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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.12.2014

Palästina"Eine Elite geht"

Matthias Kopp im Gespräch mit Philipp Gessler

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Papst Franziskus berührt die israelische Grenzmauer zum Westjordanland (dpa / picture-alliance / Osservatore Romano Handout)
Papst Franziskus berührt die israelische Grenzmauer zum Westjordanland (dpa / picture-alliance / Osservatore Romano Handout)

Der Autor Matthias Kopp ist den Missionen der letzten Päpste gefolgt und sucht nach der Wirkung ihrer Friedensbotschaften. Und er warnt vor den Folgen der aktuellen Flucht vieler Christen aus Palästina: Dies sei ein kulturhistorischer und ein gesellschaftlicher Bruch.

Philipp Gessler: Papst Franziskus hält die Welt seit bald zwei Jahren durch immer neue Reformen und Initiativen in Atem. Im zu Ende gehenden Jahr ist er ins Heilige Land gepilgert, wie das offiziell genannt wurde. Nun, der Frieden ist in Israel und Palästina nach der Papstreise nicht ausgebrochen, aber bedeutet das, dass solche Reisen in diese Weltregion am Ende gar nichts bringen? Matthias Kopp hat ein neues Buch über die Reisen der Päpste ins Heilige Land geschrieben, der Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts, um genau zu sein. Es heißt: "Franziskus im Heiligen Land. Päpste als Botschafter des Friedens". Er beschreibt darin, dass es dem Vatikan immer darum gehe, die christliche Minderheit im Heiligen Land zu stärken. Die aber wandert wegen der zunehmenden Bedrohung immer mehr aus. Manche reden sogar schon von einem Ende des christlichen Lebens im Nahen Osten. Ist er, Matthias Kopp, da auch so pessimistisch?

Matthias Kopp: Derzeit ja, und deshalb sind solche Papstreisen ja umso wichtiger - dass der Papst eben die Weltöffentlichkeit an die Existenz des Christlichen, egal ob katholisch, evangelisch, anglikanisch oder orthodox, im Heiligen Land erinnert. Die Dramatik, die wir erleben, dass wir eine Abwanderung von palästinensischen Christen haben, weil sie gut ausgebildet sind, ist ein großes Problem. Wir haben zwar in Israel einen Christenzuwachs, was mit Migrationsflüchtlingen aus Nordafrika zusammenhängt – also, Christen aus Nordafrika kommen über den Sinai nach Israel rein –, dennoch ist generell festzustellen, die Christen gehen, weil sie aufgrund der frustrierenden Wirtschaftslage gerade in den palästinensischen Gebieten keine Hoffnung auf eine gute Zukunft haben.

Gessler: Dabei sind gerade die Christen ja oft sehr gut ausgebildete und in der Regel auch friedlich gesonnene Bürger in den jeweiligen Staaten. Das heißt, wenn die Christen gehen, verlieren diese Staaten sehr viel?

Kopp: Die Staaten verlieren gute Staatsbürger. Die Christen wollen in Israel, in Palästina, auch in Jordanien ihren Beitrag zum Aufbau der Zivilgesellschaft beitragen, sie sind sehr gut ausgebildet, aber sie haben eben gerade in palästinensischen Gebieten kaum eine Vision, wie Frieden oder eine politisch stabile Situation aussehen könnte. Und deshalb geht man. Und dadurch geht letzten Endes eine Elite aus den palästinensischen Gebieten weg. Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass über 40 Prozent der Gesundheitseinrichtungen in den palästinensischen Gebieten in christlicher Hand sind, also die Christen viel auch für die muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger tun. Und wenn dieses Christentum einmal weggeht, ist es nicht nur ein kulturhistorischer Bruch, sondern eben auch ein gesellschaftlicher.

Die Hoffnungslosigkeit der Appelle

Gessler: Viele Christen gerade in Israel oder auch in Palästina sind ja zwischen allen Stühlen. Sie wissen gar nicht so richtig und können das auch nicht richtig in der jeweiligen Situation vermitteln, für wen stehen sie eigentlich. In einer Situation, wo man immer beweisen muss, wo man steht!

