Freitag, 15.11.2019
 

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 18.10.2015

Pariser Vororte: Zehn Jahre nach den Unruhen Was von der Wut übrig blieb

Von Bettina Kaps

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Wohnblocks aus den 60er- und 70er-Jahren im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois (picture-alliance / Robert B. Fishman)
In Clichy-sous-Bois nahmen die Ausschreitungen ihren Anfang (picture-alliance / Robert B. Fishman)

Der Tod dreier Jugendlicher löste 2005 in den Vorstädten von Paris massive Unruhen aus: In 300 Banlieues brannten Autos und Schulen. Was ist geblieben von der Wut der Bewohner? Was ist aus den Versprechen der Politik geworden? Eine Rundreise zehn Jahre danach.

Der stämmige Mann in Fußballtrikot und Sporthose holt sich Wasser aus dem Kühlschrank, verzieht das Gesicht, ist spürbar genervt.

Naoufel Ettir: "Unser Büro ist frisch renoviert, trotzdem haben wir Kakerlaken im Kühlschrank. Le Chêne-Pointu ist dreckig, das Viertel hinkt 20 Jahre hinterher. Alle anderen Vorstadtsiedlungen sind jetzt mehr oder weniger vorzeigbar, ganz egal, ob sie gefährlich sind oder nicht, ob dort mit Drogen gehandelt wird oder nicht. Aber hier sind die Häuser immer noch schmutzig, feucht und voller Kakerlaken. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben."  

"Le Chêne-Pointu" ("Spitze Eiche"), so heißt die größte Plattenbausiedlung in Clichy-sous-Bois: 1.500 Wohnungen, achttausend Menschen, mehr als einhundert Nationen. Hier haben Zyed und Bouna gelebt, die beiden Jungen, die am 27. Oktober 2005 auf der Flucht vor der Polizei ein Stromschlag trifft. Hier brannten die ersten Autos.

Bettina Kaps (privat)Unsere Autorin Bettina Kaps (privat)Eine holprige Straße voller Schlaglöcher führt an staubigen Parkplätzen und überquellenden Müllcontainern vorbei. Im Erdgeschoss eines Hochhauses ist das Büro des Sozialhilfevereins Arrimage untergebracht.

Von dort aus macht sich Naoufel Ettir auf den Weg. Fast täglich läuft er die Straßen der Siedlung ab. Es ist Nachmittag: Eine Frau in afrikanischem Boubou trägt schwere Einkaufstaschen nach Hause, ein Mann liegt unter einem Auto, wechselt das Öl, Kinder spielen auf der Straße. An einer Hauswand lehnen drei Heranwachsende. Der Streetworker geht auf sie zu, schüttelt Hände.

"Ich mach gar nichts, ich verpenne den Tag, das ist alles"

Brahim, schwarze Schirmkappe, hellgrauer Jogginganzug, breite Silberringe an den Fingern, ist 20 Jahre alt. Große Klappe.

Brahim: "Ich verkaufe Amphetamine, Ecstasy, Zauberpilze. Nee, isn Witz. Ich mach gar nichts, ich verpenne den Tag, das ist alles."

Immerhin hat er ein Fachabitur in Bautechnik, prahlt Brahim. Aber nach den vielen Schuljahren musste er sich ein bisschen ausruhen. Über zwei Jahre hängt er nun schon rum. 

Reporterin: "Ca vous plait?"

Brahim: "Nein, gefallen tut mir das nicht. Aber was man mir vorschlägt, gefällt mir auch nicht. Ich gehöre zur Generation der Faulenzer. Ich will Geld, ohne den Hintern zu heben. Aber das klappt nicht."

Mammadou neben ihm hat gerade die Prüfung zum Metallbauer gemacht. Wahrscheinlich durchgefallen, sagt er. Wenn, dann will er alles hinschmeißen. Naoufel Ettir beschwört ihn, weiter zu machen.  

Falls der Junge seinen Abschluß nicht bekommt, dann müssen wir uns um ihn kümmern, sagt der Streetworker. Und, dass Brahim und Mammadou leider keine Ausnahmen sind.  

