Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 22.04.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Thema / Archiv | Beitrag vom 01.04.2010

Ostermarsch-Initiatoren: Wir wollten den Frieden in die eigenen Hände nehmen

Helga und Konrad Tempel über die ersten Ostermärsche in Deutschland vor 50 Jahren

Helga und Konrad Tempel im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Am Ostermarsch 1960 in der Lüneburger Heide nahm auch Helga Tempel teil (Frau in der Mitte mit Kopftuch und Handtasche). (Konrad Tempel / Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung)
Am Ostermarsch 1960 in der Lüneburger Heide nahm auch Helga Tempel teil (Frau in der Mitte mit Kopftuch und Handtasche). (Konrad Tempel / Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung)

Bei den ersten Ostermärschen, die ab 1960 in Deutschland stattfanden, seien sehr unterschiedliche politische Gruppierungen zusammengekommen, die ein Ziel vereint habe: der Widerstand "gegen Atomwaffen jeder Art und jeder Nation" , sagt Konrad Tempel, der die Ostermärsche nach englischem Vorbild nach Deutschland brachte.

Liane von Billerbeck: Sie war eine der großen politischen Massenbewegungen der Bundesrepublik Deutschland, die Ostermarschbewegung gegen atomare Aufrüstung. Der Quäker Konrad Tempel hatte die Idee aus England mitgebracht und um Karfreitag 1960 fanden zum ersten Mal Ostermärsche in Norddeutschland statt. Bis zum Jahr 1968 stieg die Zahl der Menschen, die an den Ostermärschen teilnahmen, auf 300.000. Bevor wir mit Konrad Tempel und seiner Frau Helga über die Anfänge der Ostermärsche sprechen, nimmt uns Winfried Sträter mit zurück in die Zeit davor, als die Angst vor einer atomaren Bewaffnung bis in den Bundestag reichte.

[Beitrag von Winfried Sträter]

Und über diesen Teil der politischen Kultur wollen wir jetzt mit Helga und Konrad Tempel sprechen. Konrad Tempel war bis 1964 Sprecher der Ostermarschbewegung, die ab 1963 Kampagne zur Abrüstung hieß. Ich grüße Sie beide!

Konrad Tempel: Gruß nach Berlin!

von Billerbeck: Die Ostermärsche nahmen, wie wir ja gerade gehört haben, ihren Anfang in England. Wie haben Sie die Kritiker der atomaren Aufrüstung denn damals in der Bundesrepublik mobilisiert, so ohne Mobiltelefone und Internet?

Konrad Tempel: Wir hatten ja nur einen Rückhalt, einen gewissen Rückhalt in den Kriegsdienstverweigerer-Verbänden und im Internationalen Versöhnungsbund und haben Flugblätter verteilt und öffentliche Veranstaltungen gemacht. In der Presse ist nahezu nichts werbend erschienen, sodass das Klientel war, auf das wir uns zuerst ausgerichtet haben.

von Billerbeck: Von einer ...

Konrad Tempel: Lassen Sie mich an dieser Stelle sagen, der Bundestag hat ja vor wenigen Tagen einen Beschluss gefasst, der genau in der Haltung erfolgte, so mit der Richtung, mit der wir vor 50 Jahren begonnen haben. Es heißt in dem Beschluss des Bundestages, eine Welt frei von Atomwaffen ist keine Utopie, sondern eine konkrete Verpflichtung. Und oben drüber steht, Deutschland muss deutliche Zeichen für eine Welt frei von Atomwaffen setzen. Wir hatten gesagt damals, wir müssen ein unmissverständliches und eindrucksvolles Zeichen geben. Und das macht uns natürlich froh, dass das jetzt beim Bundestag angekommen ist, zumal Präsident Obama ebenfalls vor wenigen Tagen davon gesprochen hat, dass Atomwaffen für die dunkelsten Tage des Kalten Krieges stehen und dass sie die größte Bedrohung unserer Zeit seien. Das ist damals die Haltung gewesen, in der wir unsere politische Arbeit gemacht haben.

von Billerbeck: Von einer Demonstrationskultur konnte man ja in der damaligen Bundesrepublik noch gar nicht sprechen. Die Ostermärsche waren ja etwas ganz Neues, etwas basisdemokratisch Organisiertes, um mal dieses Wort zu benutzen. Auf welche Hürden sind Sie denn bei der Organisation gestoßen?

