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Im Gespräch | Beitrag vom 12.05.2021

Ostrock-Experte Edward LarkeyAls Amerikaner in die DDR

Moderation: Ulrike Timm

Porträtfoto von Edward Larkey vor einem Bücherregal (Uta Larkey)
Für seine Doktorarbeit hat Edward Larkey in der DDR Ostrockbands interviewt. Heute ist er Professor für Interkulturelle Kommunikation in Baltimore. (Uta Larkey)

Die Faszination für Brecht und Biermann bringt ihn in den 70ern als Doktorand in die DDR. Dort lernt Edward Larkey seine Frau kennen, er bleibt mehrere Jahre. Heute ist der Kulturwissenschaftler eine Koryphäe auf seinem Gebiet, dem Ostrock.

Über viele Jahre hinweg hat sich der Kulturwissenschaftler Edward Larkey wissenschaftlich fast ausschließlich mit Ostrock beschäftigt. "Keimzeit war eine Lieblingsband von mir." Auch die Gruppe Renft mochte er sehr. Kennengelernt hat er diese Bands in Ostberlin, wo er seine Dissertation schrieb – Thema: "Zur kulturpolitischen Rezeption der Rockmusik der USA in der DDR". Dass er zum Studium in die DDR kam, lag allerdings nicht an der Musik.

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Larkey wird 1950 in New Jersey als Sohn einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln geboren. "Meine Eltern hatten eine sehr hohe Toleranz für meine Vorlieben und ich habe erst 20, 30 Jahre hinterher erfahren, dass sie nicht sehr begeistert waren, dass ich zunächst einmal in Westdeutschland studiert habe und dann auch noch im Osten – das war noch einen Zahn schärfer."

"Bestimmte Themen waren tabu"

In den USA studiert er Germanistik und ist aktiv in der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung. Mit einem Stipendium kommt er nach Marburg, wo er in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) eintritt. "Da habe ich quasi meine politische Bildung fortgesetzt und mir Marxismus als kritische Wissenschaft angeeignet." 1977 wird er gefragt, ob er nicht ein Zusatzstudium in der DDR machen wollte. Er sieht es als Chance: "Wenn ich in die Germanistik einsteigen wollte, wäre es schon ganz gut, diese sehr einmalige Gelegenheit zu haben, im Osten und im Westen die Wirklichkeit in beiden deutschen Staaten kennenzulernen."

Die ostdeutsche Realität zu erleben, war dann schon "eine ziemliche Umstellung", erinnert sich Larkey. "Der Marxismus als Staatsideologie war sehr seltsam, weil die Wirklichkeit dadurch ein bisschen benebelt wurde", stellt er fest. "Bestimmte Themen waren einfach tabu" und eine kritische Anwendung der Lehre auf die Wirklichkeit sei nicht gefragt gewesen.

Mit dem Rad über die Grenze

Trotz dieser Kritikpunkte bleibt Larkey viele Jahre in Ostberlin, Grund dafür ist vor allem, dass er dort auf dem "Festival des politischen Liedes" seine Frau kennengelernt hat. Als amerikanischer Staatsbürger kann er die Grenze nach Westberlin überqueren, was er zum Beispiel für Bibliotheksbesuche nutzt. Problematisch wird das, als er, um teures West-Fahrgeld zu sparen, sein Fahrrad mitnimmt. Das musste zunächst "entweder als Geschenk oder als Gepäck deklariert" werden und wurde ihm schließlich ganz verboten.

Mittel und Wege, staatliche Kontrollen zu umgehen, finden sich auch in den Texten der Ostrockbands, die Larkey für seine Doktorarbeit interviewt. Da sei eine "spezifische Rocktextsprache" entstanden, mit der die beabsichtigten Inhalte so zum Ausdruck gebracht wurden, dass man behördlicherseits nichts dagegen sagen konnte. Seine Dissertation verfasst Larkey an der Humboldt-Universität dagegen recht unbehelligt, ohne Eingriffe aber auch ohne Unterstützung.

Seit 1984 leben er, seine Frau und der gemeinsame Sohn in den USA. "Jede Geschichte hat mehrere Seiten", sagt er im Bezug auf die verschiedenen Lebensrealitäten. Dazu passt auch sein Fachgebiet: An der University of Maryland in Baltimore ist Larkey Professor für interkulturelle Kommunikation.

(mah)

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