Ein ganzer Sack voller Probleme

Ettir:"Viele junge Leute in der Siedlung sind orientierungslos. Sie kommen mit einem ganzen Sack von Problemen zu uns: Mal geht es um ihre Gesundheit, mal dreht es sich um die Schule, aber ganz besonders oft brauchen sie Hilfe bei der Arbeitssuche und weil sie den Führerschein machen wollen. Beides gehört zusammen, denn wer keinen Führerschein hat, der findet auch keine Arbeit."

Denn Clichy-sous-Bois  ist isoliert: Es gibt keinen S-Bahn-Anschluss, keinen Autobahnzubringer. Paris liegt zwar nur 15 Kilometer entfernt, aber mit Bus und Bahn dauert die Fahrt in die Hauptstadt anderthalb Stunden. Und das ist selbst für die, die den Hintern hoch kriegen, ein großes Handicap.

Dennoch schlägt der Frust darüber hier nicht sofort in Gewalt um. Verglichen mit Jugendlichen aus anderen Vorstädten findet Ettir die Kids, um die er sich kümmert, beinahe brav.

Ettir: "In den sechs Jahren, die ich hier schon arbeite, hat mir nicht ein Einziger den Respekt verweigert, und meiner Kollegin auch nicht. Kein einziges Mal."

Für Dealer ist Clichy uninteressant

Und die isolierte Lage von Clichy hat ironischerweise auch ihr Gutes: Weil man so schlecht hinkommt, ist es für Dealer und ihre Kunden uninteressant.

Ettir:"In anderen Vorstädten wie Sevran blühen die Schattenwirtschaft und der Drogenhandel. Junge Leute haben dort wenig Grund, legal zu arbeiten. Hier in Clichy müssen sie sich auf ganz normale Weise einen Job suchen, um Geld zu verdienen." 

Der Streetworker geht auf einen Wohnblock zu, der wie ein breiter Riegel in der Landschaft steht. An der Giebelseite sind Absperrgitter aufgestellt: Die Kacheln lockern sich, einige sind schon auf den Boden gefallen und zersplittert. Eine verkohlte Badewanne zeugt von einem Brand. Die Eingangstüren stehen offen. Ettir geht hinein, sieht sich um.

Ein Zustand, wie man ihn in Entwicklungsländern erwartet

In der Haustür fehlt die Glasscheibe, drinnen blättert der Putz. Oben in der Decke klafft ein Loch, die Stromkabel liegen frei. Ein Zustand, wie man ihn in Entwicklungsländern erwartet, nicht in Frankreich. Ein anderer Stadtteil von Clichy-sous-Bois wurde komplett saniert, erzählt Naoufel Ettir. Aber die Wohnungen hier sind im Privatbesitz, deshalb kann der Staat nicht eingreifen. Viele sind an Familien vermietet, die unter der Armutsgrenze leben. Die unbezahlten Rechnungen in der Siedlung belaufen sich auf sieben Millionen Euro. Kein Wunder, dass das Viertel verslumt. 

Aber das soll sich jetzt endlich ändern: Im Juli war die Ministerin für den Wohnungsbau hier. Im Rathaus von Clichy-sous-Bois hat sie eine Konvention unterzeichnet, die es dem Staat erlaubt, die Wohnungen nach und nach aufzukaufen, um die Hochhäuser abzureißen oder zu sanieren. In 15 Jahren soll dann auch diese Siedlung komplett renoviert sein.

Ein Hip-Hop-Festival, eine Polizeiwache: Verbesserungen nach den Ausschreitungen

Ettir:"Es ist traurig, das zu sagen, aber die Unruhen im Jahr 2005 waren nötig, damit sich die Zustände in Clichy-sous-Bois bessern. Wenn Zyed und Bouna heute noch am Leben wären, was wir uns alle wünschen würden, dann hätte sich hier vielleicht gar nichts geändert."