Konrad Tempel: Auf ziemlich viele Hürden. Auf die meisten waren wir nicht vorbereitet. Wir hatten keinerlei logistische Erfahrung in Bezug auf die Organisierung einer solchen Aktivität, wir hatten praktisch keine Finanzmittel, wir mussten also darauf vertrauen, dass die Vorstände der Verbände uns etwas gaben zum Druck der Flugblätter. Wir hatten die Schwierigkeit, dass wir uns nicht mit Gesetzen vorher befasst haben. So wurde, als wir den Marsch anmeldeten, uns mitgeteilt, dass wir am Karfreitag nicht vor elf Uhr demonstrieren dürfen, weil eben das Feiertagsgesetz das verbot. Wir haben später allerdings ziemliche Hürden vonseiten der Polizei gekriegt – noch nicht beim ersten Marsch, aber später sind uns überall in Deutschland, ist uns verboten worden, auf bestimmten von uns ausgesuchten Straßen zu marschieren, es hat Einreiseverbote für Menschen gegeben, die aus dem Ausland zu uns gekommen sind, um mit uns zu demonstrieren, und es hat Verbote von Slogans gegeben. Die größte Schwierigkeit aber bestand darin, dass die Berichterstattung in den Medien minimal war. Sämtliche Hamburger Tageszeitungen zusammen haben viel weniger berichtet als etwa die britische "Times" oder "Manchester Guardian". Wir hatten also geringe Möglichkeiten, unsere Marschabsichten publik zu machen.

von Billerbeck: Auf der Homepage des Netzwerks Friedenskooperative, da kann man jetzt ein sehr schönes Bild vom ersten Ostermarsch sehen, darauf sind Sie, Frau Tempel, damals noch unter dem Namen Stolle, mit Kostüm und Handtasche, und wenn man sich die späteren Demonstrationen in Erinnerung ruft, also sagen wir in den 80er-Jahren, da war die Kleiderordnung ja ganz anders, eher lila Latzhose und selbstgestrickte Pullover. Wer waren denn die Menschen, die aus so unterschiedlichen Bereichen kamen, die zu den Ostermärschen dann mitliefen?

Helga Tempel: Ja, vielleicht noch zuerst zu der Kleidung: Wir wollten ganz bewusst seriös wirken, nicht wie irgendwelche dahergelaufene Strauchdiebe, sondern wir versuchten Eindruck zu machen durch unsere Haltung, durch eine gewisse Diszipliniertheit – ohne Kadavergehorsam natürlich –, gab es also auch Männer, die mit Hüten kamen, oder die Baskenmütze war damals auch noch in. Also wir fühlten uns als Bürger und Bürgerinnen und nicht so sehr als Mitglieder zum Beispiel der Arbeiterbewegung. Und damit bin ich auch beim Stichwort, wer ging denn mit: Das waren natürlich Menschen aus der Arbeiterbewegung, aus der Gewerkschaftsbewegung und auch linke Gruppen, vor denen es dann eben auch ein bisschen Berührungsängste gab vonseiten der übrigen Mitmarschierenden, die eher pazifistisch ausgerichtet waren oder christlich motiviert waren. Vom Alter her waren es hauptsächlich Mensch schwerpunktmäßig zwischen 20 und 40, wir selber waren ja auch sehr jung und sprachen daher auch bevorzugt junge Menschen an, aber außerdem waren so diese vier Tage Marsch mit Übernachtung in Scheunen ja auch körperlich ein wenig anspruchsvoll, sodass die ältere Generation da vielleicht eher zögerte oder auch die Generation mit kleinen Kindern sich da zurückhielt.

von Billerbeck: In Ihren Erinnerungen, Herr Tempel, da schreiben Sie, dass Sie eine Politisierung in Richtung links, wie es Ihre Frau ja schon mal andeutete eben, unbedingt verhindern wollten. Sie hatten ja in erster Linie pazifistische Motive. Aber diese Politisierung, die ließ sich doch gar nicht aufhalten, oder?

