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Lesart | Beitrag vom 08.09.2020

Øyvind Torseter: "Ein Mann für alle Fälle"Hans im Unglück

Von Sylvia Schwab

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Ein Mann für alle Fälle" von Øyvind Torseter. (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)
Eine einfach angelegte Geschichte mit hochkomplexen Zeichnungen: "Ein Mann für alle Fälle" von Øyvind Torseter. (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)

Der norwegische Illustrator Øyvind Torseter hat mit "Ein Mann für alle Fälle" einen neuen jugendgerechten Thriller vorgelegt. Der Graphic Novel bewegt sich dabei zwischen Märchen und Persiflage, Mythos und Satire.

Hans, den manche vielleicht schon aus Øyvind Torseters "Hans sticht in See" kennen, hat in der neuen Geschichte eine Stelle als eine Art Hausmeister angetreten. Diesen Job als "Mann für alle Fälle" hat er nicht bei irgendwem, sondern beim Präsidenten.

Ein ungeliebter Doppelgänger

Für ihn repariert Hans den Schreibtischstuhl, die Schuhsohle oder die Wasserleitung. Wenn er seine Arbeit weiterhin gut macht, darf er vielleicht eines Tages auch mal auf dessen Atomkoffer aufpassen.

Aber dann taucht plötzlich ein Doppelgänger von Hans auf, nimmt ihm nicht nur seine Schlüssel, Werkzeuge und Papiere ab, sondern klaut ihm seine Identität. Und den Atomkoffer des Präsidenten noch dazu.

Da die Polizei Hans nicht glaubt, schaltet der die Detektivin Fräulein Cadmium ein. Sie hilft ihm, nicht nur den Dieb zu finden, sondern auch den Atomkoffer - und die Liebe.

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Ein Thriller sei diese Graphic Novel, heißt es im Untertitel. So fehlt es an Thrillerelementen tatsächlich nicht. Torseter zitiert sämtliche Versatzstücke des beliebten Genres, übertreibt sie aber bis zur Groteske.

Die bulligen Bodyguards des Präsidenten, den zähnebleckenden Betrüger, der sich als verkleideter Wolf entpuppt, die fesche Detektivin, eine spannende Verfolgungsjagd - alles überzeichnet. Wie auch der dumm-biedere Präsident mit Eierkopf, Elefantenrüssel und Stoßzähnen, der am liebsten Rasen mäht.

Hochkomplexe Zeichnungen

Ist diese Geschichte einerseits bewusst klischeehaft angelegt, so ist sie andererseits hochkomplex gezeichnet. Zig kleine Nebenschauplätze und -szenen erweitern das Geschehen, unzählige witzige, komische oder kuriose Details überraschen die aufmerksamen Betrachterinnen und Betrachter:

Bügelbrett und Wäscheständer im Präsidentenkeller, Plakate an den Häuserwänden, wimmelige Straßenszenen oder der Blick durchs Fenster in Wohnungen und Kneipen: Das alles ist so erfrischend erfunden und gezeichnet, dass man immer wieder schmunzelnd vor und zurückblättert.

Torseter ist selbst eine Art Mann für alle Fälle, der allerdings nicht mit Klebeband und Sekundenkleber operiert, sondern mit sparsamsten künstlerischen Mitteln ein perfektes Ergebnis erzielt. Wie er rätselhafte, dumme, undurchdringliche oder bullige Physiognomien konstruiert, wie er Licht und Schatten, Hell und Dunkel einsetzt, wie er seine grazilen Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit frechen, flotten und amüsanten Dingen dekoriert und sie sparsam, dafür umso wirkungsvoller koloriert, das ist Spitzenklasse. Mehr Spaß kann man beim Betrachten nicht haben.

Ein komisches, vielschichtiges Kunstwerk

"Ein Mann für alle Fälle" bietet nicht nur Kindern alles, was für eine gute Geschichte wichtig ist: klare Charaktere, eine spannende Handlung und einen klassischen Plot. Darüber hinaus ist Torseters Graphic Novel eine schräge Satire auf internationale Verschwörungen, eine lakonische Parodie auf die aktuelle Krimiliteratur und ein kleines, komisches Kunstwerk, viel zu vielschichtig, um nur einen speziellen Präsidenten im Blick zu haben. So einfach macht es Torseter sich und uns nicht.

Øyvind Torseter: "Ein Mann für alle Fälle"
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2020
136 Seiten, 18 Euro
ab 10 Jahren

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