Mit ihrem Tod aber ist Clichy-sous-Bois ist zum Symbol geworden. Staatspräsident François Hollande ist schon zwei Mal in die Vorstadt gekommen, der Premierminister war ebenfalls da. Die ganze politische Klasse hat wie immer viel versprochen – und ein paar Sachen sind tatsächlich auch passiert. 

Ettir:"Das Rathaus organisiert ein Hip-Hop-Festival mit großen Stars. Auf einer Wiese wird jeden Sommer ein großes Schwimmbecken aufgestellt. Letztes Jahr wurde ein Jobcenter eröffnet. Wir haben eine Polizeiwache bekommen und bald soll auch eine Straßenbahn gebaut werden."

Alles Strohhalme, an die sich Ettir klammert. Eben hat er noch über Dreck, Schmutz und Kakerlaken geschimpft, aber jetzt spricht der Streetworker fast wie ein Politiker.

Ettir:"Wir sind auf dem richtigen Weg."

Vom Gartenparadies zum Ghetto

Von Clichy-sous-Bois, nordöstlich von Paris, geht es über Nationalstraßen und Autobahnen an der Hauptstadt vorbei Richtung Süden bis zur Ausfahrt Grigny. Gleich hinter der Autobahn beginnt die Siedlung La Grande Borne. Verglichen mit  Le Chêne Pointu  in Clichy-sous-Bois ist La Grande Borne eine absolute No-Go-Area.

Sichtbar ist das nicht. Im Gegenteil. In sanften Kurven geschwungene Wohnblöcke schlängeln sich über ein weites Wiesengelände. Sie sind nur drei oder vier Stockwerke hoch. Ihre Fassaden sind hellblau, gelb und rosa verputzt. Nirgends ist ein Hochhaus zu sehen.

Der Architekt Emile Aillaud hatte eine Utopie vor Augen, als er die Siedlung vor 50 Jahren entwarf. La Grande Borne sollte kinderfreundlich sein, menschenwürdig, anders als die tristen Betonburgen der übrigen Vorstädte. Innerhalb von drei Jahren sind hier 3.600 Sozialwohnungen

entstanden, 12.000 Mieter zogen ein. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen, das Viertel wurde zum Auffangbecken vor allem für Einwanderer aus Schwarzafrika. Die Wirtschaftskrise und die fortschreitende De-Industrialisierung haben diese Bewohner besonders hart getroffen. Und so wurde das Gartenparadies zum Ghetto.

"Die Polizei hat gestern Nacht die Flucht ergriffen"

Auf der Place aux Herbes, dem Platz der Kräuter, hat der Mieterverein sein Lokal. Dort sitzt Bernard Moustraire mit zwei Nachbarn bei Kaffee und Gebäck. Der 70-Jährige schüttelt seinen dichten weißen Lockenkopf, die Haare fallen ihm fast in die blauen Augen. Er fragt noch einmal:

"Und du hast wirklich gar nichts gehört?  Die Polizei hat gestern Nacht die Flucht ergriffen. Sie wurde von einem Hausdach aus mit Molotow-Cocktails beworfen."

Die Nachbarin hat Lärm gehört, aber gesehen hat sie nichts. Das ist ihr auch lieber so.

Moustraire: "Hier ist immer was los, aber ich mag es nicht, wenn darüber berichtet wird, das rückt uns wieder in ein schlechtes Licht."

Am Tag darauf steht es kurz und knapp in der Lokalzeitung: Im Problemviertel La Grande Borne ist ein Polizeiauto angegriffen worden. In Sekundenschnelle sind 30 vermummte Steinewerfer da. Die Polizisten retten sich zu Fuß. So etwas kommt öfter vor, sagt Bernard Moustraire.

Moustraire: "Sicher, das war spektakulär, aber es betraf nur eine einzige Straße. Kein Vergleich zu den Unruhen vom Jahr 2005. Sehen Sie ..."

