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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.06.2017

Partytrend AlkoholfreiOhne Bier feiern klappt nur wochentags

Von Astrid Wulf

Ein Mädchen tanzt und glitzernde Blätter fallen auf den Boden. (dpa picture alliance / Carsten Rehder)
Gut drauf sein geht auch ohne Nachhilfe berauschender Substanzen (dpa picture alliance / Carsten Rehder)

Kokoswasser statt Cola-Rum - Partyanbieter, die auf ein alkoholfreies Konzept setzen, sind in Großstädten durchaus erfolgreich. Sie wollen zeigen: Ohne Bier kann es trotzdem lustig sein. Ein Besuch in Hamburg.

Es ist gerade mal etwa halb neun und die Stimmung in einem loungigen Club an der Außenalster in Hamburg ist ausgelassen. Zu Hiphopbeats tanzen auf der gut gefüllten Tanzfläche stylish gekleidete, schöne Menschen, überwiegend Frauen. Die Barkeeper schenken pinke Smoothies aus. Die Kurzen bestehen aus Ingwersaft und brennen mindestens so heftig im Mund wie Sambuca.

"Ich fand es ganz gut, wegen der gesunden Ernährung mal was Neues auszuprobieren."

Die 18-jährige Charleen Hillebrand aus Hamburg und ihr Begleiter Marvin Gamrath, 26, trinken normalerweise eher Bier, wenn sie unterwegs sind. Marvin gefällt die Atmosphäre trotzdem:

"Wenn man hier reinkommt ist es so, dass die Leute nicht zu viel getrunken haben, das ist entspannter."

Die Gäste brauchen keine drei Bier, bevor sie auf die Tanzfläche trauen - auch mit einem Kokoswasser oder Algendrink in der Hand wird hier heftig getanzt. Am Tresen gibts noch mehr für den hippen, gesundheitsbewussten Partygänger: Biobrause, alkoholfreies Bier, Energyballs zur Stärkung - vegane Süßigkeiten aus Datteln und Nüssen. Die Promoterin eines Biomarkts schnibbelt am Stand den ganzen Abend Obst und verteilt Spießchen.

Statt Alkohol lieber gute Musik

Smoothies und alkoholfreie Cocktails statt Bier und Schnaps (Deutschlandradio/ Astrid Wulf)Smoothies und alkoholfreie Cocktails statt Bier und Schnaps (Deutschlandradio/ Astrid Wulf)

"Katerfrei"-Veranstalter Martin Bressem und Jonas Höhn machen diese Abende für Partygänger, die mal neue Produkte und auch eine neue Art zu feiern ausprobieren wollen:

"Wir schaffen eine Plattform, einen Abend, wo der Alkohol mal weggelassen wird, und die Stimmung, die auf anderen Partys durch den Alkohol erzeugt wird, versuchen wir durch unsere Musik und die Liveacts zu erzeugen."

Die beiden durchtrainierten Unternehmer sind gerade mal Ende 20, und auf ihren eigenen Partys sind sie eigentlich ständig auf der Tanzfläche zu finden. Der Spaßfaktor ist ihnen wichtig, sagt Martin Bressem. Der erhobene Zeigefinger hingegen ist überhaupt nicht ihr Ding:

Keine Regeln, keine Vorschriften

"Keine Regeln, keine Vorschriften, sondern wir wollen wirklich Impulse geben. Wir wollen eine Plattform bieten, gesunde Ernährung ausleben zu können. Viele nehmen das wahr, auch viele, die dann am Wochenende wieder Alkohol trinken gehen, aber die denken sich: Hey, das ist etwas Neues, ich will das mal ausprobieren, brauche das vielleicht nicht immer, am Wochenende trinke ich mal wieder ein Bier - und das ist völlig in Ordnung."

In Berlin, Köln und eben hier in Hamburg haben die beiden jungen Unternehmer solche Partys schon veranstaltet - immer in der Woche als After-Work-Club. Martin Bressem hat die Erfahrung gemacht, dass etwa bis Mitternacht getanzt wird, dann ist Feierabend. Am Wochenende alkoholfrei zu feiern, können sich offenbar viele nicht so richtig vorstellen.

"Wir haben uns einmal am Wochenende ausprobiert, haben dann aber gemerkt, dass die Hürde, zu einer Party ohne Alkohol zu gehen, am Wochenende größer ist als unter der Woche. Von daher haben wir gemerkt: Okay - das Konzept funktioniert, die Leute springen darauf an, aber wir wollen es erstmal unter der Woche lassen, um die Hürde so klein wie möglich zu halten."

"Katerfrei"-Veranstalter haben nicht nur Freunde

Zwei Bartender mixen Drinks. (Deutschlandradio/ Astrid Wulf)Vegane Snacks aus Datteln, Säfte und handgemixte Shakes sind bei alkoholfreien Partys beliebt. (Deutschlandradio/ Astrid Wulf)

Friedemann Ulrich, Leiter der Suchthilfe der Lübecker Diakonie findet solche alkoholfreien Partys gut:

"Weil ich es für wichtig halte, dass wir eine Feierkultur normal finden können, die auch ohne Alkohol stattfindet - das haben wir wenig unter Jugendlichen. Wobei wir natürlich auch sehen müssen, dass die Jugendlichen, die wir hier sehen mit problematischem Alkoholkonsum, nicht die sein werden, die auf diesen Partys sind."

Ist alkoholfrei der neue Partytrend? Der Suchtexperte sagt immerhin, dass Jugendliche immer weniger Alkohol trinken - Statistiken zufolge sei der Konsum um etwa 10 Prozent runtergegangen, die Fallzahlen beim Komasaufen seien allerdings gleichgeblieben.

Zigaretten sind teuer, Alkohol ist günstig

Der Suchtexperte bezweifelt allerdings, dass das Saufen bald so out ist wie das Rauchen. Denn wo Zigaretten immer teurer werden, es immer mehr Nichtraucherzonen gibt, sieht es beim Alkohol anders aus.

"Es gibt Altersbegrenzungen, die relativ leicht umgehbar sind, ansonsten können Jugendliche und junge Erwachsene auch überall konsumieren. Und Alkohol ist günstig, und wir wissen einfach, dass Peergroupverhalten und Verfügbarkeit die beiden zentralen Faktoren sind, die Alkoholkonsum befördern oder Suchtverhalten allgemein befördern - und die Verfügbarkeit ist aus meiner Sicht das größte Problem beim Alkohol."

Ob exzessiv oder gemäßigt: Für viele gehört Alkohol zum Feiern dazu, manche feinden die Veranstalter der "Katerfrei"-Partys geradezu an. Jonas Höhn findet das absurd.

"Wir sind ja nicht radikal und sagen: Verbietet den Alkohol und in Clubs darf nicht mehr getrunken werden. Wir sagen: Wir haben ein Angebot und entweder du hast ein Interesse oder nicht. Und es kommen genügend Leute, die Interesse daran haben, und der eine oder andere ist ja auch witzig. Von daher - wir haben immer etwas zu lachen."

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Schokolade, Arbeit, Sex - Wo liegt die Grenze zwischen Gewohnheit und Sucht?
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