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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.09.2015

Papstbesuch in Kuba"Der Papst bringt Hoffnung"

Boris Santa Coloma im Gespräch mit Miriam Rossius

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Eine Tafel in Kubas Hauptstadt Havanna mit dem Porträt des Papstes heißt Franziskus willkommen.  (picture alliance / dpa / Alejandro Ernesto)
Kuba vor dem Papstbesuch (picture alliance / dpa / Alejandro Ernesto)

Wenn Papst Franziskus am Samstag Kuba besucht, dürfte ihm ein begeisterter Empfang sicher sein. Denn nach über einem halben Jahrhundert Atheismus würden die Menschen nach übersinnlichen Antworten suchen, sagt der Journalist Boris Santa Coloma.

In Kuba ist die katholische Kirche eine wichtige soziale Kraft. Entsprechend groß sind die Erwartungen an den Besuch von Papst Franziskus.

Der Journalist und frühere Presseattaché der kubanischen Botschaft in Ost-Berlin, Boris Santa Coloma, dämpft aber allzu große Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen durch den Papstbesuch. Vielmehr wolle der Vatikan seinen wachsenden Einfluss auf Kuba dazu nutzen, um die lateinamerikanischen Linksbewegungen als taktische Verbündete zu gewinnen.

Kubanische Kirche auf dem Weg zur "Staatsreligion"?

Auch die Rolle der katholische Kirche Kubas ist Coloma zufolge ambivalent: Einerseits sei sie die einzige zugelassene Oppositionsbewegung, andererseits habe sich die Kirche mit der kubanischen Diktatur verbündet und strebe den Status einer "Staatsreligion" an. Zwar setzten sich viele einfache Priester für die Menschenrechtsbewegung ein, Papst und Kurie jedoch nicht, kritisiert der Exil-Kubaner.

Der Papst-Besuch habe aber auch positive Aspekte: "Vor allen Dingen bringt der Papst Hoffnung in ein Land mit einem großen Defizit an Spiritualität und Nächstenliebe. Nach über einem halben Jahrhundert Atheismus suchen die Menschen in Kuba nach metaphysischen Antworten auf ihre Fragen."


Das Interview im Wortlaut:


Miriam Rossius: In etwa zweieinhalb Stunden steigt Papst Franziskus ins Flugzeug und reist nach Kuba. Wenige Tage später geht es weiter in die USA. Zunächst also Havanna, dann erst Washington – schon das ist ein wichtiges Statement. Schon in der diplomatischen Annäherung Kubas an die USA war Franziskus ein verlässlicher Vermittler, und noch mehr als auf anderen Reisen hat der Heilige Vater also diesmal eine politische Mission. Die beobachtet auch der Journalist Boris Santa Coloma, er ist der ehemalige Übersetzer von Fidel Castro. Und er beobachtet diesen Papstbesuch von Berlin aus, dort lebt er seit rund 25 Jahren im Exil. Guten Morgen, Herr Santa Coloma!

Boris Luis Santa Coloma: Guten Morgen!

"Kuba ist nach wie vor ein totalitärer Staat"

Rossius: Ihr Vater war ein Held der Revolution auf Kuba, Sie selbst haben eine Karriere im diplomatischen Dienst hinter sich, unter anderem als Presseattaché in der Botschaft in Ostberlin. Warum haben Sie mit Kuba gebrochen, gab es einen bestimmten Auslöser?

Coloma: Im Grunde genommen, der einzige Auslöser war die Weigerung von Fidel Castro, damals um die kubanische Führung, die Reformen, die Kuba braucht, einzuleiten. Der Reformstau in Kuba ist immens, und trotz all dem, was die Presse hier in Deutschland darüber schreibt, Kuba ist nach wie vor ein totalitärer Staat, wo die Bevölkerung vom Wirtschaftsgeschehen, vom Sozialgeschehen ausgeschlossen wird. Die Menschenrechte werden mit den Füßen getreten, und die Menschen werden auch verfolgt, und es gibt eine Bürgerbewegung, die sich aktiv  dagegen wehrt.

Rossius: Glauben Sie, dass Papst Franziskus etwas an der Menschenrechtslage ändern kann? Vor ihm war ja zuletzt Benedikt XVI. auf Kuba, 2012, und da hat er sich mit keinem einzigen Regimegegner getroffen. Welche Hoffnungen setzen Sie jetzt in Franziskus?

Coloma: Die katholische Kirche, und vor allem jetzt unter diesem Papst, hat sich mit der kubanischen Diktatur verbündet, und wir wissen, dank der Vermittlung der katholischen Kirche ist der gegenwärtige Entspannungsprozess zwischen Washington und Havanna in Gang gesetzt worden. Die katholische Kirche schlüpft in die Rolle, die einzige zugelassene Opposition in Kuba zu sein, und als solche erkennt sie überhaupt nicht die kubanische Bürgerrechtsbewegung. Also die Kurie erklärt die Bürgerrechtsbewegung in Kuba entweder als inexistent, oder als Pakt werden sie von der obersten katholischen Führung bezeichnet.

Katholische Kirche hat ihren Einfluss in Kuba stark ausgedehnt

Rossius: Sie spielen auch darauf an, dass die katholische Kirche sich zu einer wichtigen sozialen Kraft entwickelt hat, im Einvernehmen mit der Führung, also die katholische Kirche bietet Essen und Kleidung für Bedürftige, Gesundheitsvorsorge, Bildungskurse und hat eigentlich ein partnerschaftliches Verhältnis zum Regime.

Coloma: Mehr – mehr als das. Ich denke, die katholische Kirche, wie Sie mit Recht gesagt haben, hat ihren Einfluss in der Bevölkerung sehr stark ausgedehnt, und in einem Augenblick, wo der Katholizismus in der Welt Rückschläge erleidet, strebt die katholische Kirche in Kuba den Status an, eine Staatsreligion zu werden.

Rossius: Sie erwarten also von Papst Franziskus, dass er die Zeit auf Kuba nutzt, um den Einfluss der Kirche zu festigen ...

Coloma: Natürlich.

Rossius: ... aber nicht, um sich in irgendeiner Form für Menschenrechte oder für die Opposition einzusetzen.

Coloma: Das glaube ich nicht, weil das würde dann im Widerspruch stehen mit ihrer Rolle als einzig zugelassene Opposition. Aber ich möchte einen Unterschied machen zwischen den Priestern – es gibt viele Priester, die sich für die Menschenrechte, für die Bürgerrechtsbewegung einsetzen, weil die meisten der führenden Köpfe der kubanischen Bürgerrechtsbewegung sind praktizierende Katholiken, und es gibt viele Priester, die ihnen Obhut gewähren.

Immer noch Revolutionsromantik in den Köpfen vieler Linker

Aber wenn ich über die katholische Kirche spreche, dann beziehe ich mich auf den Papst und auf die Kurie, nicht auf die einfachen Menschen, die eine friedliche Botschaft in ((nach)) Kuba bringen. Ich denke, ein wichtiger Aspekt meiner Meinung nach ist, dass der Vatikan seinen wachsenden Einfluss auf Kuba dazu nutzen will, um die lateinamerikanische Linksbewegung als taktische Verbündete zu gewinnen. Man muss berücksichtigen, trotz der prekären Lage in Kuba – sowohl wirtschaftlich als auch in Fragen der Menschenrechte – gibt es nach wie vor im linken Lager, auch in Deutschland, viele Menschen, die die derzeitige Diktatur der Gebrüder Castro mit der Volksbewegung von 1959 verbinden.

Rossius: Ja, das ist ja ein häufiger Vorwurf, der unter anderem den Linken in Deutschland gemacht wird, dass sie immer noch so eine Art Revolutionsromantik anhängen.

Coloma: Ja, genau so. Aber abgesehen davon, ich denke, der Besuch hat auch viele positive Aspekte. Vor allen Dingen bringt der Papst Hoffnung in ein Land mit einem großen Defizit an Spiritualität und Nächstenliebe. Nach über einem halben Jahrhundert Atheismus suchen die Menschen in Kuba nach metaphysischen Antworten auf ihre Fragen. Der Zulauf, den die katholische Kirche in den letzten Jahren erfahren hat, ist ein Beweis dafür.

Rossius: Das werden wir heute Abend und in den kommenden Tagen sehen. Haben Sie vielen Dank für diese Einschätzungen! Boris Santa Coloma war das, der ehemalige Übersetzer von Fidel Castro, seit 25 Jahren im Exil. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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