Drei Schulen brannten in Grigny

Er steht auf und geht zu einer Wand, die von oben bis unten mit Fotos aus der Siedlung plakatiert ist.  Auf einigen Bildern sind schwer bewaffnete Polizisten mit Helmen und kugelsicheren Westen zu sehen. In Grigny werden damals die ersten Schüsse auf Polizisten abgefeuert, hier brennen 2005 Autos und drei Schulen.

"Damals standen 60 Mannschaftswagen mit Bereitschaftspolizisten bei uns. Aber auch danach gab es noch enorme Spannungen. Hier auf diesem Foto sehen Sie, wie Mieter, die nicht mehr zahlen können, auf die Straße geworfen werden. Das ist auch unerträglich und genauso gewalttätig wie das, was 2005 passiert ist."

Die Ausgrenzung der Ärmsten ist die Ursache aller Probleme in der Siedlung, sagt Moustraire. Er kennt sich aus: Bis zur Rente hat er hier eine Firma geleitet, die Altkleider sammelt.  Als Vorsitzender des Mietervereins ist er jetzt täglich mit den Sorgen der Bewohner konfrontiert.

Moustraire: "In dieser riesigen Siedlung gibt es überhaupt keine soziale Mischung: Wir leben alle in Sozialwohnungen. Und weil es große Appartements sind, wohnen hier vor allem kinderreiche Familien. Die Behörden schicken Menschen zu uns, die so arm sind, dass sie nirgends wo sonst eine Wohnung bekämen. Alle Spannungen beruhen auf wirtschaftlichen Problemen."

Wer als Wohnort Grigny angibt, findet oft keinen Job

Moustraire beschreibt den Teufelskreis: Fast 700 Babys kommen in Grigny Jahr für Jahr auf die Welt. Die Hälfte der Bewohner ist unter 24 Jahre alt. Jeder zweite Jugendliche verlässt die Schule ohne Abschluss, jeder dritte junge Erwachsene ist arbeitslos. Selbst wer ein gutes Diplom hat, findet oft keinen Job, wenn er als Wohnort Grigny angibt.

Wenn die Zukunft derart verbaut ist, lockt das schnelle Geld umso mehr: In der Siedlung blüht der Drogenhandel. Die Kunden kommen sogar aus Paris, sagt Bernard Moustraire. Weil La Grande Borne anders als Clichy-sus-Bois direkt an der Autobahn liegt, ist der Einkauf für Ortsfremde kinderleicht.

Reporterin: "Ces 100 personnes, vous en connaissez?"

"Ja, natürlich, kenne ich die Dealer", sagt Bernard Moustraire. "Etwa hundert junge Leute haben das Sagen in der Siedlung. Ab und zu gibt es Spannungen wie in der vergangenen Nacht, das gehört nun mal dazu."

Die Drogenhändler betreiben ihr Geschäft ungeniert vor aller Augen. Wer in La Grande Borne lebt und wegsieht, hat nichts zu befürchten. Aber wer von außen kommt schon. Moustraire geht hinaus auf die Place aux Herbes, zeigt, wer schon alles kapituliert hat.

Eine Apotheke für 11.000 Menschen

Moustraire: "Die Apotheke hier, das ist einzige Apotheke für 11.000 Menschen. Die Post ist geschlossen, der Tabakwarenladen. Dort war das Büro der Familienkasse – auch geschlossen."

Jenseits der Autobahn, in einem anderen Ortsteil von Grigny, liegt die Mission Locale. Das ist eine Behörde, die jungen Menschen beim Berufseinstieg helfen soll. Die Adresse klingt vornehm, Avenue des Tuileries, aber die Umgebung ist schäbig: Niemandsland, auf dem Büsche und Unkraut wuchern, anonyme Bürobauten, Parkplätze, ein TÜV. Mohammed hat einen Termin mit einem Berater. 

Er habe das Nichtstun satt, außerdem brauche er Geld. Jetzt hofft er, dass ihm die Behörde den Lkw-Führerschein bezahlt, und er dann als Kraftfahrer arbeiten kann. Der junge Mann steht sichtbar unter Strom: Er pendelt mit den Armen, springt von einem Fuß auf den anderen, so als ob er gleich einen Rap aufführen wollte. Ein Jahr lang ist er schon arbeitslos.