Konrad Tempel: Ich habe mich sehr missverständlich ausgedrückt, wenn das gefolgert werden kann aus dem, was wir geschrieben haben. Wir haben uns durchaus verstanden als Menschen, die eine politische Aktion machen. Wir wollten nicht parteipolitisch arbeiten. Was uns wichtig war, war, dass wir das ausdrücken konnten der Öffentlichkeit, wie unsere Freunde das in Amerika und England taten, die Gefährlichkeit der Wirkung von Atomwaffen deutlich zu machen. Wir wollten, oder haben beim ersten Ostermarsch uns relativ abstrakt ausgedrückt – unser Widerstand richtet sich gegen Atomwaffen jeder Art und jeder Nation – und das, was Sie Politisierung nennen würden, würden wir nennen Konkretisierung. Im Laufe der Zeit ist bei den Aufrufen, sind die Aussagen, die Forderungen immer konkreter geworden und das Wichtige dabei war, dass wir im zentralen Ausschuss alle Beschlüsse im Konsens gefällt haben. Solange ich da war und ich denke auch darüber hinaus, ich bin über fünf Märsche hin dagewesen und erst 1964 zurückgetreten – der zentrale Punkt dafür war, dass wir das im Konsens machen wollten, dass Differenzen ausgeklammert wurden, dass wir uns in Hinsicht auf die politischen Forderungen, auf die Wirkungen von Atomwaffen, später Entspannungspolitik, konzentriert haben und die Ursachen dieser Hochrüstungspolitik ausgeklammert haben.

von Billerbeck: Das heißt, das Ziel, die Verhinderung der atomaren Aufrüstung war das Wichtige und nicht, woher einer kam, der da mitmarschierte, aus welcher politischen Ecke?

Helga Tempel: Wir haben uns ja von vornherein verstanden, als ob wir mit einer politischen Botschaft auf die Straße gingen, nämlich mit der Botschaft, wir wollen den Frieden in die eigenen Hände nehmen, nachdem wir erneut gemerkt haben, wie sehr uns die Politiker allein gelassen haben. Da spielte ja ganz viel Wut und Enttäuschung eine Rolle nach dem sehr plötzlichen Ende der Kampagne "Kampf dem Atomtod" von der SPD und den Gewerkschaften. Und wir wollten jetzt sagen, jetzt nehmen wir die Sache in die Hände und jetzt versuchen wir, unsere Art der Politik publik zu machen.

Konrad Tempel: Ich würd noch gerne hinzufügen wollen: Wir waren der Aktionskreis für Gewaltlosigkeit und wir alle im zentralen Ausschuss wollten verhindern, dass ein kommunistischer Einfluss sich dahingehend auswirkte, dass unsere Aktivitäten sich nur gegen die Politik im westlichen Lager richtete. Entscheidend war für uns alle die Einschätzung, dass östliche Atombomben die gleiche Wirkung haben wie westliche, und dass auf beiden Seiten abgerüstet werden müsse, wenn der Frieden erhalten bleiben soll.

von Billerbeck: Wenn Sie jetzt, 50 Jahre nach dem ersten Ostermarsch sich in diese Zeit zurückversetzen, was ist von diesen Ostermärschen in der Gegenwart geblieben? Also wir hatten ja hier in Brandenburg die Bewegung gegen das sogenannte Bombodrom, gegen den Bombenabwurfplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide, die haben ja auch Osterspaziergänge durchgeführt. Ist das so im Geiste der Ostermärsche oder was ist davon noch übrig?

Konrad Tempel: Aber klar ist das im Geiste. Das bedeutet, dass Menschen nicht darauf warten, dass irgendjemand anders für sie spricht, sondern dass sie selbst die Aufgabe wählen und dann sagen, ich mache es, ganz gleich, wer es mit mir macht. Als eine der Wirkungen haben Politologen festgestellt, dass wir mitgeholfen haben, dass die Bürgerinitiativen sich entwickeln konnten; die Studentenbewegung hat, also die Leute aus der Studentenbewegung haben zuerst bei uns demonstriert und sind dann in die Universitäten zurückgegangen und haben sie dann verändert.

von Billerbeck: Das heißt, Sie haben bei den Ostermärschen bei Ihnen also gelernt?

Konrad Tempel: Ja.

Helga Tempel: Und die ganze Ökologiebewegung gehört ja auch in diese Reihe. Die ist ja nicht denkbar, ohne dass diese Aktionen vorangegangen wären.

Konrad Tempel: Und man sagt in der Literatur, dass wir durch die Wahrnehmung des Demonstrationsrechts in Deutschland, das war damals nicht üblich, und durch eine solche massenhafte Wahrnehmung, dieses Demonstrationsrecht und Recht auf freie Äußerung der freien Meinung gesichert haben. Und eigentlich ist es für uns Menschen heute selbstverständlich, dass man unter Umständen auch für seine Meinung auf die Straße geht.

von Billerbeck: Die Initiatoren der ersten Ostermärsche gegen atomare Aufrüstung in der Bundesrepublik, vor 50 Jahren fanden sie statt. Konrad und Helga Tempel war das. Ganz herzlichen Dank an Sie für das Gespräch!

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Protestbewegung gegen die Atomrüstung

Externe Links:


Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur