers". Dann schlägt die Uhr in der dunklen Villa zwölfmal, und mit einem Mal ist Charlotte nicht mehr allein ...

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Hansi Jochmann, Astrid Meyerfeldt, Birgitt Dölling und Gilles Chevalier
Ton: Hermann Leppich
Regie: Beate Ziegs
Redaktion: Jörg Plath

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