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Religionen | Beitrag vom 20.12.2020

Paganes Ringheiligtum PömmelteDas Stonehenge von Sachsen-Anhalt

Von Gunnar Lammert-Türk

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Die Kreisgrabenanlage in Pömmelte wurde 1991 auf Luftbildaufnahmen entdeckt und danach wissenschaftlich erforscht. Die Rekonstruktion der Anlage am originalen Standort umfasst 10.000 qm. Die touristische Anlage ist eine Holz-Erde-Architektur und hat einen Durchmesser von 115 Meter. Die erste Anlage entstand in der frühen Bronzezeit. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Elberadweg. (picture alliance / SZ Photo / Mike Schmidt)
Kultstätte und Wettkampfplatz: Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte wurde an ihrem Fundort in der Magdeburger Börde rekonstruiert. (picture alliance / SZ Photo / Mike Schmidt)

Ein Kreis aus Pfählen, weithin sichtbar in der flachen Landschaft: Das Ringheiligtum Pömmelte bei Magdeburg gilt als Vorbild des Steinkreises von Stonehenge in Südengland. Seine Bauweise gibt Einblicke in die Kultur der Jungsteinzeit.

"Wir sind hier erhöht, das ist quasi ein Sandrücken, Ausläufer der Elbe", erklärt Susanne Dedow vom Salzlandmuseum Schönebeck. "Wir sind ja hier im Elbumflutgebiet, das ist ein Ausläufer aus der Eiszeit tatsächlich noch. Unsere Vorfahren haben also ganz clever bedacht, weshalb sie den Ort hier errichtet haben. Hier kam das Hochwasser nicht her."

Hölzerne Pfeiler bilden einen Kreis im flachen Land

Dedow führt durch das sogenannte Ringheiligtum bei Pömmelte in Sachsen-Anhalt. Es liegt mitten im kahlen flachen Land der Magdeburger Börde: Ein gewaltiger Kreis aus übermannshohen groben Holzpfeilern fasst die Anlage ein. Dahinter folgen grasbewachsene Ringe aus flachen Wällen und Gruben. Dann umschließen wieder hölzerne Pfeiler einen großen Innenkreis, der von farbig gefassten Pfeilern gegliedert wird.

Um die 4300 Jahre alt ist die rekonstruierte Anlage. Entstanden ist sie am Ausgang der Jungsteinzeit, im Übergang zur Bronzezeit an diesem damals schon leicht erhöhten Standort. Davon abgesehen sah die Landschaft anders aus als heute.

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"Das Umflutgebiet, was wir jetzt haben, war der Ort, wo die Elbe lang floss, wie sie wollte", sagt Dedow. "Dementsprechend war die Elbe auch manchmal ein Stück näher dran. Und zu diesem Zeitpunkt war sie vermutlich auch näher dran. Die Einwohner hatten es hier also nicht weit zur Elbe. Man konnte fischen, schiffen, zu Trinken holen, sodass man dementsprechend auch gute Ausgangsbedingungen für die Siedlung hatte."

Hinzu kam: Wo sich jetzt kahler brauner Boden erstreckt, gab es Wald – und mit ihm Wild als Nahrungsgrundlage und Holz als Baumaterial. Häuser konnten so entstehen. Und als Mittelpunkt und kultisches Zentrum der siedelnden Gemeinschaft: das kreisförmige Heiligtum.

Zeugnisse steinzeitlicher Astronomen

"Im Endeffekt kommen wir, wenn wir alles dann zusammenzählen, auf sieben Ringe aus Palisaden, aus Gruben und Wällen und haben dann insgesamt einen Durchmesser von ungefähr 115 Metern", erläutert Dedow. "Damit ist es genauso groß wie Stonehenge, und auch die Anordnung ist tatsächlich so wie Stonehenge."

Wie bei der Steinkreisanlage Stonehenge im Süden Englands spielte auch hier die Beobachtung und Deutung der Himmelskörper – vor allem des Jahreszyklus der Sonne – eine wichtige Rolle. Das zeigen unter anderem die beiden hölzernen Tore. Das Westtor ist auf den Sonnenuntergang an einem Augusttag ausgerichtet, das Osttor auf den Sonnenaufgang an einem Tag im Februar.