"Vorurteile gegenüber Jugendlichen, erst recht, wenn es sich um Ausländer handelt"

Mohammed: "Es liegt an der Abstammung, an der Art, sich zu kleiden. Der Wohnort spielt wahrscheinlich auch eine Rolle. In Frankreich herrschen viele Vorurteile gegenüber Jugendlichen, und erst recht, wenn es sich um Ausländer handelt. Ein Franzose hat ein anderes Vokabular, der redet viel strukturierter. Aber unsere Eltern können kein richtiges Französisch, deshalb haben auch wir Schwächen. Das mögen sie hier nicht."

Mohammeds Eltern stammen aus Marokko, er selbst ist in Frankreich geboren und hier zur Schule gegangen bis er 16 war. Obwohl er nie wo anders gelebt hat, bezeichnet er sich als "Ausländer". Trotzdem gibt er sich gelassen. 

Mohammed: "Man gewöhnt sich dran. Und wenn man nicht blöd ist, übersieht man es einfach. Sollen die Leute doch Vorurteile haben. Wir wollen nur unser Leben leben, zu Essen haben, eine Familie gründen, vorankommen. Ich lasse mich von Rassisten nicht blockieren. Mir ist das scheißegal."

Auch Angelo, ordentliche graue Kapuzenjacke, saubere schwarze Jeans, sucht Arbeit. Der junge Mann ist in Haiti geboren, in Grigny aufgewachsen.

Nach dem Fachabitur hat er zwei Jahre lang Vertrieb und Kundenmanagement studiert und einen berufsorientierten Abschluss gemacht, sagt der 20-Jährige. Er hat sich auch um Stellen beworben, die unter seinem Niveau liegen – ohne Erfolg. Jetzt jobbt er für eine Zeitarbeitsfirma, räumt in einem Supermarkt Regale ein und spielt dort "Mädchen für alles". Auch Angelo fühlt sich ausgegrenzt.

"Die Außenwelt hat offenbar Angst vor uns"

"Wir, die jungen Leute hier, wir wollen es schaffen. Wir gehen auf die Außenwelt zu, aber die hat offenbar Angst vor uns. Ich glaube, die vertrauen einem jungen Mensch aus Grigny einfach nicht. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es für mich so schwierig ist, eine richtige Arbeit zu finden."

Angelo hat seinen Vater nicht gekannt. Seiner Mutter will er beweisen, dass er es schafft: raus aus dem Vorstadt-Ghetto. Ein paar ehemalige Schulkameraden haben sich anders entschieden.  

Angelo: "Manche haben Angst vor Schwierigkeiten. Für sie war es einfacher, die Schule abzubrechen und zu dealen. Sie wollen sich auch nicht bei Firmen vorstellen und Abfuhren einstecken. Also bleiben sie abends draußen und die Käufer kommen zu ihnen. Dabei wissen sie genau: Wenn ihnen die Polizei auf die Schliche kommt, landen sie im Gefängnis. Mit einigen war ich früher befreundet. Sie sind nicht aggressiv, greifen bestimmt niemanden an. Sie gehen nur den Weg des geringsten Widerstands, und so verdienen sie jetzt ihr Geld."

Ghetto, Dealer-Hochburg, jetzt auch noch Terroristennest. Einige Bewohner haben die Schnauze voll, dass ihre Stadt so ein negatives Image hat. Sie haben sich zu einem Kollektiv mit dem Namen "Elan Citoyen" zusammengeschlossen und entwickeln Initiativen, die das Zusammenleben verbessern. An diesem Sonntag haben sich die Mitglieder zum Picknick in einem städtischen Saal getroffen. Ein junger Mann hält eine Begrüßungsansprache.

Neue Stigmatisierungen nach den Terroranschlägen von 2015

Souleymane Hissourou, 29 Jahre alt, ist aus Mali ausgewandert, um sich in Frankreich ausbilden zu lassen. Grigny ist sein Zuhause geworden. 

