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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.09.2017

"Parsifal" an der Staatsoper HamburgBildmächtiger Geniestreich

Von Jörn Florian Fuchs

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Die Sänger Claudia Mahnke als "Kundry" und Andreas Schager als "Parsifal" singen am 11.09.2017 in Hamburg auf der Fotoprobe von Richard Wagners "Parsifal". (picture-alliance/dpa/Markus Scholz)
Die Sänger Claudia Mahnke als "Kundry" und Andreas Schager als "Parsifal". (picture-alliance/dpa/Markus Scholz)

So intelligent und bildmächtig wie an der Staatsoper Hamburg hat man Richard Wagners "Parsifal" selten erlebt. Der Regisseur Achim Freyer lässt alle Figuren maskiert auftreten. Spiegel, Spiralen und labyrinthische Formen beherrschen die Szenerie. Eine großartige Saisoneröffnung.

Achim Freyer schafft für seine Hamburger "Parsifal"-Inszenierung überwältigende Assoziationsräume. Gespielt wird auf einem scheinbar in der Luft schwebenden Bühnenhalbrund, darunter sitzt halbverdeckt das Orchester. Wie bei Freyer üblich sind sämtliche Figuren maskiert, die Bewegungen oft stilisiert. Der Abend lebt von großen Kontrastwirkungen: mal agieren alle hektisch, dann friert das Geschehen Momente lang ein.

Spiegel, Spiralen und labyrinthische Formen beherrschen die Szenerie, viel wird auf einen Gazevorhang vor der eigentlichen Bühne projiziert. Freyer erzählt die Gralsrittergeschichte mit stupendem Empfinden für Farben und Formen, es bleibt reichlich Raum zum Mitfühlen und Weiterdenken. Ziemlich konkret ist allerdings der böse Zauberer Klingsor gezeichnet, er trägt eine schräge Föhnfrisur nebst überdimensionaler Krawatte.

Flatterndes Dauervibrato von Claudia Mahnke

Im zweiten Aufzug, bei den hier sehr multikulturellen Blumenmädchen, gibt es sogar etwas Komik, ansonsten ist dieser "Parsifal" jedoch eine ernste, intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach Erlösung. Am Ende steht auf dem Gazevorhang "Anfang", die Figuren müssen sich wohl erneut ins Geschehen stürzen, aber es scheint ihnen nach drei Aufzügen, fünf Stunden und zahlreichen Konflikten irgendwie doch ein wenig besser zu gehen. Der Gral steht bei Freyer (und seinem formidablen Dramaturgen Klaus-Peter Kehr) übrigens vor allem für das Weibliche sowie für Unschuld und den Wunsch nach Autonomie. So intelligent und bildmächtig hat man Wagners Bühnenweihfestspiel selten erlebt.

Kent Nagano setzt am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters zunächst auf arg gediegene Tempi, der zweite Aufzug huscht hingegen wunderbar locker vorüber, den langen Schlussakt dirigiert Nagano dann als gute Mischung. Nicht ganz sauber tönten am Premierenabend die von Eberhard Friedrich einstudierten Chöre. Wolfgang Koch als Amfortas und Kwangchul Youn in der Partie des Gurnemanz boten solide Leistungen, Claudia Mahnkes Kundry irritierte leider durch ein flatterndes Dauervibrato. Vladimir Baykov war ein toller Klingsor, Andreas Schager eine echte Spitzenbesetzung: sein Parsifal klang unangestrengt, klar, dynamisch.

Insgesamt eine großartige Saisoneröffnung in Hamburg!

Parsifal
Oper von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Achim Freyer
Staatsoper Hamburg

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