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Buchkritik | Beitrag vom 26.01.2021

Ottessa Moshfegh: "Der Tod in ihren Händen"Die eingebildete Ermittlerin

Von Sonja Hartl

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Covercombo Ottessa Moshfegh: "Der Tod in ihren Händen" (Hanser Berlin / Deutschlandradio)
In "Der Tod in ihren Händen" schickt Ottessa Moshfegh eine Außenseiterin auf fiktive Ermittlungsarbeit. (Hanser Berlin / Deutschlandradio)

Die 72-jährige Vesta lebt abgeschieden am Waldrand. Als sie auf einem Spaziergang einen mysteriösen Zettel findet, imaginiert sie Ermittlungen zu einem vermeintlichen Mordfall. Gekonnt spielt Ottessa Moshfegh mit Versatzstücken populärer Krimis.

"Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche."

Diese Sätze sind auf dem Zettel notiert, den Ottessa Moshfeghs Icherzählerin Vesta Guhl am Anfang von "Der Tod in ihren Händen" auf einem Spaziergang mit ihrem Hund in dem Birkenwald findet, der nahe an ihrem Haus ist.

Er versetzt sie in große Unruhe. Seit knapp einem Jahr lebt die 72-Jährige abgeschieden in einem kleinen Industrieort in Maine. Die größte Gefahr ging bisher von der verdächtig wirkenden Polizei des Ortes und Andeutungen über Drogenküchen aus. Aber nun scheint ein Mörder ganz in der Nähe zu sein.

Spiel mit Versatzstücken

Vesta kann nicht aufhören, über die Notiz und Magda nachzudenken, wer sie wohl gewesen sein mag und ermordet hat, wo genau sich wohl Magdas Leiche befindet. Antworten sucht Vesta zunächst im Internet und als sie dort nicht fündig wird, sucht sie sie in ihrem Kopf, in ihrer Fantasie. Sie imaginiert einen familiären Hintergrund und Liebschaften für Magda – und eine Reihe von Verdächtigen für die Tat.

Insbesondere zu Beginn von "Der Tod in ihren Händen" spielt Moshfegh amüsant und gekonnt mit bekannt Versatzstücken medialer Morderzählungen. Vesta ist von Anfang an sehr deutlich als unzuverlässige Erzählerin gekennzeichnet.

Vesta ist eine zutiefst einsame Frau

Nach dem Fund der Notiz sucht sie nach einem "Haarbüschel, das sich in den rauen Ästen am Boden verfangen hat" oder einem goldenen Medaillon, "das zwischen klatschnassen Birkenblättern" blinkt. In ihren weiteren imaginierten Ermittlungen bleibt sie auf diesen oftmals etwas einfältigen Gedankenwegen, die immer mehr die Wirklichkeit überlagern.

Zu diesem gelungenen Spiel mit populären Krimimustern kommt die Erzählung einer Frau, die sich von der Gesellschaft weitgehend verabschiedet hat. Das ist ein bekanntes Motiv feministischer Romane und wiederkehrendes Thema in Moshfeghs bisherigem Werk, insbesondere im Erzählton erinnert Vesta an Eileen Dunlop aus "Eileen".

Auch Vesta ist eine zutiefst einsame Frau. Sie will mit ihrer Imagination vor ihrem gescheiterten Leben fliehen, ansonsten bleiben ihr nur die Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann, der sie unterdrückt und betrogen hat.

Es fehlt letzte Dringlichkeit und Stringenz

In den besten Passagen ist "Der Tod in ihren Händen" eine bitterböse Farce, eine interessante Mischung aus Metakrimi und feministischer Abgeschiedenheitserzählung. Insgesamt jedoch fehlen diesem gutem Buch die letzte Dringlichkeit und Stringenz im Tonfall und Plot sowie die hinterhältig-provozierende Komik, die Moshfeghs vorherigen Romane ausgezeichnet haben. Es fügt sich nichts entscheidend Neues an ihre Stelle.

Ottessa Moshfegh: "Der Tod in ihren Händen" 
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Hanser Berlin, Berlin 2020
256 Seiten, 22 Euro

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