Hissourou: "Nach den Terroranschlägen, die unser Land, Frankreich, im Januar getroffen haben, sind unsere Stadt und ihre Einwohner wieder einmal stigmatisiert worden…"

Alle wissen, wovon er spricht: Amedy Coulibaly, ebenfalls malischer Abstammung, ist in Grigny aufgewachsen, seine Familie lebt immer noch in der Siedlung La Grande Borne. Zwei Tage nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo hat der islamistische Terrorist einen jüdischen Supermarkt überfallen, zahlreiche Geiseln genommen und vier Menschen ermordet. Die Polizei hat ihn bei der Erstürmung des Ladens erschossen.

Als spontane Reaktion auf die Attentate haben Souleymane Hissourou und seine Mitstreiter gleich im Januar am Bahnhof von Grigny und auf dem Wochenmarkt Schreibtafeln aufgestellt, die Bewohner aufgefordert, Luft abzulassen. 350 Menschen haben Wut und Sorgen geäußert. Auch Marie-Paul Bamba.

Bamba: "Ich habe große Angst um meinen Sohn, weil er jetzt schon mit Drogenverkäufern in Kontakt kommt, obwohl er erst zwölf Jahre alt ist. Unser Viertel ist nicht sicher. Die Großen bilden die Kleinen aus, machen sie zu Spähern. Wir müssen zusammenhalten, damit dieses System endlich aufhört. Wir alle wollen doch, dass unsere Kinder im Leben erfolgreich sind."

12 bis 15 Kinder in einer Wohnung

Die 50-Jährige trägt raffiniert geflochtene Zöpfe und ein weites, afrikanisch gemustertes Kleid. Bamba stammt ebenfalls aus Mali. Jetzt will sie sich in Grigny engagieren, damit sich ihre Landsleute der Verantwortung stellen.

Bamba: "Es gibt Väter, die sagen ständig zu ihren Kindern: Geht raus, spielt auf der Straße. Manche sind polygam und müssen 12 oder 15 Kinder in der Wohnung unterbringen. Wie oft nehme ich ein Kind an die Hand und bringe es zu den Eltern zurück. Eigentlich habe ich kein Recht dazu. Aber jetzt kann ich sagen: Ich mische mich ein, weil ich Mitglied von Elan Citoyen in Grigny bin. Passt auf eure Kinder auf, erzieht sie anständig, lasst euch nicht entmutigen."

Zurück in Clichy-sous-Bois. Am Eingang der Stadt, zehn Fußminuten entfernt von der heruntergekommenen Plattenbausiedlung Spitze Eiche, liegt ein modernes Gebäude. Mit seiner eleganten, leicht zurückgeneigten Fassade und den vielen Verstrebungen erinnert es an ein großes Schiff. Lycée Alfred Nobel steht über dem Eingangstor.

Saoudata sitzt mit Schulkameraden vor dem Gymnasium auf einer Bank und quatscht. Auf der Straße amüsiert sich ein Motorradfahrer: Er zieht das Vorderrad hoch, balanciert auf dem Hinterrad. Ein dutzend Mal braust er so die Straße rauf und runter. Saoudata winkt dem jungen Mann zu. Ja, den kennen wir alle, sagt die 16-Jährige. 

"Als seien wir eine Stadt, wo man Krawall mag und gewalttätig ist"

Saoudata: "Hier in Clichy fühlen wir uns wie eine große Familie. Aber es heißt immer noch: Clichy-sous-Bois, wo die Unruhen ausgebrochen sind. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Als seien wir eine Stadt, wo man Krawall mag und gewalttätig ist. Dabei stimmt das nicht."

Das schlechte Image, da ist sie sich sicher, ist auch hier mit verantwortlich für die hohe Arbeitslosigkeit unter den jungen Leuten. 

Saoudata: "Wenn eine Firma einen Bewerber aus Clichy-sous-Bois hat und einen Bewerber aus einer anderen Stadt, Paris oder so, dann nimmt sie natürlich den anderen Bewerber. Wir haben ja selbst ein schlechtes Bild von uns, weil man uns ständig einhämmert, dass wir keine Zukunft haben. Zugleich wissen wir aber: Wir können es schaffen. Dabei unterstützen uns vor allem diejenigen, die selbst die Unruhen miterlebt haben. Sie machen Projekte mit uns, helfen uns, wenn wir Praktika finden müssen, und vieles mehr."

Die Freunde stimmen zu: Die Leute aus der eigenen Stadt sind es, die Clichy-sous-Bois voranbringen, vor allem das Kollektiv AC Le Feu.

AC Le Feu. Die sieben Buchstaben stehen für "Kollektiv der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, gemeinsam und vereint". Zugleich heißt "Assez le feu" aber auch: Schluss mit dem Feuer. Das Kollektiv hat sich im Oktober 2005 gebildet, als Clichy-sous-Bois und 300 andere Banlieues in Flammen standen. Das Rathaus stellt den Mitgliedern Räume zur Verfügung. Dort arbeitet Mohamed Mechmache, Gründer und Triebkraft des Kollektivs.

"Tut mir leid, wir werden wieder mal diskriminiert"

Energische Stimme, knappe Worte: Der 49-Jährige begrüßt 18 Frauen aus den ärmsten Vierteln von Clichy-sous-Bois im Garten des Vereinshauses. Fast alle tragen Kopftücher, manche auch ein langes Übergewand.

Mit den Frauen und ihren Familien wird Mohamed Mechmache in die Ferien fahren: auf einen riesigen Campingplatz bei Perpignan, gut 900 Kilometer entfernt im Süden. Zehn weitere Freiwillige von AC Le Feu sind auch dabei. Bevor es los geht, muss er sie schon enttäuschen:

Mechmache: "Wer Kopftuch trägt, darf das Schwimmbad nicht betreten. Selbst dann nicht, wenn ihr nur am Rand sitzen und eure Kinder beaufsichtigen wollt. Vergangenes Jahr wurde das noch akzeptiert, jetzt nicht mehr. Tut mir leid, wir werden wieder mal diskriminiert."

Mit Jeans und bedrucktem Schlabber-T-Shirt hat Mechmache noch immer den Look des Streetworkers. Im Oktober 2005 zog er nächtelang durch die Straßen von Clichy, versuchte, den Jugendlichen zu erklären, dass es mehr bringt, sich politisch einzumischen, statt Steine zu werfen. Seither versucht er, den Bewohnern der Banlieues eine Stimme zu geben, die laut genug ist, um von den Politikern gehört zu werden.

Ein Kollektiv organisiert Reisen und Workshops für Kindererziehung

Mechmache: "Auf dem Campingplatz werden uns manche Urlauber schief ansehen. Das haben wir letztes Jahr erlebt, aber das ist nicht weiter schlimm. Wir sind Menschen wie alle anderen auch, wir dürfen überall Ferien machen. Falls das einigen dort nicht passt, dann sagen wir ihnen, dass sie den Ort wechseln können. Aber dass eins klar ist: Unsere Gruppe wird alle Regeln einhalten, die der Campingplatzdirektor aufgestellt hat."   

Die Ferienreise ist Höhepunkt eines der zahlreichen Programme, die AC Le Feu in den vergangenen  zehn Jahren für die Bewohner von Clichy-sous-Bois entwickelt hat. Das Projekt heißt Oxygène, Sauerstoff. Die Familien sollen endlich mal raus aus der Vorstadt, neuen Schwung für den Alltag bekommen. Und in entspannter Atmosphäre Workshops für Kindererziehung machen.

Teilnahme ist Pflicht, auch für die Ehemänner, sagt Mechmache streng, und stellt den Frauen die Sozialarbeiterin Zoulikha Jerroudi vor: Die 45-Jährige leitet die Workshops, ehrenamtlich.

