Donnerstag, 13.12.2018
 

Fazit | Beitrag vom 11.10.2018

Otto Mueller im Hamburger BahnhofEin unkonventioneller Lehrer

Von Simone Reber

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Otto Mueller, Selbstbildnis mit Pentagramm, um 1924, Leimfarbe auf Rupfen, 120 x 75,5 cm (Von der Heydt-Museum Wuppertal / Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal / Hamburger Bahnhof)
Otto Muellers "Selbstbildnis mit Pentagramm" um 1924 (Von der Heydt-Museum Wuppertal / Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal / Hamburger Bahnhof)

Die Geschichte des deutschen Expressionismus und der Künstlergruppe "Die Brücke" gilt als gut erforscht. Umso erstaunlicher, dass nun eine Ausstellung in Berlin einen neuen Zugang zum Brücke-Künstler Otto Mueller findet: Sie beleuchtet seine Zeit in Breslau.

Das lackschwarze Haar, die schräg stehenden Augen, die hohen Wangenknochen – die ganze, fast indianische Physiognomie von Otto Mueller faszinierte schon seine Berliner Brücke-Kollegen. 1913 porträtierte Ernst Ludwig Kirchner den Schlesier mit Pfeife. Das respektvolle Freundschaftsbild eröffnet jetzt die facettenreiche Ausstellung "Otto Mueller – Maler. Mentor. Magier." im Hamburger Bahnhof mit einem Blick auf Muellers Berliner Zeit.

Bei dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck sieht Otto Mueller die langgestreckten Gliedmaßen, die bald seinen eigenen Stil prägen. Schon in Berlin beginnt er mit Leimfarben zu experimentieren. Die sandigen Töne unterscheiden sich von den überbordenden Farben seiner Brücke-Kollegen. In Breslau wird Leimfarbe auf Rupfen zu Muellers ganz eigener Technik, sagt Dagmar Schmengler, die Kuratorin der Ausstellung:

"Im Grunde ging es ihm darum, einen sehr matten, satten dumpfen Farbton zu bekommen, was für seine Bildthemen sehr viel Sinn macht. Er malt ja gar nicht so sehr in den tiefen Raum rein, es sind eher flach angelegte Bilder, die in dieser Komposition bestechen und an Fresken erinnern."

Otto Mueller, Knabe zwischen Blattpflanzen (Knabe im Schilf), 1912, Holzschnitt, 33,8 x 42,9 cm (bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Foto: Dietmar Katz / Hamburger Bahnhof)Otto Muellers "Knabe zwischen Blattpflanzen (Knabe im Schilf)", 1912 (bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Foto: Dietmar Katz / Hamburger Bahnhof)

Als Otto Mueller 1919 nach Breslau kommt, findet er eine Kunstakademie vor, die sich gegenüber allen Stilrichtungen öffnet. Ein wunderbarer Raum im Hamburger Bahnhof vermittelt die Vielfalt und Freiheit der künstlerischen Sprachen. Oskar Schlemmer vertritt das Bauhaus, von Carlo Ense stammt das puristische Porträt einer jungen Frau im Ton der Neuen Sachlichkeit. Und Otto Mueller malt seine Lebensgefährtinnen als Badende oder Liebende.

Maschkas Urteil war ihm wichtig

Dagmar Schmengler: "Vor allem Maschka Mueller, seine erste Ehefrau, die im Grunde auch nach der Scheidung seine wichtigste Bezugsperson blieb. Sie war ein unabhängiger Geist, das sieht man auch in ganz frühen Bildnissen, die er von ihr gemacht hat. Wirklich eine irrsinnig schöne Frau und er brauchte sie regelrecht. Das zeigt sich auch in der großen Korrespondenz, die er mit Maschka Mueller geführt hat. Auch als sie längst nicht mehr miteinander lebten, aber ihr Urteil war wichtig. Er hat alles geteilt, er hat auch seine anderen Beziehungen mit ihr geteilt."

In Breslau wohnt Otto Mueller in seinem Atelier. Er öffnet als Erster die Akt-Zeichnenklassen auch für Frauen. Seine Studenten, mehr noch seine Studentinnen sind beeindruckt vom unkonventionellen Auftreten ihres Lehrers, der sich über akademische Gepflogenheiten hinwegsetzt, als harter Arbeiter gilt und als unbestechlicher Kritiker.

Witkacy, Die letzte Zigarette des Verurteilten (Selbstportrait), 1924, Öl auf Karton, 72 x 51 cm (Literaturmuseum Warschau / Foto: Anna Kowalska / Hamburger Bahnhof)Witkacys "Die letzte Zigarette des Verurteilten (Selbstportrait)", 1924 (Literaturmuseum Warschau / Foto: Anna Kowalska / Hamburger Bahnhof)

"Er hat niemals in eine Zeichnung hinein korrigiert, sondern er hat, wenn, das immer mit Abstand neben dran gesetzt. Das sieht man auch, wenn man sich einige dieser Schülerarbeiten anschaut. Er war aber auch sehr, sehr streng und auch sehr hart, so dass eine Studentin das in Erinnerung hatte. Aber sie sagte, er war hart aber fair, und er hat jedem eine Chance gegeben. Und für ihn zählte schlichtweg das Talent", sagt die Kuratorin Dagmar Schmengler.

"Ich bin dafür" – mit diesem einen Satz unterstützte Otto Mueller lapidar einen Stipendienantrag von Alexander Camaro. Camaro, in Breslau geboren, teilt mit Otto Mueller die Vorstellung von einer Verschmelzung des Menschen mit der Natur, führt diese Vision aber später abstrakt aus.

Von Camaro stammen zum Beispiel die Glasfenster in der Berliner Philharmonie. In der Ausstellung ist von ihm ein spätes Gemälde zu sehen, Abschied aus dem Jahr 1991. Da geht das Leben in einem weißen Winterwald auf.

Horst Strempel, Masken, 1946, Öltempera auf Leinwand, 72,5 x 95 cm (VG-Bild Kunst, Bonn 2018 / Foto: kunst-archive.net / Hamburger Bahnhof)Horst Strempels "Masken", 1946 (VG-Bild Kunst, Bonn 2018 / Foto: kunst-archive.net / Hamburger Bahnhof)

Zu Muellers Schülern in Polen gehört auch der Kolorist Jan Cybis, nach dem die Kunstakademie in Warschau benannt ist. Noch frappierender aber wirkt die Gegenüberstellung von Otto Mueller und dem polnischen Maler und Dichter Stanislaw Witkiewicz, der sich als Maler Witkacy nennt. 1924 porträtiert sich Otto Mueller als Zauberer mit einem fünfzackigen Amulett um den Hals.

Der Künstler als Magier und Seher

Dagmar Schmengler: "Er gibt sich ganz bewusst als ein Künstler-Seher. Gerade diese verschattete Gesichtshälfte, diese sehr schmalen, fast aneinander tretenden Augen, die gerunzelte Stirn - also im Grunde ein traditionsbehaftetes Motiv des Propheten. Was wir dann nochmal sehr schön herausstreichen konnten, indem wir aus dem gleichen Jahr ein Werk eines polnischen Expressionisten gefunden haben, nämlich von Witkacy. Und diese beiden Bildnisse haben wir dann nebeneinander gestellt und konnten dann das Motiv des Künstlers, als Magier, als Seher in der deutschen und in der polnischen Kunst- und Literaturgeschichte verhandeln."

"Die letzte Zigarette des Verurteilten" nennt Witkacy seine Prophezeiung sarkastisch. Die Schau endet in der Gegenwart. Der junge Wilde Zdzislaw Nitka malt Otto Mueller als Mann mit Hut. Das temperamentvolle Blau, die impulsiven Pinselstriche verraten die Vorfahren von Nitka. Baselitz, Beuys, Brücke. Heute unterrichtet Nitka als Professor an der Breslauer Kunstakademie. Da schließt sich der Kreis.

Die Ausstellung "Otto Mueller – Maler. Mentor. Magier." ist bis zum 3.3.2019 im Hamburger Bahnhof Berlin zu sehen. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr (außer montags), donnerstags bis 20 Uhr und am Wochenende ab 11 Uhr.

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