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Fazit | Beitrag vom 10.03.2019

"Palast der Republik" in BerlinReflexionen über die Wendezeit

Von Elisabeth Nehring

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Die Fensterscheiben des Hauses der Berliner Festspiele sind mit Bronzefolien beklebt. Rund zehn Jahre nach dem Abriss des Palasts der Republik wollen Künstler in Berlin das DDR-Gebäude wieder auferstehen lassen. (Britta Pedersen/dpa)
Der "Palast der Republik" kehrte zurück - ins Haus der Berliner Festspiele. (Britta Pedersen/dpa)

Welche Ideen und Debatten prägten die Nachwendezeit? Welche emanzipatorischen Bewegungen von damals werden heute wieder gebraucht? All das wurde beim Festival "Palast der Republik" im Haus der Berliner Festspiele besprochen oder künstlerisch umgesetzt.

"Ich dachte, ich muss diese Geschichte jetzt erzählen - einerseits für mich, um da für Klarheit zu sorgen und da für mich wieder auf eine gewisse Weise identisch mit mir zu werden." 

Mit sich identisch werden - der, der das sagt, ist der Schriftsteller Thomas Melle. Oder halt, doch eher sein Double? Sein Avatar? Sein roboterhafter Stellvertreter? Immerhin: Die Stimme ist zu 100 Prozent die von Thomas Melle, auch, wenn sie vom Band kommt. Auf dem Stuhl aber sitzt ein humanoider Roboter, dessen Gesichtszüge denen des echten Thomas Melle ziemlich nahe kommen - aber eben nur ziemlich.

Die Performance "Uncanny valley" der Gruppe Rimini Protokoll ist ein gelungenes Lehrstück über das unheimliche Tal zwischen Grusel und Faszination, Einfühlung und Abwehr, das der Mensch durchläuft, wenn er einem Roboter begegnet, der das Menschliche kopiert und doch nicht ganz erreicht.

Die emanzipatorische Kraft der Nachwendezeit

Gelegenheit für intellektuelle Geschäftigkeit gab es auf jeden Fall genug - im zumindest optisch wieder auferstandenen Palast der Republik. Mit den extra getönten Scheiben und dem in der Höhe montierten leeren DDR-Emblem erinnert das Haus der Berliner Festspiele tatsächlich an das DDR-Bauwerk kurz vor seinem Abriss. Elske Rosenfeld hat das Programm mitkuratiert.

Elske Rosenfeld: "Eine der Grundideen ist, dass man natürlich von heute auf diese Zeit von 89/90 schaut und dass man diese zwei Zeitpunkte heute und damals in eine Art Dialog bringt über Personen und Fragen um der Geschichtsschreibung selbst willen, um da zu ergänzen. Wir haben viel darüber auch hier gehört, über Kränkungen, Nicht-Gesehen-Werden und Nicht-Gehört-Werden. Dass man auch noch mal würdigt, das war eine Revolution, wo eine Regierung gestürzt wurde, das war eine emanzipative Bewegung, die auch über diese Wiedervereinigung hinaus gegangen ist." 

Die Ideen und Debatten, die in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Staatssozialismus der DDR in der Wendezeit entstanden, wurden in diversen, häufig parallel laufenden parlamentarischen Ausschüssen noch einmal neu und von heute aus beleuchtet. Zum Beispiel der berühmte Zentrale Runde Tisch, an dem Politiker und Bürgerrechtler kurz nach dem Fall der Mauer zusammenkamen.

Tatjana Böhm, Mitbegründerin des Unabhängigen Frauenverbandes und später Ministerin in Brandenburg, erinnert sich: 

"Es war ein unglaublich hoher Demokratieanspruch. Es gibt so Fragen, wie kannst du eine moderne Demokratie gestalten? Das war also ein langer Atem von Demokratie!" 

Bernhard Schlink, Schriftsteller und Jurist, beriet noch vor den ersten Wahlen zur Volkskammer 1990 den Zentralen Runden Tisch bei den Verhandlungen zu einem neuen Verfassungsentwurf.

"Ich hatte immer an die Wiedervereinigung geglaubt, und ich dachte, jetzt ist der Moment. Die DDR braucht eine Übergangszeit - kürzer oder länger, das wusste ich nicht wie. Aber ich dachte, am Ende steht ein neues Deutschland, das wir gemeinsam erfinden würden. Das war naiv." 

Krisenhaft erlebte Gegenwart

Wiedervereinigung, Deindustrialisierung, die Rolle der Treuhand, der rasende Vorgang der Entstaatlichung aller privaten Lebensbereiche und der Privatisierung von staatlichem Eigentum, die Entwertung des Volksvermögens, die versprochenen blühenden Landschaften, Enttäuschungs- und Kränkungserfahrungen - alles Themen, über die in den letzten 30 Jahren nicht gerade wenig gesprochen wurde, aber nach Meinung der Kuratoren und Kuratorinnen nicht genug. Unter der Lupe der Aktualitätssuche kamen sie nun noch einmal auf den Tisch.

Der Bogen zur krisenhaft erlebten Gegenwart gelang vor allem da, wo auch heute noch oder wieder die dringlichsten Probleme zu verzeichnen sind. Zum Beispiel beim Recht auf Wohnen, das in der DDR in der Verantwortung des Staates lag. Angesichts von enorm steigenden Mieten, Verdrängung und fortgeschrittener Gentrifizierung überlegte der Sozialwissenschaftler Andrej Holm in der Rückschau auf die Wendezeit und die kommunale Wohnungsbaupolitik und Verwaltung.

"Vielleicht hätten wir nicht die vielen Wohnungen und Häuser besetzen sollen, sondern die Zentrale der KWV, um die Wohnungswirtschaft kommunal tatsächlich anders zu organisieren. Aber das war damals außerhalb der Perspektiven, die wir hatten."

Welche Eigentumsformen sollten zulässig sein, wie sollte man Wohneigentum strukturieren? Fragen, die 1990 am Zentralen Runden Tisch debattiert, aber nicht ausdiskutiert wurden, sind heute wieder hochaktuell.

Und so versammelte das prominent besetzte Abschlusspanel unter dem Motto "Neue Allianzen für Europa" nicht nur die VIPs der Neoliberalismus- und Kapitalismuskritik, sondern auch lokale Streiter für eine gerechtere Gesellschaft wie zum Beispiel Helge Peters, den Initiator des Volksbegehrens "Deutsche Wohnen enteignen", dem es um die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne geht.

Intellektuell äußerst inspirierende Tage

Weg von der allgegenwärtigen TINA ("There is no alternative")- Politik der letzten Jahrzehnte – gegen dieses, ursprünglich von Maggie Thatcher erfundene politische Mantra sollte mit dem "Palast der Republik" 30 Jahre nach Mauerfall ein Zeichen gesetzt werden.

Dass dafür mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, dem kroatischen Aktivisten Skréckto Horvath und anderen auch über die Grenzen des Deutschlands von gestern und heute hinaus in andere europäische Länder geschaut wurde – gut so! Auch wenn vielen Debatten mehr Widersprüche und Streit gut getan hätten, bot dieser "Palast der Republik" intellektuell äußerst inspirierende Tage.

Palast der Republik
Kunst, Diskurs & Parlament im Haus der Berliner Festspiele
8.-10.3.2019

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