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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.11.2009

Pathetisch-hölzerner Bergroman

Max Frisch: "Antwort aus der Stille", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 171 Seiten

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Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (AP Archiv)
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (AP Archiv)

Dass diese frühe Erzählung des weit verbreiteten Schulbuchautors Max Frisch jetzt wieder aus der Versenkung hervorgeholt wird, hat natürlich eine eigene Geschichte.

Als zum 60. Geburtstag des Autors im Jahr 1971 seine "Gesammelten Werke" erscheinen sollten, war die 1937 zuerst veröffentlichte "Antwort aus der Stille" der einzige in Buchform erschienene Text, dessen Aufnahme Frisch untersagte. Der bereits 1934 erschienene Roman "Jürg Reinhart", sein Debüt, durfte jedoch passieren.

Hat das Buch, obwohl nach dem Debüt geschrieben, etwas Missratenes? Liegt gar ein Skandalon darin verborgen? Peter von Matt vermutet in seinem Nachwort, Frisch habe "in den von Denkbefehlen und Denkverboten geprägten siebziger Jahren" befürchtet, dass der Vorwurf des "Heimatromans" erhoben werden würde, da die Sache in den Schweizer Bergen spielt. Aber vielleicht ist es eher so, dass Frisch diese frühe Ausprägung des von ihm zeitlebens thematisierten Kunst-Leben-Gegensatzes doch zu peinlich war. Gelegentlich überschreitet es in seiner Sprache die Grenze zu einem pubertär anmutenden Existenzialismus-Kitsch und ist zu tagebuchartig nah an den Problemstellungen, an denen Frisch bis zu seinem Tod 1991 laborierte.

Hauptfigur ist der 30-jährige Lehrer Balz Leuthold, der eine große Leere spürt und das Leben verrinnen fühlt, ohne dass er etwas aus diesem Leben gemacht hätte. Das "Leben" ist hier eine immer wieder aufgerufene Größe, es geht um etwas Schicksalhaftes, es geht um eine Tat. Leutholds Verlobte Barbara steht schon bereit, mit ihm eine Familie zu gründen und ihn in das Joch der Normalität zu zwängen, da bricht er, zwei Wochen der Hochzeit, aus: er stellt sich einer Art Gottesurteil.

Er will den "Nordgrat" eines hohen Alpengipfels bezwingen, was vor ihm noch nie jemand geschafft hat, erst zwei Jahre zuvor sind zwei Bergsteiger dabei tödlich verunglückt. Wenn er diese existenzielle Herausforderung überlebt, hat er das "Leben" endlich ausgekostet. Wenn er stirbt, hat es eh keinen Sinn gehabt. In der Berghütte vor dem Aufstieg trifft er zufällig die junge Dänin Irene, die sich in ihn verliebt und traut vereint mit seiner Verlobten Barbara, die ihm eilig nachgereist ist, auf ihn wartet. Er überlebt tatsächlich, doch "seine Augengruben sind wie schwarze Löcher", er sagt nichts und hat dem Tod ins Auge gesehen. Klar ist ihm aber jetzt: es ist ein "unsagbar ernstes Glück", "leben zu dürfen".

Sprachlich ist diese Erzählung des 25-jährigen Frisch pathetisch-hölzern und gleichzeitig sehr schlicht. Nur als Vorstufe zu seinem späteren Werk ist sie interessant. Wer kein ausgesprochener Frisch-Fan ist, wird sich verwundert die Augen reiben.

Besprochen von Helmut Böttiger

Max Frisch: Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen
Mit einem Nachwort von Peter von Matt
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
171 Seiten, 18,80 Euro

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