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Frühkritik | Beitrag vom 11.09.2020

Parker Bilal: "London Burning"Konfrontation mit Ansage

Von Thomas Wörtche

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Zu sehen ist der Titel des Buches "London burning" von Parker Bilal. (Rowohlt Verlag / Deutschlandradio)
Die Stärke von "London Burning" liegt vor allem in der Geschichte und dem Setting. (Rowohlt Verlag / Deutschlandradio)

Drake ist ein leicht heruntergekommener Detective Sergeant, Crane eine etwas undurchsichtige Psychiaterin. Zusammen ermitteln sie in Parker Bilals Thriller „London Burning“ in einer Stadt, die einem sozialen und ethnischen Pulverfass gleicht.

Unter dem Namen Parker Bilal schreibt der sudanesisch-britische Autor Jamal Mahjoub Kriminalromane. Mit "London Burning" wechselt er deren Schauplatz von Kairo nach London. Calil Drake, vom Detective Inspector zum Detective Sergeant degradiert, leicht heruntergekommen und aus rassistischen Gründen mit dem Verdacht belastet, korrupt zu sein, bekommt die Chance zum Wiederaufstieg, wenn auch gegen erhebliche Widerstände aus dem Polizeiapparat.

In Magnolia Quays, einem Immobilienentwicklungsgebiet in Battersea, sind zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, bizarr getötet worden. Aneinandergefesselt und mit Säcken über dem Kopf sind sie in einer Baugrube von einer Lkw-Ladung Gesteinsbrocken zu Tode gequetscht worden.

Momentaufnahme von London

Eine Todesart, die die zu dem Fall hinzugezogene forensische Psychiaterin Rayhana Crane sofort an eine Steinigung im Sinne der Scharia denken lässt, zumal die Ermordeten eine Verbindung zum Irak haben, wie sich nach und nach herausstellt. Zudem führen die Spuren auch bald nach Freetown, ein dezidiert multiethnisches Viertel, mit einem hohen Anteil an Muslimen, aus dem Drake stammt und das von der offiziellen Polizeipolitik kriminalisiert wird.

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Freetown ist "die Schnittstelle, wo Dschihadisten neben Rechtsradikalen lebten. Beide trachteten danach, sich das Chaos zunutze zu machen. Beide wollten die Energie hier anzapfen und aus etwas Positivem in das finstere Gegenteil verkehren."

Ohne den Begriff Brexit zu bemühen, entwirft Bilal eine ziemlich präzise Momentaufnahme eines Londons, in dem Profit, Verdrängung und Rassismus das Zusammenleben disparater Gruppen von Menschen extrem schwierig macht. Die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft ist erheblich beschränkt, Arme und Reiche haben keine gemeinsamen Interessen.

Misstrauen und Paranoia herrschen überall, Wut und Verzweiflung geben die Grundstimmung vor. Drake wird von seinen "eigenen Leuten" Verrat und Kollaboration mit den Mächtigen vorgeworfen, wobei ihm immer unklarer wird, wer seine "eigenen Leute" eigentlich sind. Was ihn aber nicht in eine verzagte "Identitätskrise" treibt, sondern zu einem realistisch-skeptischen und robusten "Trotzdem".

Als Serienfiguren geplant

Drake und Crane müssen sich erst zusammenraufen, sind aber als Serienfiguren geplant, angelegt als konventionell erzählte Ermittlerkrimis, mit allen durchaus clever inszenierten genretypischen Standardsituationen. Dabei hat Crane ebenfalls einen eher problematischen Hintergrund, weil sie unter Pfuschverdacht steht und dringend Geld verdienen muss.

Die Sprengkraft des Romans liegt also weniger in seiner Literarizität, sondern eindeutig in der Geschichte und dem Setting. Er soll zudem deutlich breite Leserschichten erreichen. Das ist in diesem Fall völlig okay.

Parker Bilal: "London Burning"
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2020
492 Seiten, 12 Euro

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