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Fazit | Beitrag vom 04.07.2020

Oscar Niemeyers Kugelkantine in LeipzigArchitektur zur Markenbildung

Arnold Bartetzky im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Eine weiße Betonkugel mit Einsätzen aus dunklem Glas überragt Backsteingebäude in Leipzig. (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Der Bau, der an einen aufgespießten Tennisball erinnert, sei nicht sehr raffiniert, sagt der Architekturkritiker Arnold Bartetzky. (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)

Einer der letzten Entwürfe des Stararchitekten Oscar Niemeyer wurde nun in Leipzig realisiert: eine Werkskantine, die an einen schwebenden Tennisball erinnert. Architektonisch wenig überzeugend, meint der Architekturkritiker Arnold Bartetzky.

Vor acht Jahren starb Oscar Niemeyer, einer der berühmtesten Architekten des 20. Jahrhunderts. Über die Dauer von sieben Jahrzehnten, quasi bis zu seinem letzten Atemzug, entwarf er mehr oder weniger spektakuläre Bauten.

Eines seiner letzten Projekte ist nun in Leipzig fertiggestellt worden – die sogenannte "Niemeyer Sphere", in Auftrag gegeben von einem lokalen Maschinenbauunternehmen. Dabei handelt es sich um eine Art schwebende Kugel, in der sich die Werkskantine befindet. Der Bau ist ein Fremdkörper in der historischen Backsteinumgebung. 

Niemeyer hat vermutlich nur eine Zeichnung angefertigt

"Ich würde sagen, das Ergebnis ist eben nicht besonders subtil, aber für den Zweck reicht es allemal. Denn das ist ja in erster Linie eigentlich eine Marketingarchitektur. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu gewinnen, Events für Kunden und Geschäftspartner zu veranstalten und auf diese Weise auch die Kundenbindung zu stärken", sagt der Architekturkritiker Arnold Bartetzky.

Er vermutet, "dass Niemeyer einfach eine Zeichnung angefertigt hat, und die Planung dann in den Händen seines Büroleiters lag - in Zusammenarbeit mit einem Leipziger Partner". Zudem habe der Stararchitekt seit den 70er-Jahren ein bisschen nachgelassen, sagt Bartetzky.

Eine Betonkugel von zwölf Metern Durchmesser mit Einsätzen aus dunklem Glas in Backsteinumgebung. (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)Arnold Bartetzky sieht hier einen speziellen Bilbao-Effekt: Nicht der Stadtteil wird durch die "Niemeyer Sphere" aufgewertet, sondern das beauftragende Unternehmen. (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Geplant sei eigentlich eine schwebende, gläserne und vor allem luftige Kugel gewesen, "aber luftig wirkt das Ganze überhaupt nicht - schon deswegen, weil das Glas ja annähernd schwarz ist", um den Raum durch die Sonneneinstrahlung nicht zu überhitzen, erklärt Bartetzky.

Markenbindung statt Stadtentwicklung

Städtebaulich sei der Kugelbau außerdem überflüssig, sagt Bartetzky. Von einem Bilbao-Effekt - damit ist die gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten gemeint - könne man nur in Bezug auf das Unternehmen sprechen: "Architektur dient ja längst nicht mehr der Stadtentwicklung und der Befriedigung von Bedürfnissen der Bevölkerung, sondern zunehmend auch der Markenbildung und der Werbung von Industrieunternehmen."

Dass nach BMW in München und VW in Wolfsburg nun ein Bauunternehmen in Leipzig mit einem solchen Starbau nachziehe, zeige einen breiteren Trend, der noch anhalten werde, ist sich Arnold Bartetzky sicher.

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