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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2007

Packendes Erzähltheater

"Schilf" nach einem Roman von Juli Zeh am Münchner Volkstheater

Rezensiert von Christoph Leibold

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"Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt und nicht an den Zufall glaubt, löst seinen letzten Fall" - so fasst die Schriftstellerin Juli Zeh ihren jüngstem Roman "Schilf" im Prolog zusammen.

Schilf, das ist der Name dieses totkranken Kommissars. Und dass er physikalische Theorien schätzt, deutet schon darauf hin, dass es sich bei Juli Zehs Buch um mehr als einen schlichten Krimi handelt. Tatsächlich ist es auch einr Abhandlung über das Wesen der Zeit, die auf gut 350 Seiten physikalische Theorien mit philosophischen Gedankengängen und Fragen der Moral verquickt. Am Münchner Volkstheater hat die junge Regisseurin Bettina Bruinier den Versuch unternommen, "Schilf" auf die Bühne zu bringen.

Das Leben, heißt es bei Juli Zeh, ist ein "Ausnahmezustand der Natur". Purer Zufall, dass es uns Menschen gibt auf unserem kleinen Planeten inmitten eines unendlichen Universums. Wer länger darüber nachdenkt, so wie der Physiker Sebastian oder der Kommissar Schilf, vor dem tun sich leicht Abgründe auf. Für Sebastian beginnt der Sturz ins Bodenlose, als sein Sohn Liam entführt wird. Denn die Liebe zu Frau und Kind ist das einzige, was ihm in seinem als flüchtig empfundenen Dasein Halt gibt. Als Liam fort ist, erlebt Sebastian, wie schnell dieser Halt verloren gehen kann. Statt mit Lösegeldforderungen sieht sich Sebastian mit einem Mordauftrag konfrontiert, den er bereitwillig ausführt - im verzweifelten Versuch, seinen Sohn, und damit auch sich selbst zu retten. Kommissar Schilf kommt ihm bald auf die Spur. Doch Schilf verurteilt Sebastian nicht, erkennt er doch in dessen Haltlosigkeit die eigene Verlorenheit wieder, in dessen Überlegungen zum Rätsel der Zeit die eigenen Gedanken.

Regisseurin Bettina Brunier hat aus Juli Zehs philosophisch etwas überfrachtetem, aber doch faszinierenden Roman packendes Erzähltheater gemacht. Fünf Schauspieler schlüpfen in wechselnde Rollen, fallen zwischenzeitlich auch ganz aus den Rollen heraus, um als Erzähler zu fungieren, oder kommentieren als Figuren ihre Handlungen selbst. Das funktioniert blendend, weil sich auch Juli Zehs Charaktere im Roman beim Denken permanent selbst über die Schultern zu schauen scheinen. Die vielschichtige, abstrakte Gedankenwelt des Buches lässt sich so erstaunlich gut auf die Bühne übersetzen.

Juli Zehs zentrales Romanthema, die Zeit, wird in Bettina Bruiniers Inszenierung aber nicht nur diskursiv verhandelt. Die junge Regisseurin spielt auch damit. So beschleunigt sich beispielsweise Szenen, spult sozusagen Handlungen vor, um sie dann wieder zurück laufen zu lassen. Oder sie lässt Sätze, Gesten mehrfach wiederholen, was sich denn anhört wie bei einer alten Langspielplatte, die einen Sprung hat, und wirkt wie der absurde Versuch, einen Augenblick festzuhalten. Doch das muss scheitern, denn die Gegenwart, so heißt es bei Juli Zeh, existiert nicht. Es gibt nur die Vergangenheit und die Zukunft, immer wenn wir die Gegenwart begreifen wollen, entwischt sie uns, weil sie sofort vorbei ist. Solche abstrakte Gedanken bringt Bettina Briunier immer wieder sinnlich, sinnfällig ins Bild.

Juli Zehs komplexen Roman "Schilf" fürs Theater zu adaptieren, das schien ein recht vermessenes Unterfangen. Doch am Münchner Volkstheater ist eindrucksvoll geglückt.

"Schilf" nach einem Roman von Juli Zeh am Münchner Volkstheater
Premiere am 13.12. 07 am Münchner Volkstheater, kleine Bühne
Regie: Bettina Bruinier

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