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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.06.2016

Panait Istrati: "Kyra Kyralina" Der Gorki des Balkans

Von Maike Albath

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Der rumänische Schriftsteller Panait Istrati (Foto: Marco Klein)
Der rumänische Schriftsteller Panait Istrati (Foto: Marco Klein)

Der Roman "Kyra, Kyralina" des Rumänen Panait Istrati ist in der Übersetzung von Oskar Pastior neu erschienen. Panait Istrati, 1884 im Brăila geboren, verleiht in seinem Hauptwerk den kleinen Leuten seiner Zeit auf dem Balkan eine Stimme: ein Klassiker in schillernden Glanz.

Panait Istrati, 1884 im rumänischen Brăila geboren und 1935 gestorben, war sein Leben lang ein Getriebener. Er schlug sich als Pastetenbäcker und Kellner durch, bereiste die Türkei, Ägypten und Italien, beherrschte Griechisch ebenso wie Rumänisch, las sämtliche Romane der Weltliteratur und verfasste einen Großteil seines Werkes auf Französisch. Fast allerdings hätte der politisch umtriebige Autodidakt, der ab 1907 Texte für sozialistische Zeitschriften lieferte, in seiner Heimat große Streikaktionen plante und später die verstörenden Missetaten der sowjetischen Kommunisten anklagte, komplett aufgegeben: Nach zwei gescheiterten Ehen, einer misslungenen Rückkehr nach Rumänien, tuberkulosekrank und verarmt, unternahm er 1921 auf dem Weg nach Nizza einen Selbstmordversuch.

Kurz zuvor allerdings hatte Istrati an den von ihm verehrten Schriftsteller Romain Rolland geschrieben. Den Brief trug er in der Tasche, der Suizid wurde verhindert, und die Polizei übergab den Umschlag dem Adressaten. Rolland antwortete sofort:

"Ich erwarte Ihr Werk! Verwirklichen Sie Ihr Werk, das wesentlicher ist als Sie, länger währt als Sie, dessen Hülse Sie sind."

Drei Jahre später legte Panait Istrati sein literarisches Debüt vor, begleitet von einem Vorwort Rollands, der ihn als "Maxim Gorki des Balkans" feierte. Der heute in Vergessenheit geratene schmale Band mit dem Titel "Kyra Kyralina" wurde ein internationaler Erfolg.

Farbigkeit der Geschehnisse

Der Auftakt des Romans "Kyra Kyralina" gehört dem jungen Anstreicher Adrian Zograffi, der für sein Leben gern den Geschichten anderer Menschen lauscht. Bei einem abendlichen Spaziergang begegnet er dem Limonadenverkäufer Stavru. Weil Adrian gerade ohne Arbeit ist, lässt er sich von Stavru in die Kunst des Limonadenbrauens einführen und fährt mit ihm über Land. Eines Nachts, als Stavru dem jungen Mann zu dessen Entsetzen Avancen macht, setzt die orientalisch anmutende, weitschweifige Binnenerzählung ein: Stavru erklärt seine Neigung zu Männern mit dem Pech in seiner Ehe und dem Unglück seiner Kindheit und Jugend.

In rhapsodischen Schüben breitet er das sinnenfrohe Leben seiner Mutter aus, die mit dem Vater zerstritten war und gemeinsam mit der Tochter Kyra tagtäglich Hausfreunde empfing. Es kommt zu einer Gewalttat, die Mutter wird malträtiert, der Vater ermordet, Stavru und Kyra fliehen nach Istanbul und werden entführt. Kyra landet in einem Harem, Stavru wird zum Lustknaben wechselnder wohlhabender Lebemänner.

Seine ganze Sehnsucht richtet sich auf die verlorene Schwester, und immer wieder verspricht man ihm, das Mädchen auftreiben zu wollen. Einer seiner Gönner verwendet für alles, was Stavru gefällt, den Kosenamen der Schwester: "Kyra, Kyralina".

Der mündliche Erzählton, die Farbigkeit der Geschehnisse und die osmanische Verspieltheit entfalten bei allen Grausamkeiten etwas Bezwingendes. Die mythische Kindheit ist für immer verloren. Die unerreichbare Kyra wird zum Inbegriff dessen, wonach der Mensch sein Leben lang vergeblich strebt. In der zupackenden Übersetzung von Oskar Pastior, die 1963 in Bukarest und 1975 in der DDR erschien, bekommt Istratis Klassiker einen schillernden Glanz.

Panait Istrati: "Kyra Kyralina"
Aus dem Rumänischen übersetzt von Oskar Pastior
Wagenbach, Berlin, 2016
160 Seiten, 17,90 Euro

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