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Lesart | Beitrag vom 30.10.2020

Pandemie-LiteraturÜber das Virus und was es mit der Gesellschaft macht

Von Susanne Billig

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Ein Mann liest mit Gesichtsmaske ein Buch. (imago images / Panthermedia)
Wie immer gilt: Lesen hilft. Doch nicht alle Bücher über das Virus sind auch wirklich klug. (imago images / Panthermedia)

Covid-19 begleitet uns jetzt schon einige Monate. In dieser Zeit sind viele Sachbücher, aber auch Romane zum Thema erschienen. Ein Streifzug durch die Corona-Literatur.

Das erste packende Buch

Im Mai kam "Wuhan Diary" der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang heraus. Ein packendes Buch. Darin verwebt sie ihr persönliches Erleben des Lockdowns in Wuhan mit einer Art Tiefensektion der chinesischen Gesellschaft. Liebevoll im Blick auf die einfachen Menschen. Illusionslos, was die politische Klasse im Land angeht.

Fang Fang: "Wuhan Diary"
Übersetzung Michael Kahn-Ackermann
Hoffmann und Campe, 2020
352 Seiten, 25 Euro

Die Schnellschüsse

"Corona", eine Erzählung von Martin Meyer, ist leider ein Schnellschuss. Ein alternder Buchhändler hält sich mit dem Lesen bewährter Seuchenliteratur während der Quarantäne seelisch über Wasser. Die schwarze Spinne, die Pest, Tod in Venedig – wenig originell.

Martin Meyer: "Corona" (Erzählung)
Kein & Aber, 2020
208 Seiten, 20 Euro

An der Oberfläche gleitet auch "Die Krone der Schöpfung" von Lola Randl dahin. Dafür ist es wenigstens schön schräg geschrieben. Die Autorin mixt thematische Versatzstücke wie Großstädter, die das Landleben üben, ausufernde Virus-Ängste und eine Zombie-Geschichte und fasst das in winzige Kapitel mit einem lakonischen, selbstironischen Tonfall. Dennoch man hat beim Lesen nicht unbedingt das Gefühl, dass das Buch der Wucht dieser Pandemie standhalten kann.

Lola Randl: "Die Krone der Schöpfung" (Erzählung)
Matthes & Seitz, 2020
214 Seiten, 18 Euro

Die den demokratischen Umgang verhandeln

In "So ist die Welt geworden" arbeitet Marlene Streeruwitz mit einer Protagonistin, die ihr ähnlich ist. Eine Schriftstellerin, die im Lockdown auf einmal ohne Lesungen und Einnahmen vor dem seelischen Absturz steht. Aber ihre Figur hat ein waches Weltinteresse und denkt intensiv über die Krise und ihre politischen Folgen nach.

Marlene Streeruwitz: "So ist die Welt geworden" (Roman)
bahoe books, 2020
208 Seiten, 19 Euro

Ähnlich macht es Zadie Smith in ihren Corona-Essays. Sie setzt auf schnelle, harte Schnitte zwischen privaten Seuchen-Reflexionen und Politik. Zum Beispiel, wenn sie sich ein anderes Virus vornimmt, das die amerikanische Gesellschaft durchseucht: das Virus der Verachtung.

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"Bei diesem speziellen Virus", so schreibt sie, "stand der Patient Null vor vierhundert Jahren an Bord eines Sklavenschiffs, blickte hinunter auf die stöhnende Masse unter Deck und stellte fest, dass sie genau der Typ Mensch waren, der Ketten trägt." 

Zadie Smith: "Betrachtungen – Corona-Essays"
Übersetzung von Tanja Handels
Kiepenheuer & Witsch, 2020
80 Seiten, 7,99 Euro (E-Book)

Und dann gibt es natürlich noch spannende Essay-Sammlungen, Bücher wie "Die Corona-Gesellschaft" und "Jenseits von Corona" aus dem transcript Verlag. Diese Texte fragen aus historischer und soziologischer Perspektive, auf welche Ökonomie, Gesellschaftsstrukturen und Narrative dieses Virus trifft.

