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Rang I | Beitrag vom 13.07.2019

Passionsspiel in österreichischem DorfIn Erl setzt sich Jesus ins Publikum

Von Bernhard Doppler

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In einer theatralischen Szene aus den Passionsspielen in Erl in Österreich wir der Kreuzweg Christi nachgespielt. ( Passionsspiele Erl / Peter Kitzbichler )
Schwer zu tragen: Jesus, gespielt von Florian Harlander, beim Kreuzweg. ( Passionsspiele Erl / Peter Kitzbichler )

Überraschend kommt das Passionsspiel im österreichischen Erl daher. Die Inszenierung ist theatralisch und psychologisch. Nicht ungewöhlich für den Ort, in dem auch an anderer Stelle Neues in die Tiroler Tradition integriert wird.

500 Menschen auf der Bühne des Passionstheaters in Erl, fast das halbe Dorf, Alte und Junge, die Männer, alle mit Bärten. Zu Beginn sind sie das Volk Jerusalems, das auf den Einzug Jesu wartet. Jesus: Ein sehr freundlicher, ziemlich unbeschwert wirkender junger Mann. Florian Harlander, Maschinenbautechniker, spielt ihn nun schon zum dritten Mal in Erl. Sein Jesus scheint in die "Sünderin" Maria Magdalena auch richtig verliebt zu sein. Hatte Jesus Freundinnen?

"Doch doch, unsere Passion ist ziemlich menschlich, ich denke, der hat sicher auch seine Mädels gehabt, im wahren Leben habe ich auch eine Freundin, die ist jetzt schwanger, da freuen wir uns schon wahnsinnig, wenn die Dernière ist, die letzte Aufführung, die ich spielen darf, ist wahrscheinlich schon ein Kind da."

Auch der Pfarrer spielt mit

Dorfleben und Passion. In der neuen Fassung der Erler Passion von Felix Mitterer wird auch die Rolle der Frauen, ihre Ausbeutung, immer wieder thematisiert. Auch der Erler Ortspfarrer, Thomas Schwarzenberger, spielt mit. Er ist der erste Pharisäer. "Kreuzigt ihn!", ruft der Pfarrer aus.

"Die Rolle wurde zugeteilt vom künstlerischen Ausschuss. Ich habe gesagt: Ich spiel, wenn mir das zugeteilt wird. Kein Problem. Aber der Pharisäer ist nicht so schlecht, wie er biblisch dargestellt ist."

Ein wenig hat sich das Erler Passionsspielpublikum schon in den vergangenen Jahren geändert, meint Regisseur Markus Plattner, der sowohl im professionellen, aber auch im Amateurtheater arbeite:

"Durch Felix Mitterer ist eine Ebene hereingekommen, die sich auch im Publikum spiegelt, im Sinne von Theaterpublikum. Das Theaterpublikum staunt über das Passionsspiel, das sie vielleicht so nicht kennen, und das Passionsspielpublikum staunt ein über die Interpretation, weil es ein bisschen theatralisch und psychologisch gearbeitet ist."

Neben dem Passionsspiel gibt es auch Oper

Am Schluss fährt Jesus nicht in den Himmel, er geht von der Bühne ab und setzt sich mitten ins Publikum. Er ist ein Teil von uns.

Während die Reisebusse mit den Passionsspielgästen wegfahren, nähern sich am frühen Abend festlich gekleidete Theaterbesucher dem unmittelbar daneben liegenden Festspielhaus. Es war für den Dirigenten und Erler Festspielintendanten Gustav Kuhn gebaut und 2012 eröffnet worden. Kuhn trat zurück, nachdem ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen sexueller Übergriffe eröffnet wurde. Ehe nun im September der Frankfurter Operndirektor Bernd Loebe auch die Leitung der Tiroler Festspiele Erl übernimmt, führt Andreas Leisner die Geschäfte.

Aufgeführt wird im Festspielhaus zur Eröffnung der Sommersaison "Aida". In der Inszenierung von Daniela Kerck ist Verdis Oper in eine surreale Gegenwart versetzt. Wie beim Passionsspiel wird die Rolle der Frau, ihre Ausbeutung, besonders unterstrichen. Die Disziplinierung der Sklavinnen soll an Margaret Atwoods "Report der Magd" erinnern.

"Das Stück Aida beinhaltet eine sehr starke Kritik am Priestertum per se", meint Andreas Leisner, "nicht an der Religion, am Priester und da kann es schon sein, dass sie ins Nachdenken kommen, wenn sie aus der affirmativen Situation des Passionsspielhauses in die sehr kritische Situation von Aida kommen."

Vom Tenor zum musikalischen Leiter

Nach dem Theaterabend am nächsten Morgen: Messe. Nicht in der Kirche, sondern im großen Passionsspielhaus. Thomas Schwarzenberger nun als Pfarrer. Ehe er mit der Liturgie beginnt, begrüßt er die einzelnen Reisegruppen. Die Messe ist kein Schauspiel, sondern Feier, erklärt der Pfarrer. Hinter dem Altar, in Tiroler Tracht, der Kirchenchor von Reith in Alpachtal. Geleitet wird er von Diamond Walker, einem Engländer, der über die Festspiele gewissermaßen zum Tiroler geworden ist.

"Ich habe Glück gehabt, so als Halbschotte, ich spiele Dudelsack und habe Kilt, da bin ich so ein bisschen in die Herzen gekommen. Ich habe hier bei Fronleichnam gesungen und bei verschiedenen Feten habe ich Dudelsack gespielt."

Diamond Walker war zuerst als Heldentenor bei Gustav Kuhn tätig. Nun, nach dem Ende seiner Sängerkarriere, hat er die musikalische Leitung bei den Passionsspielen inne. Als Kind eines englischen Pastors fühlt er sich in Tirol sehr wohl. Und für die Messe mit dem Reither Chor hat er Gospels einstudiert. Die Tiroler swingen nun bei manchen Gebeten der Liturgie und feiern Gott beim Gloria-Gospel – sogar mit "Whiskey und Zigaretten".

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