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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.01.2016

Osteuropa Die Verfolgung der Juden nach 1945

Von Michael Hollenbach

Denkmal zur Erinnerung an den Pogrom von  Kielce (picture alliance / dpa / Foto: epa pap Piotr Polak)
Gedenkstein in der polnischen Stadt Kielce zur Erinnerung des Pogroms 1946, bei dem mehr als 40 polnische Juden ermordet wurden. (picture alliance / dpa / Foto: epa pap Piotr Polak)

Vor wenigen Jahren schrieb der polnisch-US-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross ein Buch darüber, wie tief der Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft verwurzelt ist und wie brutal Antisemiten auch nach 1945 agierten. Ein Beispiel dafür ist der Pogrom von Kielce 1946.

Die polnische Stadt Kielce im Sommer 1946. Das Gerücht verbreitet sich, Juden hätten ein christliches Kind entführt, um es zu ermorden und dessen Blut für vermeintliche jüdische Rituale zu nutzen. In einem Pogrom, an dem auch Polizisten und Soldaten beteiligt sind, werden 42 Überlebende des Holocaust ermordet, rund 80 verletzt. In der Stadt im Südosten Polens lebten bis 1941 25.000 Juden; nach dem Krieg waren rund 200 in den Ort zurückgekehrt. Wie konnte so ein Pogrom passieren – ein Jahr nach der Shoah? Jan Tomasz Gross, Professor für Geschichte an der Princeton University:

"Ich denke, es hat damit zu tun, dass viel von dem Besitz, der den Juden gehörte, nach deren Tod in die Hände der lokalen Bevölkerung geriet. Und es hat auch damit zu tun, dass Einheimische nach dem Überfall der Deutschen 1939 zu deren Komplizen gegen die Juden wurden. So fühlten sich viele Einheimische durch die Rückkehr der Juden bedroht. Das alles traf auf ein antisemitisches Klischee, dass die Kommunisten Juden seien und die Macht in Polen übernommen hätten: also die Juden wurden als eine Bedrohung wahrgenommen, und so geschahen diese furchtbaren antisemitischen Ausschreitungen."

Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz sieht noch eine weitere Ursache: den Jahrhunderte alten katholischen Antijudaismus:

"Der polnische Antisemitismus war auch sehr stark religiös motiviert. Deshalb hat da der Ritualmordvorwurf noch gegriffen und hat dann die Katastrophe ausgelöst. Die Polen sahen sich ja nicht als Täter, die Polen sahen sich vor allem als Opfer nationalsozialistischer Herrschaft. Die Juden mochten sie traditionell nicht."

Auch wenn neun an dem Pogrom Beteiligte zum Tode verurteilt wurden - das Pogrom von Kielce war ein Fanal für die polnischen Juden: Sie waren auch nach 1945 in ihrer Heimat nicht mehr sicher.

"So haben die Juden das verstanden, und der größte Teil von ihnen ist dann Richtung Westen geflohen und hat dann sein Heil in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands gesucht." 

Holocaust-Überlebende verließen Polen

Mehr als 100.000 Holocaust-Überlebende verließen mit Hilfe der zionistischen Organisation Berihah 1946/47 Polen, gingen in die Camps für Displaced Persons in die deutschen Westzonen und warteten dort auf die Ausweise nach Israel oder Nordamerika.

Aber Polen war 1946 kein Einzelfall. Auch in Rumänien, der Tschechoslowakei und in Jugoslawien kam es zu antisemitischen Übergriffen. Auch hier organisierte die Berihah die Ausreise von insgesamt 250.000 Holocaust-Überlebenden. Brigitte Mihok vom Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung berichtet über Ausschreitungen in dem ungarischen Ort Kunmadaras, wo 1946 zwei Juden getötet und 18 schwer verletzt wurden. Jüdische Bürger wurden durch den Ort gejagt, sämtliche jüdische Wohnungen geplündert:

"Was einen nachdenklich macht: es verlief innerhalb eines Tages, die Angriffe auf die Juden der kleinen Gemeinde, und kein Mensch ist den geplünderten, geschundenen, gefolterten Juden zu Hilfe gekommen."

Hintergrund war auch hier der Vorwurf eines angeblichen Ritualmords, den die Juden begangen haben sollten; bei weiteren Übergriffen in der Stadt Miskolc im Nordosten Ungarns dienten – so Brigitte Mihok – die Juden als Sündenböcke, denen man die schlechte wirtschaftliche Lage im Sommer 1946 anlastete.

"Manche ereiferten sich und wollten wieder die Juden für schuldig befinden für die Notsituation, da kam so eine Umkehr aus der eigenen Notsituation."

Kein Interesse daran, Antisemitismus zu problematisieren

Die kommunistischen Staatsparteien in Osteuropa hatten kein Interesse daran, den Antisemitismus zu problematisieren. Das galt besonders für Polen. In der Volksrepublik Polen durfte über die Verbrechen von Kielce nicht publiziert werden. Der Historiker Jan Tomasz Gross, der 1969 aufgrund des damaligen Antisemitismus Polen verließ und in die USA emigrierte:

"Viele Jahre wurden die Ausschreitungen verschwiegen. Ich denke, dafür gibt es viele Gründe. Keine Gesellschaft will mit so schrecklichen Dingen konfrontiert werden, die einmal geschehen sind. Und es gab auch keine Politiker in Polen, die offen darüber reden wollten. Die kommunistische Partei wollte nicht mit irgendwelchen jüdischen Themen in Verbindung gebracht werden wegen der vorherrschenden Vorurteile in der polnischen Bevölkerung, dass die Kommunisten doch alles Juden seien, dieses jüdische-bolschewistische Klischee war sehr verbreitet. Und die Kommunisten wollten sich als Vertreter des nationalen Interesses darstellen, das war aber nicht so einfach, weil sie oft im sowjetischen Interesse handelten."

Nach 1945 waren die jüdischen Holocaust-Überlebenden heimatlos: Nirgendwo in Europa waren sie erwünscht. Hilfe für die knapp dem Tod Entronnenen: weitgehend Fehlanzeige. Statt Unterstützung bekamen die Überlebenden eher Ablehnung und Antisemitismus zu spüren. Ein österreichischer Jude, der nach dem Holocaust zunächst nach Israel auswanderte, dann aber voller Heimweh in die Alpenrepublik zurückkehrte, formulierte seine deprimierenden Erfahrungen so: "Österreich ist ein wunderschönes Land - mit grässlichen Menschen."

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