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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 10.04.2020

Pandemie und BlutvergießenMit der Pest kamen die Pogrome

Von Ruth Kinet

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Juden beten mit Abstand zueinander vor der Klagemauer in Jerusalem. (Picture Alliance / newscom / Debbie Hill)
Auch jüdisches Leben wird durch COVID-19 eingeschränkt, derzeit etwa die Feierlichkeiten zu Pessach. Dennoch halten sich schon seit Jahrhunderten antisemitische Verschwörungstheorien. (Picture Alliance / newscom / Debbie Hill)

Als in Europa die Pest ausbrach, sollten Juden schuld sein. Bauern, Handwerker und Bürger mordeten zahllose jüdische Mitmenschen. Heute ist bekannt, was ein Virus ist. Doch macht das Wissen auch in der Coronakrise immun gegen Verschwörungstheorien?

Christian Scholl: "Die ersten Pogrome an Juden hat es um die Osterzeit 1348 gegeben."

Christian Scholl ist Historiker an der Universität Münster und hat über die Geschichte der Judenverfolgung im Spätmittelalter promoviert: "Begründet hat man diese Verfolgungen damit, dass man den Juden vorgeworfen hat, die Brunnen vergiftet zu haben und so dieses Massensterben im Zuge der Pest verursacht zu haben. Das waren die schlimmsten Judenverfolgungen in Europa bis zum Holocaust und diese Pogromwelle hat einen tiefen Einschnitt dargestellt für die Juden Mitteleuropas. Ein Großteil der Gemeinden vor allem in Südfrankreich und dann auch im Heiligen Römischen Reich sind im Zuge dieser Welle vernichtet worden."

Seit der Antike war Europa von der Pest verschont geblieben. Als die Krankheit sich 1348 von der Hafenstadt Marseille auf dem ganzen europäischen Kontinent ausbreitete, konnten sich die Menschen das massenhafte Sterben nicht erklären. Da weder Ärzte noch Wissenschaftler die Ursache für die Verbreitung der Epidemie kannten, wurde eine Erklärung konstruiert, die sich gut in das kollektive Bewusstsein der europäischen Gesellschaften jener Zeit einfügte: Die Juden sollten Schuld sein. Ihnen warf man vor, die Brunnen zu vergiften. Wer genau die Vorwürfe unters Volk brachte, lässt sich heute schwer sagen.

Juden als Satansbrut

Diese irrationale Verschwörungstheorie passte in die gängigen Bilder von den Juden als Verkörperung des Schlechten, des Anti-Christen, der Teufelsgenossen und der Satansbrut.

Christian Scholl: "Die Forschung geht davon aus, dass der Großteil zumindest der einfachen Menschen tatsächlich an diese Verschwörung geglaubt hat und das erklärt man sich damit, dass infolge der Pest eine Massenpanik ausgebrochen ist, die dann auch zu einer Massenpsychose geführt hat, in deren Folge dann die Juden ermordet worden sind. Es hat bestimmt auch viele Angehörige der Oberschichten gegeben, Adlige, Stadträte, Bürgermeister und so weiter, von denen werden viele auch gewusst haben, dass die Juden unschuldig waren und die Brunnen nicht vergiftet haben. Aber die konnten häufig ein ganz handfestes monetäres Interesse daran haben, die Juden zu ermorden. Sei es, dass sie bei den Juden Kredite aufgenommen hatten, die sie dann nicht mehr zurückzahlen mussten oder dass sie auf deren Immobilien spekuliert haben und deswegen haben sie die Juden ans Messer geliefert."

Holzstich aus Hottenroth "Geschichte des Judentums" zeigt im Hintergrund ein großes Feuer, im Vordergrund eine verzweifelte Gruppe Menschen, mit einem König an ihrer Spitze. Er hält ein Schwert.  (picture-alliance / akg-images)Holzstich aus Hottenroth "Geschichte des Judentums": 'Wegen der Ermordung von Tausenden von Juden (...) gaben sich die Verfolgten vielerorts selbst den Tod'. (picture-alliance / akg-images)

Eine Stimme der Vernunft in jener Zeit kam aus Avignon, von Papst Clemens VI. Er versuchte, die Verschwörungstheorie von der Brunnenvergiftung durch rationale Argumente zu entkräften:

Christian Scholl: "Clemens VI. hat mehrere Dokumente, also Bullen, erlassen, in denen er zum Schutz der Juden aufgerufen hat. In diesen Bullen hat der Papst auch erklärt, dass die Vorwürfe, die gegen die Juden erhoben werden, überhaupt nicht zutreffen können. Und zwar hat er angeführt, dass die Juden zum Einen selbst an der Pest gestorben sind und dass auch Länder, Regionen und Völker von der Pest betroffen sind, obwohl es dort überhaupt keine Juden gibt. Also in den Siedlungsgebieten der Mongolen, im fernöstlichen China hat auch die Pest gewütet, aber da waren überhaupt keine Juden und trotzdem ist die Pest ausgebrochen. Aufgrund dieser logischen Argumente hat der Papst gesagt, es kann überhaupt nicht sein, dass die Juden für diese Seuche verantwortlich sind. Aber auch seine Stimme ist nicht gehört worden, obwohl er das Oberhaupt der Christenheit war und obwohl die Religion einen so bestimmenden Faktor im Mittelalter ausgemacht hat."

Stimme der Vernunft drang nicht durch

Die rationalen Argumente des Papstes drangen nicht durch. Vor allem Angehörige des dritten Standes, Bürger, Handwerker und ungebildete Einwohner der Städte erklärten die Juden für schuldig. Aus vielen Reichsstädten sind aus der Zeit zwischen 1348 und 1351 tumultartige Unruhen überliefert, bei denen die jüdischen Gemeinschaften der jeweiligen Stadt kollektiv ermordet wurden. Aber das Morden ging auch von Vertretern der Obrigkeit aus: In Straßburg zum Beispiel wurde die Hinrichtung der Juden von oben angeordnet.

Christian Scholl: "Da hat der Stadtrat die Juden zum Tode verurteilt, man hat die Juden dann in einer großen Prozession durch die Stadt geführt, sehr wahrscheinlich auf das Areal des jüdischen Friedhofs, hat dort einen Scheiterhaufen errichtet und da die Gemeinde kollektiv verbrannt. Es kam auch vor, dass man Holzschuppen gebaut hat, in die man die Juden geführt hat und in dem die Juden hingerichtet worden sind, indem man sie dann angezündet hat. Wenn man auf die Gesamtzahl der Pogrome schaut, fällt auf, dass es eine relativ hohe Zahl von Pogromen am Sabbat gibt, also Freitagabend oder Samstag. Und eine mögliche Erklärung dafür ist, dass es dann für die Judenmörder am einfachsten war, die Juden zu ergreifen. Also entweder man ging durch die Häuser, in denen die Juden zuhause gesessen haben, hat sie irgendwohin geführt und hingerichtet. Oder aus Sicht der Mörder noch einfacher, man hat die Synagoge von außen verschlossen, als die Gemeinde dort zum Gebet versammelt war, und hat die Synagoge dann angesteckt und die Gemeinde ist darin verbrannt."

Pogrome gegen Juden gab es in der Gegend von Genf, in Basel, in Freiburg im Breisgau und Feldkirch, in Straßburg, in Worms, Mainz, Koblenz , Köln, Brüssel, Trier und Königsberg. Fast immer vernichteten die Täterinnen und Täter ganze jüdische Gemeinden. Die Legende von der Brunnenvergiftung hat sich seit den Pest-Pogromen ins Repertoire der judenfeindlichen Verschwörungstheorien eingeschrieben.

Noch 200 Jahre nach den Pogromen des 14. Jahrhunderts gibt der Reformator Martin Luther den Juden weiterhin die Schuld an der Ausbreitung der Pest. 1543 schreibt Luther in seinem Buch "Von den Juden und ihren Lügen":"Ein solch verzweiffelt / durchböset / durchgifftet / durchteuffelt ding ists vm diese Jüden / so diese 1400. Jar vnser plage / Pestilenz vnd alles unglück gewest / vnd noch sind. Summa wir haben rechte Teuffel an ihnen / ... Da ist kein Menschlich Herz .../ "

Verschwörungstheorien zu Juden und Corona

Die ersten Pest-Pogrome in Südfrankreich und im Heiligen Römischen Reich begannen in der Pessach-Zeit des Jahres 1348. Heute, 672 Jahre später, in den Pessach-Tagen des Jahres 2020, breitet sich die Corona-Pandemie in der Welt aus und im Internet und in sozialen Netzwerken kursieren wieder judenfeindliche Verschwörungstheorien. Levi Salomon: "Naja, in unsicheren Zeiten wird die Schuld immer an die Juden gelagert."

Levi Salomon ist Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Seit vielen Jahren beobachtet er die Entwicklung des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft und im Internet:

"In Deutschland beobachten wir seit dem Coronavirus-Ausbruch vermehrt mit dem gesamten Team die Verschwörungstheorien. Dass die Juden vom Virus profitieren. Dass der Coronavirus ein Werkzeug für die Juden sei, um ihren globalen Einfluss aufzubauen. Aber das Schlimmste ist: Die Juden werden auch als Virus dargestellt, als bösartiger Virus."

"Moderne Menschen wissen, was Virus ist"

Der Historiker Christian Scholl erkennt Kontinuitätslinien von den antijüdischen Verschwörungstheorien, die den Pest-Pogromen im 14. Jahrhundert vorausgingen zu den antijüdischen Verschwörungstheorien im Kontext der heutigen Corona-Pandemie:

"Wenn heute gesagt wird, die Corona-Epidemie ist eigentlich von Israel ins Leben gerufen worden oder von irgendwelchen Laboren, die jüdischen Institutionen oder Wissenschaftlern unterstehen, und dass die dieses Virus bewusst in die Welt gesetzt haben, um die Feinde der Juden zu schädigen. Und wo ich auch eine Kontinuität sehe, die Menschen im Mittelalter konnten sich die Pest nicht erklären. Eins zu eins ist es so heute natürlich nicht. Wir wissen, dass das Coronavirus ein Virus ist, aber wir wissen noch nicht, wie genau man es eindämmen kann, es gibt keine Medikamente, es gibt keine Impfstoffe. Und in dieser Phase des Nicht-Wissens kommt dann der Vorwurf, dass es eben die Juden waren, die das Virus in die Welt gesetzt haben. Also da sehe ich leider schon – leider – eine Kontinuität zu den Vorwürfen, die im Mittelalter erhoben worden sind."

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus ist alarmiert. Er beobachtet Tag für Tag, wie sich die antijüdischen Verschwörungstheorien in Zeiten der Corona-Pandemie ausbreiten: "Es sind nicht nur Social-Media-Kanäle verantwortlich, sondern auch unsere Bundesregierung ist verantwortlich und unsere Berliner Regierung oder die andere Landesregierungen, weil die müssen unterstützen solche Initiativen und Spezialisten, die solche Tendenzen beobachten und Aufklärungsarbeit leisten."

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