Seit 01:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 19.05.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.04.2020

Ozeaneum Stralsund wegen Corona geschlossenDie Fütterung der Haie als Onlinespektakel

Von André Hatting

Blick auf das Schwarmfischbecken im Ozeaneum von Stralsund. (imago images / BildFunkMV)
Schwarmfischbecken im Ozeaneum: Das Publikum muss derzeit draußen bleiben. (imago images / BildFunkMV)

Mit spektakulären Aquarien zieht das Ozeaneum in Stralsund mehr Besucher an als jedes andere Museum in Norddeutschland. Wegen der Coronapandemie musste es schließen. Doch die Fütterung von Haien und Pinguinen ist nun online zu erleben.

Alexander von den Driesch gehört zu den systemrelevanten Mitarbeitern. Er hat die Aufsicht über alle Aquarien des Hauses. Das sind über hundert. Mich interessiert, wie denn jetzt die Stimmung hinter dem Glas ist - so ganz ohne Besucher vor dem Glas?

"Also, die Fische gucken genauso aus dem Aquarium raus wie wir Menschen rein", sagt von den Driesch. "Die sind natürlich daran gewöhnt, dass hier normalerweise Trubel ist. Von diesem Trubel geht aber nie was aus. Das interessiert sie dann nicht großartig." 

Frische Lachse als Spende aus der Gastronomie

Es gebe da aber eine Ausnahme: "Es ist zum Beispiel bei freistehenden Becken so: Wenn der Pfleger mit der Futterschale kommt, das sehen die ganz genau. Auch wenn vorher 300 andere Leute vorbeigegangen sind, den können sie erkennen, und der kommt auch heute noch."

Und zwar zu exakt den gleichen Zeiten wie sonst auch. Die Fische sollen nicht verwirrt werden. Die Futterversorgung ist trotz Coronakrise nicht gefährdet, sagt der Abteilungsleiter Aquaristik.

Coronavirus-Newsletter"Ganz im Gegenteil", erzählt er. "Letzte Woche habe ich von einem großen deutschen Lebensmittelhändler frische Lachse angeboten bekommen. Denn Frischfisch geht in der Gastronomie gerade gar nicht. Davon haben wir profitiert und unser großer Sandtigerhai hat sich gefreut."

Screenshot aus einem Facebook Video des Ozeaneum Stralsund von der Haifütterung. (Screenshot / Facebook / Ozeaneum Stralsund)Weil das Ozeaneum Stralsund fürs Publikum geschlossen ist, schauen die Menschen nun auf Facebook bei der Fütterung zu. (Screenshot / Facebook / Ozeaneum Stralsund)

Schon merkwürdig: Ausgerechnet Menschen wie Alexander von den Driesch, die den lebensnotwendigen Bereich am Laufen halten, bekommen wir Besucher im Normalbetrieb des Ozeaneums nie zu sehen. "Felsen in der Brandung", so nennt sie Diana Meyen von der Öffentlichkeitsarbeit.

Diese "Felsen in der Brandung" sollen in den nächsten Tagen auf der Internetseite des Ozeaneums porträtiert werden. Das Museum kümmert sich gerade verstärkt um die Onlinebetreuung seiner Besucherinnen und Besucher.

Hai, Seepferdchen und Pinguin - die Lieblinge im Live-Stream

"Wir haben auch unsere Fans und Follower gefragt, was sie denn gern aus dem geschlossenen Museum erfahren möchten", sagt Meyen. "Dabei haben wir herausgefunden, dass sie sich besonders für die Seepferdchen interessieren oder natürlich für die Haie."

Und die Pinguine! Deswegen gibt es heute eine Besonderheit: Die Live-Übertragung der Pinguinfütterung im Netz. Mehr als 4000 User haben sich das gewünscht. Darunter die Staatskanzlei in Schwerin. Sie unterstützt die Aktion, indem sie den Link fleißig teilt.

Es ist noch ein bisschen Zeit bis zur Live-Stream-Fütterung. Trotzdem blöken die Pinguine auf der Dachterrasse schon nervös herum. "Normalerweise werden sie immer erst aufgeregt, wenn die Kirchenglocken läuten, so kurz vor zwölf", sagt die Tierpflegerin Anne May, "aber jetzt haben sie uns gesehen. Jetzt wissen sie, da kommt jetzt was."

Screenshot aus einem Facebook Video des Ozeaneum Stralsund von der täglichen Pinguinfütterung. (Screenshot / Facebook / Ozeaneum Stralsund)Pinguine sind die Publikumslieblinge - auch online! (Screenshot / Facebook / Ozeaneum Stralsund)

Anne May steigt mit einem Eimer voller Fische auf den Pinguinfelsen. Kollegin Luise Stude vom Onlinemarketing klemmt ihr Smartphone ans Besuchergeländer - und der Live-Stream der Pinguinfütterung beginnt.

Großes Gedränge bei den Pinguinen. Sicherheitsabstand? Fehlanzeige! Nur eine Pinguindame mit blauer Schleife am Flügel hält ein wenig Distanz. Das ist Alexandra, der Patenpinguin von Angela Merkel. Auf dem Handy von Luise Stude kann ich sehen, wie die Zahl der Zuschauer im Netz langsam nach oben geht.

Forschungsprojekt mit Hörtests geht weiter

Viele gucken allerdings lieber später das Video, wenn sie Zeit dafür haben, sagt Stude. Gegen Ende der Fütterung erfahren wir Zuschauer noch von Anne May, dass sie nicht nur Tierpflegerin ist, sondern auch Tiertrainerin. Vier der Pinguine machen bei einem Forschungsprojekt mit, bei dem es um ihr Hörvermögen geht.

"Die vier Tiere habe ich gerade mit Absicht nicht mitgefüttert", erzählt Anne May. "Das hier ist Jakob, der macht auch mit. Da die von uns zweimal täglich trainiert werden, in eine Schallkammer zu gehen und uns dort anzuzeigen, wenn sie einen Ton gehört haben. Darüber erhalten sie ihre tägliche Futterration."

Jakob und seine drei Trainingspartner bekommen also ihr Futter später, wenn sie ihre Hörtests machen. Die übrigen Pinguine watscheln zufrieden Richtung Schwimmbecken. Die Live-Stream-Fütterung ist vorbei. "So, die scheinen jetzt einigermaßen satt zu sein", Anne May wendet sich der Kamera zu: "Ja, dann wünsche ich euch alles Gute! Bleibt gesund! Wir sehen uns hoffentlich bald dann im Ozeaneum!"

Techniker können endlich in Ruhe arbeiten

Ich gehe zurück zum Ausgang. Überall gähnende Leere, meine Schritte hallen durch die Flure. Mir fällt auf, dass die Türen zu den Räumen mit der Technik weit offenstehen. Wozu auch abschließen, sind ja keine "Betriebsfremden" hier. Die Techniker gehören auch zu den systemrelevanten Mitarbeitern des Ozeaneums. Und die freuen sich über die Ruhe im Museum.

"Ich habe mit unseren Technikern vor ein paar Tagen gesprochen und die haben sich schon immer einen Schließtag gewünscht", sagt Diana Meyen. "Das Ozeaneum hat normalerweise jeden Tag geöffnet, nur Heiligabend ist geschlossen. Und das heißt natürlich für unsere Techniker, dass sie ganz viele Wartungsarbeiten nur abends und morgens machen können. Oder, wenn es längere Projekte, sind auch mal nachts."

Jetzt geht das alles bequem am Tag. Meyen zeigt auf den Boden vor unseren Füßen. Dort schlängelt sich eine orange Linie. Der Besucherleitfaden. Der musste zum Beispiel schon längst mal wieder frisch gestrichen werden. Jetzt glänzt das Orange wie neu. Der Geruch von Farbe hängt noch in der Luft. Und irgendwann wird dieser erneuerte Leitfaden auch wieder Besucher durch die Aquariumslandschaft führen.

Mehr zum Thema

Abenteuer Ozeaneum - Im Inneren des Wals
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 22.04.2019)

Was hören Pinguine? - Ruhe war gestern
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 28.02.2019)

Zehn Jahre Ozeaneum in Stralsund - Faszinierende Meereswelten
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 05.07.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Länderreport

Atelierstandort Uferhallen Kunst oder Profit oder beides
Vier Menschen stehen bei regnerischem Wetter vor Backsteingebäuden, die zum Teil großflächige Fenster haben.  (Deutschlandradio / Benjamin Dierks               )

In den Berliner Uferhallen gibt es viele Ateliers, Künstler haben hier eine Heimat gefunden. Doch das Areal wurde verkauft, ein Investor hat eigene Pläne. Und schon gefährden Renditeerwartungen Lebensentwürfe. Nun wird ein Kompromiss gesucht.Mehr

Dörfer in BrandenburgOhne Berlin geht es auch
Blick auf den Dorfplatz mit Kirche in Tröbitz (Deutschlandradio / Thilo Schmidt)

Früher war die Nähe zu Berlin ein Standortvorteil für Brandenburger Gemeinden. Doch die Bedeutung der Hauptstadt nimmt für die Orte mehr und mehr ab. Ein Streifzug durch Dörfer, die sich selbst um ihre Zukunft gekümmert haben.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur