Seit 02:05 Uhr Tonart
Sonntag, 16.05.2021
 
Seit 02:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.12.2013

ParodieKalte Kohlauer

Uraufführung "Helmut Kohl läuft durch Bonn" von Nolte Decar

Von Stefan Keim

Altkanzler Helmut Kohl rudert mit seiner Frau Hannelore in einem Boot auf dem Wolfgangsee, 1986. (AP Archiv)
Altkanzler Helmut Kohl und seine Frau Hannelore auf dem Wolfgangsee, 1986 (AP Archiv)

Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, ist viel verspottet worden. Dennoch ist seine historische Bedeutung unbestritten. Das Autorenduo Jakob Nolte und Michel Decar macht ihn nun zur Hauptfigur einer Trashrevue am Theater Bonn.

Wie heißt das Ganze nun? "Helmut Kohl läuft durch Bonn. Oder Stahl, Wald, Benzin. Oder der Bomber von Oggersheim." Sechs Schauspieler suchen einen Titel. Wie das Stück über Helmut Kohl nun heißen soll, bleibt bis zum Ende der zweistündigen Uraufführung unentschieden. Selten gab es das Wort "oder" so häufig an einem Theaterabend. Die Titelsuche zeigt die Unentschiedenheit, mit der sich das Autorenduo Nolte Decar dem Politiker nähert. Eine Haltung oder eine Handlung gibt es nicht. Elemente aus Kohls Leben werden wahllos herausgegriffen und ins Absurde verfremdet.

Dabei zitieren und plündern Nolte und Decar die Film- und Theatergeschichte. Gleich zu Beginn bilden Kohl und seine Söhne einen Sprechchor, der Text erinnert an Shakespeares "König Lear". Das Land von König Kohl soll verteilt werden.

Helmut Kohl hatte zwei Söhne, auf der Bühne sind es drei. Der Grund? Damit Nolte und Decar einen Witz machen können. Denn ein Sohn bekommt Westdeutschland, der zweite Ostdeutschland. Für den fiktiven dritten bleibt das Sauerland übrig. Er beschwert sich: "Nur das Sauerland." Der Sprechchor bestätigt: "Ja, nur das Saarland."

Ein aufgeblähter Studentenulk

Saarland, Sauerland – mit etwas Mühe mag man da einen Hinweis auf die oft parodierten Sprachfehler Helmut Kohls vermuten. Ein Dauerfeuer furchtbar schlechter Wortwitze prasselt auf die Zuschauer nieder, kalte Kohlauer. In einer Mafiaszene betritt Bonn Corleone die Bühne, Hannelore ist eine Nonne, die sich von Helmut entführen lässt.

Als furiose Nonsensrevue könnte man sich den inhaltsleeren Text vielleicht noch vorstellen. Aber Regisseur Markus Heinzelmann lässt sein Schauspielersextett Im nüchternen Proberaum einer Band zwischen Schlagzeug und Kaffeemaschine vor sich hin spielen. Ein bisschen Singen, ein bisschen Tanzen, etwas Akrobatik, viele Insiderscherze, auch mal ein Live-Video – vielleicht soll die Aufführung eine Parodie auf das postdramatische Theater sein. Doch dazu ist sie zu schlampig und geistlos inszeniert, ein aufgeblähter Studentenulk.

Kohl bleibt ein Phantom, eine Witzfigur. Die Internetsuchmaschine hat anscheinend das Denken ersetzt. Dieses Stück ist komplett unpolitisch, langweilig, überflüssig. 

 

Helmut Kohl läuft durch Bonn
Regie: Markus Heinzelmann
Uraufführung am Theater Bonn

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Katastrophe kommt erst noch
Brennender Planet Erde aus dem All betrachtet. (imago-images / Action Pictures)

Die "NZZ" kann der Hoffnung auf eine Zeit des Feierns nach der Pandemie nichts abgewinnen. Man feiere schon längst Exzesse, "als ob es kein Morgen gäbe" und die Erfahrung einer Katastrophe stehe unseren hedonistischen Gesellschaften noch bevor.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur