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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.12.2007

Papa Castorf und die Kinderschar

"Emil und die Detektive" in der Berliner Volksbühne

Von Bernhard Doppler

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Szenenbild aus Castorfs Inszenierung. (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)
Szenenbild aus Castorfs Inszenierung. (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)

Wenn Frank Castorf erstmals in eine Inszenierung eine Gruppe von Kindern einbezieht und sie zu Hauptakteuren macht, ist er nicht der Versuchung erlegen, deren Welt gegen die der Erwachsenen auszuspielen oder sie als Opfer zu heroisieren.

Bei Erich Kästners weinerlich moralisierendem Kinderbuch "Emil und die Detektive" wäre diese Gefahr ja durchaus gegeben, wenn der junge Emil Tischbein aus Neustadt, dem auf der Fahrt nach Berlin im Zug 140 Mark gestohlen werden, mit einer Bande von Kindern Jagd auf einen Kleinkriminellen, auf Herrn Grundeis macht.

Castorf hat Kästners Kinderbuch mit Texten aus Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" verschnitten: beide aus den späten 20er Jahren, um das Lebensgefühl jener Zeit, das Sich-durch-Boxen und Immer-wieder-Aufstehen zu befragen. Beide Bücher, vor allem aber die Filme, die Anfang der 30er Jahre daraus entstanden sind, hat schon der Soziologe Siegfried Kracauer zusammengebracht, um in seinem Buch "Von Caligari bis Hitler" ein Psychogramm Deutschlands vor 1933 zu erstellen.

Auch Castorf geht von der Übermalung von Filmen aus, neben allen drei deutschen "Emil-und-die-Detektive"-Verfilmungen (aus 1931, 1954 und 2001) und dem bei ihm unvermeidlichen Tatantino kommt wie bei Kracauer auch bei Castorf noch Fritz Langs Berlinfilm "M - eine Stadt sucht einen Mörder" hinzu.

Wer ist das Opfer? Wer ist mit Franz Biberkopf, dem halbkriminellen Schmierensteher, vergleichbar? Der kleine Emil und seine Bande oder nicht viel mehr doch Herr Grundeis (Milan Peschel), der wie bei Fritz Lang auch mit einem M auf den Mantel gebrandmarkt wird?

Durch eine Wiederaufnahme seiner fünfeinhalbstündigen Fassung "Berlin Alexanderplatz", dessen Bühnenbild von Bernd Neumann auch bei "Emil und die Detektive" auf der Drehbühne im Einsatz ist, hat Castorf den Döblin-Bezug zusätzlich verstärkt, allerdings sind im Gegensatz zu jener Inszenierung die Live-Filmszenen hinter der Bühne, die dann auf der Leinwand vorgeführt wird, sehr exzessiv in Verwendung, was auch mit den jugendlichen sehr spielfreudigen Darstellern zusammenhängen mag, die so in der großen Volksbühne intimer und verständlicher agieren können.

Vom Abstieg, von der künstlerischen Auszehrung der Volksbühne, wie sie in letzter Zeit immer wieder im Feuilleton beschworen wird, merkt man aber nicht allzu viel. Papa Castorf wurde inmitten der Kinderschar beim Schlussapplaus freundlich empfangen Sicher hätte man einige "Dramaturgen-Texte", die besser im Programmheft aufgehoben wären, streichen sollen; und vermutlich fehlen diese ja auch in den separaten Aufführungen für Kinder, die die Volksbühne mit Altersangabe "ab 9 Jahren" angesetzt hat.

Die an Erich Kästner direkt anschließenden Teile sind recht komödiantisch, bisweilen kabarettistisch umgesetzt: beim Friseur in Neustadt etwa oder Emils bärtige Oma - Michael Schweighöfer mit immer wieder abrutschenden braunen Kniestrümpfen - und neben dem eindrucksvollen Milan Peschel als Grundeis gibt es mit dem aus Ulrich Seidl-Filmen bekannten auf schleimige Wiener spezialisierten Georg Friedrich als Boxlehrer auch einen respektablen vitalen Volksbühnen-Zuwachs.

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