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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.11.2008

Ovationen für Pina Bausch

Internationales Tanzfestival NRW 2008 in Wuppertal erfolgreich eröffnet

Von Ulrich Fischer

Doyenne des deutschen Tanztheaters: Pina Bausch. (AP)
Doyenne des deutschen Tanztheaters: Pina Bausch. (AP)

Das Programm ist überreich: über 60 Compagnien aus allen Kontinenten sind beim internationalen Tanzfestival NRW in Wuppertal und Essen angekündigt. Den Auftakt machte die Choreografin Pina Bausch mit ihrem Klassiker "Kontakthof", den sie gemeinsam mit 26 Schülerinnen und Schülern inszenierte - ein Erfolg.

Pina Bausch, die wohl bedeutendste Choreografin unserer Zeit, hat eine Variante ihres Klassikers "Kontakthof" an den Anfang ihres Internationalen Tanzfestivals NRW 2008 gestellt: Teenager ab 14 traten auf, 26 Schülerinnen und Schüler aus Wuppertal, und erzählten körpersprachlich über das Leben junger Leute heute. Sie plauderten ohne Worte zur Erheiterung des Erstaufführungspublikums im ausverkauften Wuppertaler Schauspielhaus einige Geheimnisse aus.

Der über dreistündige Abend zeigte, welche Variationsmöglichkeiten im "Kontakthof" liegen. Pina Bausch, an Ovationen gewöhnt, konnte im Kreis ihrer jungen Laiencompagnie am Freitagabend wahre Begeisterungsstürme und stehende Ovationen buchen.

Für "Kontakthof" hat Pina Bausch als Musik vor allem eine Folge von Schlagern der vierziger und fünfziger Jahre unterlegt, schmalzige Tenöre - "Tangoking" - sülzen verlogen von Frühling und immerwährender Liebe. Die Szenen stehen dazu in krassem Kontrast. Die jungen Leute finden nicht zueinander. Sie sehnen sich nach Nähe und Zärtlichkeit, reden aber den anderen Übles nach und pflegen ihren Egoismus. Nur Sekunden wird getanzt, das Scheitern der Begegnungen überwiegt bei weitem. Da wartet jemand, die Arme ausgebreitet, auf einen Tanzpartner. Kommt er, wird er beiseite geschoben, es ist der Falsche.

Einmal sitzen alle 26 Jungen und Mädchen vorn an der Rampe. Sie reden gleichzeitig. Keiner hört dem anderen zu. Jemand hält jedem für eine viertel Minute ein Mikrofon hin - die Geschichten sind selbstzentriert oder ziehen über die Kameraden her, Eigensucht und Engherzigkeit dominieren. In einer anderen Szene sehen die Schüler einen Film über Enten und ihre Küken - die Anspielung ist schwer misszuverstehen: Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen. Im großen Finale gehen alle im Kreis. Keiner schert aus. Immer rundherum. Kein Fortschritt. Nirgends.

Trotz des Ernstes der Botschaft hatte der Abend viele heitere Momente. In einem der gelungensten Bilder konzentrierten sich alle auf Bewegungen der Hüften und der Gesäße. Sie sind ausdrucksvoll - es wurde viel gelacht und gab Beifall auf offener Szene.

Am Samstag wird der "Kontakthof" mit über 65-Jährigen aufgeführt - der Kreation liegt ein offenes Konzept zugrunde, typisch für Pina Bausch. In dem Rahmen, den sie vorgibt, ist Raum für die Tänzerinnen und Tänzer, die dort ihre besonderen Fähigkeiten entfalten können - Pina Bausch legt großen Wert auf das Individuum. Während der Proben schält sich heraus, wie eben dieses Individuum am besten auf der Bühne präsentiert werden kann.

Das Festival dauert noch bis zum 30. November. Das Programm ist überreich: über 60 Compagnien aus allen Kontinenten sind angekündigt. Nicht nur in Wuppertal wird getanzt, sondern auch in Essen - eine berühmte deutsche Tanzstadt, Stichwort: Folkwang, an der Hochschule hat auch Pina Bausch studiert -, und in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt Düsseldorf.

Neben glänzenden Namen wie Anne Teresa De Keersmaeker oder Alain Platel stehen auch - noch - unbekannte - zumindest bei uns unbekannte - Angebote: Meow Meow aus Australien wird im musikalischen Rahmenprogramm angekündigt oder eine Compagnie aus Korea tanzt "Das Leben der Prinzessin Bari".

Pina Bausch, die Doyenne des deutschen Tanztheaters, steht für die moderne, zeitgenössische, revolutionäre Überwindung des Balletts - ihr Antagonist, konservativ, der Tradition verpflichtet, ist John Neumeier in Hamburg. Neumeier veranstaltet auch ein Festival, die Hamburger Ballett-Tage. Aber er zeigt fast ausschließlich eigene Choreografien - obwohl Hamburg als Deutschlands Tor zur Welt gilt. Ein Blick aufs Pina Bauschs Programm beweist: In diesem Fall wird Wuppertal zum Tor zur Tanzwelt.

Der Auftakt ist über alle Erwartungen geglückt, das Festival hat Luft unter den Flügeln.

Kartentelefon: 0202 569 44 44 - Internet: www.fest-mit-pina.de

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