Die Querdenker-Thesen

Am bekanntesten ist natürlich das Buch "Corona-Fehlalarm" von Sucharit Bhakdi und Karina Reiss. Um zu beweisen, dass wir es hier mit einer harmlosen Grippe zu tun haben, erschlagen sie uns geradezu mit Zahlen und Berechnungen – für Laien ist das überhaupt nicht zu durchschauen.

Aber der Tonfall spricht für sich. Viele Ausrufezeichen, Unterstellungen und Kollegenschelte. Am Ende versteigen sie sich zu der Behauptung, die politische Klasse in Deutschland wollte jetzt ein Regime wie in China errichten. Das schmeckt schon sehr nach Querdenker.

Sucharit Bhakdi und Karina Reiß: "Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe"
Goldegg Verlag 2020 
160 Seiten, 15 Euro

Aus diesem Lager gibt es natürlich etliche Bücher, die schwerst auf die Pauke hauen. "Vorsicht Diktatur" von Stefan Schubert zum Beispiel – die Grippe-Idee vermischt mit Ausländerfeindlichkeit und Volksfrontdenken.

Der Kopp-Verlag bringt diese rechtslastigen Corona-Bücher heraus, eins nach dem anderen. Rezensionsexemplare verschickt er übrigens nicht. Bei diesem Verlag gibt es weder eine Ansprechperson für die Presse noch überhaupt eine Antwort auf eine journalistische Anfrage.

Stefan Schubert: "Vorsicht Diktatur"
Kopp, 2020
320 Seiten, 22,99 Euro

Die gesundheitspolitische Sichtweise

Im August erschien "CoronaEthik" von Andreas Brenner, ein Text, der zeigt, wo derzeit ethische Grenzüberschreitungen drohen. Aber ohne Erregung, ohne wüste Anklagen; sondern aus der Haltung heraus: Auch in der Krise muss Raum zum Differenzieren bleiben. Das trifft den Nerv dieser Tage sehr gut.

Andreas Brenner: "CoronaEthik – Ein Fall von Global-Verantwortung?"
Königshausen und Neumann, 2020
110 Seiten, 14,80 Euro

Das Buch "Der verlorene Patient" stellt das Gesundheitssystem insgesamt auf den Prüfstand. Ein Arzt erzählt eindringlich, was die Durchökonomisierung des Gesundheitswesens anrichtet und wie Menschen im Gesundheitswesen schon lange über jedes Limit hinaus arbeiten.

Umes Arunagirinathan, Doris Mendlewitsch: "Der verlorene Patient – Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht"
Rowohlt, 2020
224 Seiten, 16 Euro

Corona aus der religiösen Perspektive

Aus religiöser Perspektive gibt es zu dem Thema eher wenig. Der unermüdliche Anselm Grün hat ein Buch vorgelegt und wandert auf der Grenzlinie zwischen Ermutigungsratgeber und dem Blick auf die tieferliegenden Nöte dieser Welt, wie Klimaerhitzung oder Flüchtlingsströme. 

Anselm Grün: "Was gutes Leben ist – Orientierung in herausfordernden Zeiten"
Herder, 2020
256 Seiten, 22 Euro

Dann gibt es natürlich noch den quasireligiösen Trendforscher Matthias Horx, der seinen viral gegangenen Essay "Die Welt nach Corona" zu einem Buch erweitert hat. Eine unglaublich optimistische Zukunftsvision: Die Krise läutert uns zu einer neuen Solidarität: wertebasiert, kreativ, lokal-gobal-digital.

Die Frage, warum wir nicht längst in diesem wunderbaren Paradies leben, untersucht er weiter nicht. Um es mit Mark Twain zu sagen, der allerdings damit ein anderes Buch meinte: Das hat schon viel von gedrucktem Chloroform.

Matthias Horx: "Die Zukunft nach Corona – Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert"
Econ, 2020
144 Seiten, 15 Euro

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