"Stonhenge" aus Holz bei Magdeburg: Das Ringheiligtum Pömmelte. (Deutschlandradio / Gunnar Lammert-Türk)Die Positionen der Tore sind auf den Sonnenstand im Lauf der Jahreszeiten abgestimmt. (Deutschlandradio / Gunnar Lammert-Türk)

Interessant sei dabei, dass im Ringheiligtum nicht nur die vier astronomischen Großereignisse eine Rolle spielten, die das Jahr in vier Teile gliedern: die Tagundnachtgleichen im Frühjahr und im Herbst sowie die Sommer- und die Wintersonnenwende, betont Susanne Dedow:

"Unsere Vorfahren haben sich hier noch auf die Mittviertelfeste bezogen, die Feste, die diese Vierteljahresscheiben noch teilen. So liegt zum Beispiel ein Fest, das auch ins Christentum übertragen wurde, Maria Lichtmess, in einem genauen Jahresviertel zwischen der Wintersonnenwende und der darauffolgenden Tagundnachtgleiche. Dementsprechend ist es von unseren Vorfahren auch gefeiert worden. Und zwar, wie gesagt, um Maria Lichtmess geht tatsächlich im Osttor die Sonne auf. Und ein halbes Jahr später im Prinzip, es ist dann bei uns so Anfang, Mitte August, je nachdem, wie die Konstellation ist, geht im Westtor richtig die Sonne unter."

Spuren weisen auf Menschenopfer hin

Das Ringheiligtum diente aber nicht nur der Beobachtung des Sonnenlaufs und dem religiösen Zelebrieren astronomischer Ereignisse. In einem Grubenring wurden Opfergruben entdeckt, im Fachjargon Deponierungsschächte genannt. Darin fanden sich Knochen von Menschen, die darauf schließen lassen, dass hier rituelle Menschenopfer stattfanden.

"Wahrscheinlich, um die Götter zu besänftigen, hat man Frauen und Kinder geopfert", sagt Dedow. "In dem vierten Deponierungsschacht sind tatsächlich ein Schädel von einer Frau und einem Kind gefunden worden, die auch das Loch im Hinterkopf hatten, also die auch wirklich geopfert wurden."

Darüber hinaus wurden im Ringheiligtum Krieger und höher gestellte Personen der Gemeinschaft bestattet. Zu den Fundstücken, die Hinweise auf die Lebensform und die Kultur der hier siedelnden Menschen geben, gehören neben Tier- und Menschenknochen Keramikgefäße, Mahlsteine, Steinbeile und Pfeilspitzen.

Opferkulte und Wettkampfspiele

Die Anlage selbst beeindrucke durch eine Eigenart, so Dedow: "Wenn man in die Mitte vom Ringheiligtum geht, das ist eine ganz tolle Besonderheit, hier werden Sie merken, dass wir eine unglaublich tolle Akustik haben. Durch den äußeren Palisadenzaun, dadurch, dass der so relativ dicht ist, hat das hier ein ganz tolles Flatterecho."

Die schlichte Holzkonstruktion des Ringheiligtums war also so konzipiert, dass die Priester, die im Zentrum der Anlage standen, überall gut gehört wurden. Hier in der Mitte des großen Innenkreises mit einem Durchmesser von 80 Metern vollzogen und leiteten sie die Zeremonien und Feste der Gemeinschaft: die astronomischen Riten und die Opferkulte - und vermutlich auch Wettkampfspiele.

All das fand durch ein nicht mehr bestimmbares Vorkommnis ein plötzliches Ende. Der Standort wurde aufgegeben. Die Gemeinschaft wählte nicht weit entfernt einen neuen.

Archäologen und Esoteriker pilgern in die Börde

"In ungefähr 1,3 Kilometer Entfernung Richtung Schönebeck ist die nächste, direkt nachfolgende Anlage aufgebaut worden", sagt Dedow. "Und diese nachfolgende Anlage ist aufgebaut worden, als diese hier abgebaut wurde. Es wurden alle Holzpflöcke rausgezogen und verbrannt und die Asche wieder in die Gruben gefüllt, wo sie standen. Man hat also nicht den Ort einfach verlassen, man hat tatsächlich rituell abgebaut. Wahrscheinlich wurde er durch irgendein Ereignis entweiht und dann dementsprechend, wie gesagt, für die Nutzung als nicht mehr geeignet befunden und man zog weiter."

Heute ist die rekonstruierte Anlage eine Sensation: Die um das Heiligtum herum entdeckten Grundrisse ehemaliger Langhäuser sind einer der frühesten Belege für feste menschliche Ansiedlungen in Europa. Und das Heiligtum selbst gibt Auskunft über das Weltbild und die Glaubenswelt der Ackerbaukulturen der ausgehenden Jungsteinzeit und der beginnenden Bronzezeit.

Zum Team der Archäologen, die das Areal entdeckt und rekonstruiert haben, gehören auch englische Forscher, die Stonehenge erkunden. Sie kommen hierher, zur authentischen Vorgängeranlage. Denn Menschen derselben Kulturgruppe, die einst das Ringheiligtum errichtet haben, zogen auf die britischen Inseln und haben dort ihre Kultur weitergepflegt.

Wie sein britisches Pendant zieht auch das Ringheiligtum sogenannte Neuheiden und allerlei Esoteriker an. Bislang ohne größeres Ärgernis. Nur ab und an finden sich Hinterlassenschaften ihrer Zeremonien: Kerzenreste etwa und Reste von Nahrungsopfern.

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