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Im Gespräch | Beitrag vom 01.03.2021

Pädagogin Misbah ArshadDer lange Weg zur Selbstverständlichkeit

Moderation: Ulrike Timm

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Eine junge Frau mit Brille und violettem Kopftuch lächelt in die Kamera (privat)
In der Schule in Frankfurt sei sie "die Andere" gewesen, erzählt Misbah Arshad. Heute gibt sie Seminare zum Thema "Was macht Muslim-Sein in Deutschland aus?" (privat)

Deutsch sein und Muslima sein – dass das kein Widerspruch ist, war für Misbah Arshad als Kind nicht selbstverständlich. Heute leitet sie Bildungsprojekte für muslimische Jugendliche. Auch als Gefängnisseelsorgerin hat sie gearbeitet.

"Mein Anliegen ist es, bei muslimischen Jugendlichen etwas zu bewirken, was ich in meiner Jugend vermisst habe", sagt die Pädogogin Misbah Arshad: "Ein Beheimatungsgefühl in Deutschland." Es gehe darum, sich nicht mehr die Frage stellen zu müssen: "Bin ich Muslim oder Deutsche?"

In Projekten wie "Kompass. Empowerment und Prävention durch Bildung" gibt sie Seminare für muslimische Jugendliche, besucht mit ihnen Moscheegemeinden und setzt sich mit ihren Fragen und Erfahrungen auseinander: "Was macht denn das Muslim-Sein aus? Was macht ein Muslim-Sein in Deutschland aus?"

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Sie selbst – Tochter pakistanischer Eltern und in Frankfurt aufgewachsen – habe sich lange nicht als Deutsche empfunden. Für ihre Familie war klar, dass sie als Muslime aus Pakistan in Deutschland nur "Gäste" seien. In der Schule sei sie "die Andere" gewesen. "Es war ein Weg dorthin, das als Selbstverständlichkeit zu denken und zu empfinden."

Frühe Verantwortung

Ihr Einsatz insbesondere auch für muslimische Mädchen liegt wohl auch in ihrer eigenen Familiengeschichte begründet. Als sie acht Jahre alt ist, wird ihre Mutter als bipolar diagnostiziert. In depressiven Phasen schafft sie es kaum aus dem Bett, in psychotischen Episoden wird sie immer wieder stationär behandelt.

Sie selbst, sagt Misbah Arshad, habe "schnell erwachsen werden, schnell Verantwortung übernehmen" müssen. "Es hat sich niemand darum gekümmert, dass ich früh aufstehe und in die Schule gehe oder Hausaufgaben mache."

"Als Bezugsperson, als Vorbild, als Mutter ist sie leider weggefallen", sagt die 35-Jährige, die sich seit dem Tod ihres Vaters vor vier Jahren um die Mutter kümmert. Besonders in ihrer Entwicklung zur jungen Frau habe diese Rolle gefehlt.

Der eigene Weg zum Glauben

Denn als Jugendliche beginnt sie mehr und mehr in Frage zu stellen, was von ihr als Muslima erwartet wird. "Zuhause war Religion immer da", erzählt Misbah Arshad über ihr Elternhaus. Als junge Frau will sie Verbote und Beschränkungen, die religiös begründet werden, nicht mehr ohne Weiteres gelten lassen. "Ich wollte mich nicht zufrieden geben mit den Antworten, die mir gegeben wurden."

Sie begibt sich selbst auf die Suche: "So kam es, dass ich mich immer mehr in das Thema vertiefte und auch Interesse bekam, mich in der Religion auszukennen."

"Eine Religion, die gut mit Vielfalt umgehen kann"

Sie studiert Religionswissenschaften und Pädagogik, später lässt sie sich zudem als Krankenhaus- und Notfallseelsorgerin ausbilden. In der JVA Frankfurt arbeitet sie mit muslimischen Insassinnen.

Ein großes Anliegen ist Misbah Arshad außerdem der interreligiöse Dialog. "So, wie ich meine Religion verstanden habe und auch verstehen möchte, ist es eine Religion, die gut mit Vielfalt umgehen kann." In dem Modellprojekt "Couragiert! Gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit" setzt sie sich für ein solidarisches Miteinander über die Religionsgrenzen hinweg ein.

(era)

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