Es ist Abend geworden, die Frauen gehen nach Hause. Erst jetzt macht Zoulikha Jerroudi ihrem Ärger Luft. Die Kleiderregel für die Schwimmbad-Wiese demütigt und frustriert die Mütter. Das ist mal wieder ein gezielter Affront gegen Einwandererfamilien, schimpft sie.  

"Wir hängen an Frankreich, aber Frankreich mag uns nicht"

Jerroudi:  "Wir sind alle Franzosen, wir lieben unser Land, Frankreich. Wir leben und arbeiten hier, zahlen Steuern. Unser Herkunftsland kennen wir kaum. Heute haben wir den Eindruck, dass Frankreich uns nicht verstehen will. Wir fühlen uns wie illegale Kinder, ja wie Bastarde. Unsere Eltern und Großeltern hatten noch einen Fuß in ihrer Heimat. Wir hingegen stehen mit beiden Füssen hier. Wir hängen an Frankreich, aber Frankreich mag uns nicht, und das tut weh."

Mohamed Mechmache muss los. Das Rathaus veranstaltet einen Informationsabend. In Clichy-sous-Bois soll ein Bürgerrat gebildet werden. Mechmaches Idee.

Er geht in sein Büro. An der Wand hängt ein Foto, auf dem zwei wache junge Gesichter zu sehen sind: Zyed und Bouna, die beiden Jungen, die 2005 auf dem Gelände eines Umspannwerks von Clichy-sous-Bois ums Leben gekommen sind. Auf dem Schreibtisch: sein dicker Bericht mit dem Titel: "Für eine radikale Reform der Vorstadtpolitik".

Bewohner der Banlieues wollen politische Mitsprache

Vor zwei Jahren hat die Regierung Mohamed Mechmache und eine Soziologin beauftragt, Vorschläge zu entwickeln, wie die Banlieuebewohner in die Politik eingebunden werden könnten. Mechmache reiste dafür quer durch Frankreich, befragte die Menschen in den Trabantenstädten. Viele Siedlungen, so sein Fazit, sind heute zwar schöner als früher, den meisten Bewohnern aber fehlt nach wie vor die Perspektive.

Armut, Diskriminierung und die Tatsache, dass sie ständig an den Pranger gestellt werden. Um das zu ändern, müssten die Bürger der Banlieues endlich zu Akteuren gemacht werden.

Mmechmache: "Wir haben die Schnauze voll: Seit 30 Jahren entscheiden die Politiker über unsere Köpfe hinweg, was in den Siedlungen passiert. Wir wollen endlich mit am Tisch sitzen, wenn Reformen für unsere Viertel beschlossen werden. Wenn die dann Erfolg haben, umso besser. Wenn nicht, tragen wir Verantwortung und müssen herausfinden, warum. Aber es ist zu einfach, uns Vorwürfe zu machen, obwohl wir die Stadtpolitik nie beeinflusst, sondern immer nur ihre Folgen ausgebadet haben."

Mechmache hat 30 konkrete Vorschläge für mehr Bürgerteilhabe entwickelt. Die Regierung aber hat nur einen einzigen übernommen – die Bürgerräte. Und die dürfen nicht mal etwas entscheiden, sondern nur beraten. 

Während Mohamed Mechmache davon erzählt, sieht er plötzlich alt aus, tiefe Falten durchziehen sein Gesicht. Obwohl sich in Clichy-sus-Bois und anderen Banlieues äußerlich einiges verbessert hat, sind sie für ihn – zehn Jahre nach den Unruhen – immer noch ein Pulverfass.

Mechmache: "Bisher hält das Ventil, aber falls es platzt, können die Folgen schlimmer sein als das, was wir 2005 erlebt haben. Vielleicht werfen die Leute dann nicht nur Steine, sondern gehen zu Angriffen über, wie im Januar, bei den Attentaten von Paris. Wir verurteilen das, aber wir spüren: Die Menschen hier sind am Ende."

Mehr zum Thema:

Vom Banlieu in die Eliteschule
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 09.09.2011)

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