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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.06.2015

Palästinensische Geschichte Brechen eines Tabus

Von Martina Sabra

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Susan Abulhawa (Foto: Richard Alexander)
Die palästinensisch-amerikanische Autorin Susan Abulhawa (Foto: Richard Alexander)

Bekannt geworden ist Susan Abulhawa mit "Während die Welt schlief". Aktuell ist die palästinensisch-amerikanische Autorin mit "Als die Sonne im Meer verschwand" auf Lesereise. Darin wird die Vergewaltigung einer Palästinenserin von jüdischen Soldaten erzählt.

"Die ersten Versionen des ersten Romans – es wäre mir wirklich peinlich, wenn jemand das zu lesen bekäme. Damals dachte ich natürlich, dass das ganz toll wäre. Ich sagte mir: Wow, das habe ich geschafft! Aber eigentlich war es totaler Müll."

Das war 2006. Eigentlich ist Susan Abulhawa studierte Biologin und Medizinerin. Nebenher habe sie auch immer schon gern geschrieben, doch Erzähltechniken waren ihr nicht in die Wiege gelegt. Zum Glück erhielt sie einen Studienplatz an der Universität von New York. Dort arbeitete sie ihr Skript mit Hilfe einer Fachfrau komplett um. Mit Erfolg: 2010 erschien ihr erster Roman noch einmal, dieses Mal unter dem Titel "Mornings in Jenin".

Geschichte zweier palästinensischer Brüder

Das Buch wurde in den USA zum Bestseller, ist in fast 30 Sprachen übersetzt und hat mittlerweile unter dem Titel "Während die Welt schlief" auch im deutschen Sprachraum viele begeisterte Leser gefunden. Susan Abulhawa erzählt darin die außergewöhnliche Geschichte zweier palästinensischer Brüder, die bei der Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 auseinandergerissen werden. Einer wächst bei einer jüdischen Familie als deren Sohn auf; der andere als palästinensisches Flüchtlingskind unter schwierigsten Bedingungen. Für den Roman hat Susan Abulhawa auch in ihrer eigenen Familie recherchiert.

"Mein Vater wurde mit vorgehaltener Waffe aus seinem Haus geworfen. Die meisten Leute aus unserem Viertel hatten gerade noch die Zeit, ein Bündel zu schnüren und sich mit ihren paar Habseligkeiten auf dem Rücken zu Fuß auf den Weg zu machen. In meiner Familie hat kaum jemand über Palästina gesprochen. Als ich älter wurde, begriff ich, dass das auch in anderen Familien so war. Man musste den Eltern und Großeltern die Informationen förmlich entreißen. Viele haben sich einfach geschämt, dass sie weggelaufen sind."

Susan Abulhawas Vorfahren waren seit Jahrhunderten in Palästina ansässig. 1948 schaffte es ein Teil, trotz der Vertreibung zu bleiben. Doch als Israel im Junikrieg 1967 Ostjerusalem und die Westbank besetzte, musste ihr Vater fliehen, nach Kuwait. Dort ist Susan Abulhawa 1970 geboren. Schon bald zerbrach die Ehe der Eltern: Susan wurde in der Großfamilie herumgereicht, lebte nacheinander in den USA, in Jordanien und drei Jahre lang in einem Waisenhaus in Jerusalem. 1983 zog sie endgültig in die USA.

Dort wurde ihr klar, dass die breite Öffentlichkeit weitgehend über die Vertreibung der Palästinenser schwieg. Die Gründung Israels wurde vorwiegend als Heldentat gefeiert, die Kriegsverbrechen und die Menschenrechtsverletzungen an den Palästinensern hingegen weitgehend ausgeblendet. Susan Abulhawa engagierte sich seither für die Menschenrechte der Palästinenser, und letztlich führte sie dieses Engagement zur Karriere als Schriftstellerin. Doch sie möchte ihre Romane nicht auf eine politische Botschaft reduziert sehen.

"So schreibe ich nicht. Ich bin loyal zu meinen Figuren. Ich will ihr Leben erforschen und ihre Geschichten ehrlich und authentisch erzählen. Aber ich gehöre zu einer Gesellschaft, deren Existenz schlichtweg negiert wurde. Als wir uns wehrten, wurden wir als Terroristen, Verrückte und Judenhasser gebrandmarkt. Die palästinensische Geschichte wurde gestohlen. Wer hat nicht alles über uns geschrieben und sich angemaßt, für uns zu sprechen?"

Roman, der ein Tabu anspricht

Susan Abulhawa hat klare politische Prinzipien und ist zugleich eine höchst kreative, phantasiebegabte, mutige Autorin. In ihrem neuen Roman "Als die Sonne im Meer verschwand", den sie jetzt in Deutschland vorstellt, geht sie Tabus an, die für Debatten sorgen dürften: Unter anderem schildert sie die Vergewaltigung einer palästinensischen Frau durch jüdische Soldaten. Den Erzählfaden spinnt einer, der eigentlich nicht erzählen oder zumindest nicht sprechen kann: Der junge Khaled leidet aufgrund eines Traumas am sogenannten Locked-In-Syndrom. Er ist bei vollem Bewusstsein, aber bis auf die Augenlider bewegungsunfähig. Seine Schwester pflegt ihn mit Hingabe.

Er ist die Stimme der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Er ist die Geschichte, die Zukunft, die Hoffnung. Man kann sagen, er ist krank, aber indem er in seinem Körper gefangen ist, findet er eine ganz andere Welt: Eine  Wahrheit, die niemand sonst erkennt, einen Modus der Interaktion, den wir nicht beherrschen.

Mit der Figur von Khaled und hat Susan Abulhawa ein eindringliches poetisches Sinnbild für das Schicksal der Palästinenser geschaffen. Ein junger Mann mit einem unendlichen inneren Reichtum an Erfahrungen, Geschichten, Wünschen, Träumen und Sehnsüchten, die er in seinem Zustand zwar weder normal ausleben noch kommunizieren kann, die ihm aber helfen, den Lebensmut zu bewahren – und die Hoffnung, dass sich seine Situation irgendwann bessern wird.

Susan Abulhawa: "Als die Sonne im Meer verschwand"
Diana Verlag, Mai 2025
384 Seiten, 19,99 Euro

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