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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 10.04.2011

Ozonloch über Nordeuropa?

Das UV-Schutzschild ist schwächer als üblich, aber nicht gefährlich dünn

Von Dirk Asendorpf

Sonnenuntergang (AP)
Sonnenuntergang (AP)

Arktisches Rekord-Ozonloch, Sonnenbrand vom Nordpol - das waren einige Schlagzeilen der vergangenen Tage. Hintergrund ist ein vergleichsweise starker Abbau der vor UV-Strahlung schützenden Ozonschicht über der Arktis. Von einem Loch kann allerdings keine Rede sein. Zwar wurde in diesem Jahr mehr Ozon vernichtet als im Durchschnitt anderer Jahre, die Schutzschicht ist derzeit trotzdem noch so stark wie im Hochsommer.

Im Lauf des April wird sie wieder anwachsen. Bis dahin könnte es an wenigen Tagen auch in unseren Breiten eine leicht erhöhte Sonnenbrandgefahr geben.

Mit Sonnencreme einschmieren, Sonnenbrille aufsetzen, die Haut bedecken, zur Mittagszeit im Schatten bleiben: Das sind die Verhaltensregeln, mit der die schlaue Möwe in einem chilenischen Videoclip die Kinder in Patagonien vor den Folgen des antarktischen Ozonlochs schützen will.

Auch über der Arktis ist der schützende Ozonmantel derzeit dünn. Jedes Jahr sinkt die Temperatur in der Stratosphäre in rund 20 Kilometern Höhe über dem Nordpol unter 78 Grad minus. Ab dieser Grenze beginnt die Zerstörung der Ozonmoleküle aus drei Sauerstoffatomen durch das Chlor aus den FCKWs, den Chemikalien, die früher in Spraydosen und Kühlschränken eingesetzt wurden. In diesem Winter war die Kältephase ungewöhnlich lang. Entsprechend stark war der Ozonabbau. Der Bremer Umweltphysiker Mark Weber kann ihn auf dem Bildschirm an seinem Schreibtisch verfolgen. Fast in Echtzeit sind dort die Ozonmesswerte der europäischen Umweltsatelliten Envisat und ERS zu sehen.

Die Wissenschaftler diskutieren das sehr heiß momentan. Sie sträuben sich ein wenig noch das Wort Loch zu verwenden, weil das eigentlich reserviert ist für die Südhemisphäre. Das liegt daran, dass die Ozonwerte insgesamt in der Nordhemisphäre wesentlich höher sind. Aber wir haben in diesem Jahr ein ungewöhnliches Jahr, einen sehr kalten Winter, und es sieht so aus, dass wir in diesem Winter Rekord-Ozonverluste haben. In der Südhemisphäre haben wir in der Regel im Höhenbereich zwischen 15 und 22 Kilometern einen kompletten Abbau der Ozonschicht. In der Nordhemisphäre liegt die im Bereich so bei 50 Prozent.

Und damit immer noch in einer Größenordnung, mit der wir jeden Juni, Juli und August sowieso konfrontiert sind.

In einem Jahreszyklus sind die Ozonwerte am geringsten im Sommer und im Winter am höchsten. Aber in solchen extremen Wintern, wie wir sie jetzt haben, wo die Ozonwerte sehr niedrig sind, sind die Ozonwerte vergleichbar mit den Sommerwerten. Und dadurch, dass die Natur im Frühjahr insgesamt noch empfindlicher ist, hat es eine größere Wirkung.


Das gilt auch für uns Menschen. Die helle Haut, mit der wir aus dem langen Winter kommen, ist empfindlicher für UV-Strahlung als die gebräunte Haut im Hochsommer. Für panische Flucht aus der Sonne gibt es aber keinen Anlass. Nicht nur zu viel, auch zu wenig UV-Strahlung ist ungesund, weiß der Gesundheitswissenschaftler Hajo Zeeb.


Um den Vitamin-D-Gehalt, den wir brauchen für unsere Gesundheit, dafür muss man gewisse, aber eben nicht zu hohe Sonnenstrahlen auf seine Haut bekommen, wo dann das Vitamin D später gebildet wird im Körper. 15 Minuten z.B. am Tag sind gut. Danach wird’s aber eben tendenziell so, dass das Risiko überwiegt, später dann negative Gesundheitseffekte, z.B. Hautkrebserkrankungen, Hautalterung, auch Augenproblematiken zu bekommen.

Bisher haben die Messstationen des Bundesamtes für Strahlenschutz in diesem Frühjahr noch keinen ungewöhnlichen Anstieg der UV-Strahlung festgestellt. Falls es bis Ende April doch noch dazu kommen sollte, dann ist höchstens für wenige Stunden an einzelnen Tagen damit zu rechnen.

Denn die Zone mit den niedrigsten Ozonwerten bleibt über dem Nordpol, zu uns dringen höchstens einzelne Fäden vor, die wie beim Umrühren der Milch in einer Kaffeetasse vom arktischen Wirbel in niedere Breiten hinausgeschleppt werden. Sollte es dazu kommen, warnt der Deutsche Wetterdienst rechtzeitig mit der Vorhersage eines UV-Index von fünf oder höher. Doch selbst dann ist die Strahlung nicht unter freiem Himmel am gefährlichsten, sondern im Solarium.

In den Sonnenbanken in Deutschland ist es am allerhöchsten, weil es ist halt so, dass man da sich mit wenig Euros sehr schnell einen UV-Index von Mittelmeerintensität zur Mittagszeit, UV-Index von etwa 12, einstellt und den dann 20 Minuten genießt. Viele, die es gemacht haben, wissen, dass sie danach mit ner leichten Hautrötung wenigstens oder manchmal sogar mit Sonnenbrand aus diesen Sonnenbanken heraustreten. Das ist ne Gefahr.

Selbst im äußersten Süden Chiles und Argentiniens, der noch immer ab und zu vom echten antarktischen Ozonloch gestreift wird, reichen die UV-Werte nicht an die eines Sonnenstudios heran. Und die Schutzmaßnahmen, für die das Kindervideo wirbt, verlieren langsam an Bedeutung. Denn seit dem Minimum Ende der 90er Jahre nimmt die Ozonschicht überall auf der Welt wieder zu.

Das ist der große Erfolg des 1987 unterzeichneten Montreal Protokolls, mit dem die zerstörerischen FCKWs verboten wurden. Die starken Schwankungen, die von Jahr zu Jahr gemessen werden, haben ihre Ursache vor allem beim Wetter. In diesem Frühjahr ist der Ozonverlust ungewöhnlich stark, im vergangenen Jahr war er dagegen fast ganz ausgeblieben.

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