Kopp: Sie versuchen natürlich, eine gewisse Neutralität zu halten, eine Neutralität jetzt gegenüber den anderen Religionen. Aber ein palästinensischer Christ will eben ein Palästinenser sein, der seinen Staat mit aufbaut. Ein Christ in Israel fühlt sich im Staat Israel durchaus zu Hause. Sieht natürlich auch, dass dieser Staat Israel zutiefst gespalten ist zwischen einem stark religiösen Judentum und einem völlig säkularen Judentum, nehmen wir das Beispiel Tel Aviv oder Herzlia. Also, krasser kann der Gegensatz gar nicht sein. Und dazwischen suchen Christen nun ihre Position. Und das ist im Alltag nicht einfach.

Gessler: Sie beschreiben in Ihrem Buch die Papst-Reisen, die es gab in den letzten fünf Jahrzehnten, und es gab immer wieder Friedensappelle. Trotzdem hat die Gewalt immer wieder gesiegt und scheint ja gerade im Augenblick sogar wieder schlimmer zu werden. Was lässt Sie trotzdem optimistisch sein, dass diese Friedensappelle etwas bringen?

Kopp: Ich sage immer: Hoffen trotz aller Hoffnungslosigkeit! Wenn es die Friedensappelle nicht gäbe, wäre es alles vielleicht noch schlimmer. Und wenn der Papst einen Friedensappell ausspricht und zum Friedensgebet in den Vatikanischen Gärten einlädt, ist das für manchen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber gut, dass es diesen Tropfen gegeben hat! Denn ein Friedensappell des Papstes zeigt: Wir brauchen Solidarität mit den Menschen, Christen, Juden, Muslime, im Heiligen Land. Und solche Friedensappelle von einer religiösen Instanz sind auch in unserer Gesellschaft, in dieser Welt, in der wir leben, die Welt immer verrückter wird, dringend notwendig.

Gessler: Nun sind ja gerade die religiösen Fundamentalisten im Judentum und im Islam besonders aufgehetzt im Augenblick im Heiligen Land. Da kann natürlich ein christlicher Würdenträger, ein Papst wahrscheinlich nicht so leicht Zugang finden? Beeindrucken solche Appelle eines Papstes gerade diese religiösen Fundamentalisten?

Kopp: Ich bin nicht sicher, wie lange diese Appelle wirken. Im Moment sind sie sicherlich beeindruckend, aber welche Langzeitwirkung sie haben, da bin ich sehr skeptisch. Aber wichtig ist, glaube ich, dass solche Appelle deutlich machen: Wir Christen wollen unseren Beitrag an dieser Gesellschaft leisten. Und deshalb verurteilt die Kirche jeden Übergriff auf christliche Institutionen. Wir müssen ja nun beklagen – das schreibe ich in dem Buch auch –, dass kurz nachdem der Papst abgereist war, auf eine christliche Kirche Schmierereien und Brandanschläge verübt wurden, was inakzeptabel ist. Und dagegen muss die Stimme erhoben werden.

Gessler: Auch Franz von Assisi war ja damals im Heiligen Land und hat da tatsächlich eine Art Friedensgespräch versucht mit dem Kalifen, oder ich weiß nicht, welche Position er genau hatte damals. Das hat auch nicht so richtig geklappt, oder?

Kopp: Aber immerhin hat es stattgefunden. Immerhin hat es stattgefunden, dass Franz von Assisi diesen Weg gegangen ist, dass nachher Nicolaus Cusanus seine berühmte Schrift "De pace fidei" schreibt über den Dialog der Religionen, 1498, das muss man sich mal vergegenwärtigen, und eben auch Päpste, die für diesen Frieden werben, aber eben auch die Frustration erleben müssen, dass wenige Wochen nach Friedensappellen neue Kriege beginnen.

Matthias Kopp: Franziskus im Heiligen Land: Päpste als Botschafter des Friedens: Paul VI. - Johannes Paul II. - Benedikt XVI. - Franziskus  
Butzon und Bercker, Kevelaer 2014, 192 Seiten 19, 95 Euro

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