Seit 17:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 09.04.2020
 
Seit 17:05 Uhr Tonart

Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 28.05.2007

Ostdeutscher Generationsbruch

Robert Ide: "Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich"

Vorgestellt von Lutz Rathenow

Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (AP)
Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (AP)

In "Geteilte Träume" beschreibt Robert Ide die unterschiedlichen Erfahrungen zweier Generationen mit der Wende und der gesamtdeutschen Zeit. Er vergleicht seine Entwicklung mit der seiner Eltern und resümiert das Auseinanderdriften zweier Erfahrungswelten.

Wer schreibt, der bleibt. Was aber, wenn das bisherige DDR-Leben samt allem Geschriebenen von der Gegenwart grundsätzlich infrage gestellt wird? Da sucht der 1975 in einem kleinen sächsischen Ort geborene Robert Ide nach den richtigen Fragen auf die vielen mürrisch bis hilflos skeptischen Antworten, die er aus seinem Bekanntenkreis, bei Recherchen an Orten der Kindheit, von seiner Lehrerin oder einem schon damals verehrten Sportreporter so hört.

Wenn überhaupt gesprochen wird, gern vermeiden seine Eltern wortreiche Debatten über die neue gesamtdeutsche Zeit. Sie sind enttäuscht, fühlen sich missverstanden vom Westen und Robert Ide versucht in dem Buch "Geteilte Träume" das Auseinanderdriften ihrer und seiner Haltung zum Leben im neuen Deutschland zu erklären, rekonstruiert - um Genauigkeit bemüht - seine eigene Entwicklung.

"Als Berufswunsch gab ich einmal an: Erich Honecker. Seine geschwungene Hornbrille gefiel mir, sein Kampf für den Frieden, dass er Patenschaften für Drillinge übernahm. Wo der 'Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands' hinkam, schmückten sich alle, tanzten, sangen und lachten. Fast hätte der Staat den Kampf um mich gewonnen."

Robert Ide: Geteilte Träume (Luchterhand Literaturverlag)Robert Ide: Geteilte Träume (Luchterhand Literaturverlag)Anschaulich und gekonnt schreibt er über sich und seine Freunde, besonders die geschickt immer wieder in den Text hineinagierende Ilonka, eine Fast-Liebesbeziehung, führt zu anrührenden Momenten literarischer Intensität. Auch sonst zeigt das Puzzle von Beobachtungen, Anekdoten, Interview-Fragmenten, Erinnerungen mit einem abgeklärten Staunen vieles von den Schwierigkeiten jener Generation, die beim Verschwinden der DDR zu jung war, um wirklich ein politisches Bild von diesem Staat haben zu können – von einschneidenden repressiven Erfahrungen ganz zu schweigen. Keine andere Generation ist so anfällig für eine DDR-Produkt-Nostalgie wie diese.

Und in keiner bedeutet sie so wenig. Robert Ide hat Recht, wenn er sagt: "Viele junge Ostdeutsche sind zukunftsorientiert und nostalgisch zugleich." Er zeichnet die Generation der gefühlten Dreißigjährigen treffend und erzählt die verhaltene Erfolgsgeschichte einer Ankunft im neuen Deutschland. Pragmatisch, flexibel, mit wenig Pathos, aber der nötigen Entschlossenheit, sich Möglichkeiten zu schaffen und diese zu nutzen. Anders läuft die Sache bei seinen Eltern, die Mutter verlor ihre Arbeit bei der einzigen ostdeutschen Fluggesellschaft, der Vater musste sich beruflich umorientieren.

"Meine Eltern erzogen mich nicht sozialistisch, nicht kirchlich oder oppositionell, nicht westlich orientiert. Sie versuchten einen eigenen Weg, zwischen all dem und übertrugen mir, damit ich nicht auf dumme Gedanken komme, zahlreiche Aufgaben im Haushalt."

Prägnanter kann man das heimtückische Verhaltensmuster einer versuchten DDR-Anpassung nicht schildern. Denn eine zu sozialistische Erziehung hatte ja oft ungewollte Nebenwirkungen – man nahm Karl Marx zu wörtlich und war schnell im Konflikt mit den DDR-Realitäten. Einerseits hören sie DDR-Rundfunk – im Herkunftsort des Rezensenten galt der, der dieses freiwillig tat als geistig verwirrt – andererseits verbieten sie dem Sohn das Militärlager und versperren ihm damit das Journalistik-Studium. Der Sohn möchte den Entfremdungsprozess zu seinen Eltern in der Gegenwart wegen eben dieser Gegenwart aufhalten. Während er über seine eigenen privaten Zeitungsversuche und seine ersten journalistischen Arbeiten im DDR-Funk erfrischend offen und selbstironisch erzählt, stolpert er neben seinen Eltern vor allem über politische Reflexionen. So stimmt er der These der ostdeutschen Nischengesellschaft zu, um im nächsten Satz von seiner Suche in der Lücken-Gesellschaft zu berichten, ohne den mehr als assoziativen Unterschied zu bemerken. Seine Eltern wollen die Stasi-Akten nicht einsehen, er wird das aus Respekt vor ihnen auch nicht tun. Er grübelt dann mehr rhetorisch über der Frage, warum Diskussionen über die Vergangenheit als Bedrohung empfunden werden. Ja, warum wohl. Weil sie das gewünschte Selbstbild verunsichern. Robert Ide mag es für herzlos halten: die Summe aller Beschreibungen zeigt seine Eltern als Prototyp einer angepassten DDR-Existenz – insofern ist der Titel infrage zu stellen. Träumten die Eltern und andere ähnlich gestellte ihrer Generation wirklich vom Westen? Oder von einigen seiner Produkte und Freiheiten als Ergänzung einer DDR-Existenz? War also die Enttäuschung nicht ganz zwangsläufig und fast unvermeidbar? In anderen osteuropäischen Staaten sind die Generationsbrüche noch härter. Doch nur als ehemalige und heutige Urlaubsziele tauchen Ost- und Südosteuropa auf. Wirtschaftlich gesehen vergleicht Ide sich und seine Eltern mit dem Westen Deutschlands.

Der wird mit grundlegenden Erfahrungsdifferenzen seiner vereinigten Bürger leben müssen, um sich nicht durch Harmoniesucht zu lähmen. Das alles und einiges mehr kann der ostdeutsch wie westdeutsch geprägte Leser aus diesem Buch erfahren. Zum Glück bastelt der Autor nicht an einem Einheitstraum, an dem sich alle zu orientieren haben. Diese Zeiten sind auch für ehemalige DDR-Bürger vorbei und Robert Ide will sie nicht zurück.

Robert Ide: Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich
Luchterhand Literaturverlag, München 2007

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur