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Studio 9 | Beitrag vom 14.07.2016

"Parklets" in StuttgartAusruhen auf Kunst zwischen Autos

Von Thomas Wagner

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"Parklet" in Stuttgart (picture alliance/dpa/Foto: Marijan Murat)
Ein "Parklet" in Stuttgart, das eine Autoparkfläche im öffentlichen Raum im Rahmen eines Projekts zu einer Begegnungszone umnutzt. (picture alliance/dpa/Foto: Marijan Murat)

Parkplätze sind in vielen Innenstädten Mangelware, so auch in Stuttgart. Und nun auch noch das! Wo einst Autos parkten, stehen jetzt Kunstwerke von Studierenden der Fakultät für Architektur und Städtebau.

Schon wieder eine Runde gedreht und nichts gefunden, keinen freien Parkplatz. Der Schützenplatz in Stuttgart:  Überall abgestellte Autos, Stoßstange an Stoßstange – halt, nein, doch nicht überall. Zwei Parkbuchten sind belegt mit etwas, das so gar nicht nach Auto aussieht.

"Wir haben hier zwei Parkplätze belegt mit Paletten und anderen Hölzern. Es sieht aus wie ein Haus ohne Dach. Die Farbe ist knallblau."

"Tatsächlich parken kann man hier denn doch nicht so gut…"

Anwohner Andreas Baumann sitzt auf einer Art Holzkiste mitten in der knallblauen Hütte ohne Dach, umgeben von mehreren Dutzend geparkter Autos. Die jungen Leute, die um ihn herum hocken, nennen ihn "den Paten". Denn  Andreas Baumann ist Pate eines so genannten "Parklets".

"Ein ´Parklet` ist im Prinzip die Erweiterung des Bürgersteiges, und zwar in dem Sinne, dass eine Parkfläche von einem bestehenden Parkplatz, von einem Auto weggenommen wird. Es geht darum, dass die Menschen sich, wie es ja eigentlich ursprünglich angelegt ist, auf der Straße treffen."

"Das ´Parklett`-Menü… Melone…"

So Philipp Wölki, Ex- Student an der Fakultät für Städtebau und Architektur der Universität Stuttgart – und Mit-Erfinder der "Parklets" in Stuttgart. Das sind Kunstwerke auf Parkplätzen, die zur Begegnung einladen, in denen man sitzen, essen, trinken, spielen, reden kann. Ganz wichtig: Kein einziges der elf "Parklets" in Stuttgart gleicht einem anderen. Jedes "Parklet" ist ein Prototyp.

"Ich sehe jetzt hier ein Gebilde aus Holz, schwer mit Kisten. Es sieht schwer nach Umzug aus, ist aber genial gemacht, schön bepflanzt mit Sonnenblumen. Man kann auf drei Etagen sitzen, so richtig entspannt. Man hat nicht diese übliche Kaffee-Atmosphäre. Das ist ein bisschen lässiger."

Holzplattform statt Parkplätze

Tübinger Straße, gleich neben dem Katharinenplatz in Stuttgart: Anna, 26, blickt fasziniert über den Bürgersteig hinweg, auf ein weiteres "Parklet". Und auch dieser mit Sonnenblumen bepflanzten Holzplattform fielen zwei Parkplätze zum Opfer.

"Wir wissen: In Stuttgart ist es immer schwierig, einen Parkplatz zu finden. Aber ich glaube, wenn man Kultur auf Parkplätze bringt, regt das schon den einen oder anderen dazu an, umzudenken."

Und genau das ist das Ziel jener 16 "Parklets", die Studierende und Absolventen  des Studiengangs "Architektur und Städteplanung" der Universität Stuttgart auf den Weg gebracht haben, in Zusammenarbeit mit dem "Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur" des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Idee: Mitten in einem Meer von geparktem Blech und Stahl entstehen  Kunstwerke und neue Begegnungsstätten.

"Ja, was steht hier zum Beispiel? Was brauchen hier am Schützenplatz? Ganz oben steht: Parkplätze für Anwohner . Darunter steht: Ein Café, eine Bar, Bäume…"

Anstöße für eine "Mobilitätskultur" der Zukunft

Basil Salomon Helfenstein liest die Schildergalerie auf dem "Parklet" am Schützenplatz vor. Hier der Wunsch nach einem Café und Bäumen, da der Wunsch nach Stellflächen für Autos – auch das ist ein Ziel des Projektes: Anstöße vermitteln, wie sich eine Art "Mobilitätskultur" der Zukunft entwickeln könnte.

"Bei der Mobilitätskultur geht es aber vor allem um das Mobilitätsverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Welche Optionen werden genutzt und welche nicht? Und welche Konflikte verbergen sich in unserem alltäglichen Bewegen durch die Stadt? Und da ist die Parkraumbewirtschaftung eigentlich auch ein großes Reizthema."

Wohl wahr: Durch die "Parklets" auf Kosten der Parkplätze zwingen die jungen Städteplaner in Stuttgart gerade auch Autofahrer, über ihre eigene Mobilitätskultur nachzudenken – offenbar mit Erfolg.

"Auf Facebook gab es auch heiße Diskussionen zum Thema: Jetzt fallen Parkplätze weg. Ich bin auf das Auto angewiesen. Interessanterweise gab es aber viel mehr positive Argumente. Also da gibt es ganz positive E-Mails wie diese. Eure "Parklets" wirken. Ich bin gestern in einem gewesen und sofort mit den Leuten ins Gespräch gekommen. Das ist mir vorher in Stuttgart noch nie passiert. Vielleicht entwickelt sich eine Liebesbeziehung daraus..."

Eine Liebesbeziehung zwischen den Stuttgartern und ihren "Parklets". Das allerdings wird, so Projektkoordinator Marius Gantert vom Projektlabor für nachhaltige Mobilitätskultur, erst mal eine Beziehung auf Zeit sein. Mitte September werden die "Parklets" wieder abgebaut. Was bleibt, sind… Parkplätze –  und eine Vision für die Zukunft, nämlich:

"…dass es in Zukunft auch wieder ´Parklets` geben wird. Wir geben jetzt einen Anstoß mit den ´Parklets` mit der Hoffnung, dass man die Idee auch versteht, dass man weiß, was das ist und mit der Hoffnung, dass sich das dann verstetigt."

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