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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 09.10.2016

Opioid-Krise in den USASchmerzmittel als Einstiegsdroge

Von Nora Sobich

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Ein Mann in einem Vorort von Boston. (Deutschlandradio / Nora Sobich)
Ein Mann in einem Vorort von Boston. (Deutschlandradio / Nora Sobich)

Von der Pharmaindustrie als Schmerzmittel gepushte Opioide sind in den USA über missbräuchliche Verschreibungspraktiken zur Einstiegsdroge für Heroin geworden. Betroffen sind nicht die urbanen Ballungszentren, sondern Kleinstädte und Vororte.

In Gloucester weht eine frische Brise vom Atlantik. Möwen kreischen. Die Kleinstadt, bis Ende der 70er-Jahre ein Zentrum der neuenglischen Fischindustrie, sieht mit ihren historischen Holzhäusern schnuckelig aus. Nicht nach hartem Stoff. Irgendwie scheint aber jeder betroffen. Egal mit wem man spricht.

Eine junge Frau in Badeschlappen, mit ihrem dreijährigen Sohn im Buggy, sagt zur Krise nur einen einzigen Satz:

"Alle meine Freunde sterben."

Hundertmal stärker als Morphium

Die Opioid-Krise verschlingt das Land, sagt ein Trödelhändler. Von legal verschriebenen Schmerzmitteln würden immer mehr auf Heroin gehen, weil es ähnlich wirkt, aber deutlich billiger ist. Und eine junge Frau, die zuhört, nickt:

"It’s no quality control you don’t know what you are getting. You know quantity and quality. What it is cut with. How much is actually in it. They are cutting it with fentanyl. That is like a hundred times stronger than morphine. It’s crazy."

Heroin nennt sie verteufelt billig. Keiner wüsste allerdings mehr, was drin ist; vor allem mit Fentanyl werde es gestreckt. Das potente synthetische Schmerzmittel, das hundertmal stärker als Morphium wirkt, hat die Zahl der Überdosis-Opfer dramatisch ansteigen lassen. Viele wissen nicht, was sie einnehmen. Es ist wie russisches Roulette.

In dem Atlantikstädtchen scheint sich alles nur noch um Drogen zu drehen, als wäre es eine Art Klinikareal für Betroffene. Und Gloucester ist keine Ausnahme. Überall in Amerika brechen Sozialsozialstrukturen ein, zerstört die Krise Leben.

400 Fälle in zwölf Monaten

Leonardo Campanello, Gloucesters Police Chief, ist einer der Couragierten im Sturm. Gloucesters Polizeistation hat als erste im Land vor einem Jahr den Kurs gewechselt. Jedem, der sich auf der Wache meldet und sein Drogen-Besteck abgibt, wird Hilfe angeboten, ein Therapieplatz vermittelt. An denen fehlt es in Amerika vorn und hinten.

Leonard Campanello (Gloucester Police Department  )Leonard Campanello (Gloucester Police Department )

Das sogenannte "Angel Program" konnte allein in den ersten zwölf Monaten mehr als 400 Menschen helfen. Für eine Kleinstadt klingt die Zahl ungeheuerlich. Mittlerweile folgen dem Beispiel überall in Amerika Polizeistationen.

"Sechzig Jahre haben wir in diesem Land einen Krieg gegen Drogen geführt, und den haben wir erbärmlich verloren. Heute haben wir mehr Süchtige denn je. Wir haben mehr Menschen, die sterben, mehr Heroin auf den Straßen und es ist billiger als je zuvor."

Den Begriff "Junkie" hat Campanello in seinem Department untersagt. Sucht sei eine Krankheit, kein Verbrechen. Für den Polizeichef ist die Krise allen voran eine des amerikanischen Gesundheitssystems.

"Unsere Nation hat fünf Prozent der Weltbevölkerung und wir konsumieren 85 Prozent der weltweit produzierten Schmerzmittel."

Diesen gewaltigen Satz lässt Campanello einige Sekunden stehen. Bevor er fortfährt:

Die Leistungsvergütung amerikanischer Ärzte belohne die, die ihre Patienten möglichst schnell völlig schmerzfrei bekommen. Die "FDA", Amerikas Arzneimittelbehörde, hat jahrelang bloß zugeschaut, sponsert zwar TV-Spots, die vor Zigarettenkonsum warnen, meint Campanello, aber bei Opioiden wurden Warnhinweise zu Risiko und Suchtpotential gänzlich verpasst.

Auch Prince starb an einer Schmerzmittel-Überdosis

Noch 2012, als die Alarmglocken schon nicht mehr zu überhören waren, wurde durchschnittlich jedem Amerikaner eine ganze Flasche der so genannten Oxys verschrieben, Schmerzmittel, die Oxycodon oder Hydrocodon enthalten. Bei jedem Achten endet das in Abhängigkeit. Von 1999 bis 2014 starben in Amerika über 165.000 Menschen allein an einer Schmerzmittel-Überdosis. Zu den prominentesten Opfern gehört "Prince".

Eine die schon seit Jahren die rote Fahne schwenkt und gewarnt hat, ist Joanne Peterson. Vor allem Eltern suchen bei ihr Hilfe: wenn die eigenen Kinder abhängig werden. Die von Peterson 2004 gegründete Selbsthilfeorganisation "Learn to cope", die größte in Massachusetts, ist überall im Bundesstaat vertreten.

Um Geld und Gier geht es. Wie ernst sie das meint, ist ihr anzusehen. Die Beerdigungen, denen sie in den letzten zehn Jahren beigewohnt hat, kann sie kaum mehr zählen. Zwischen Papierstapeln und Boxen steht in ihrem Büro eine mit Fotoporträts beklebte Pinnwand - Gesichter junger Menschen.

"Das sind nur die Bilder der letzten Monate. Ich habe eine ganze Box mit Bildern der vergangen Jahre. Ich könnte mit ihnen das gesamte Büro tapezieren. Es macht einen krank. Mit Oxycontin hat alles begonnen. Es gab immer Heroin, aber das hat es in die Höhe katapultiert. Menschen probieren Heroin, die das nie für möglich gehalten hätten."

Joanne Peterson bei einer Rede vor dem Capitol. (Learn to cope )Joanne Peterson bei einer Rede vor dem Capitol. (Learn to cope )

Das Opioid Oxycontin lancierte 1996 der Konzern "Purdue Pharma", basierend auf inzwischen als unseriös widerlegten wissenschaftlichen Gutachten, die selbst einen Langzeitkonsum des Schmerzmittels als nicht suchtgefährdend benannten.

Eine Pille spielte 30 Milliarden Dollar ein

Oxycontin, dessen Wirkung sich zerkrümelt potenziert, und sich spritzen lässt wie Heroin, wurde zur Blockbuster-Droge. Über 30 Milliarden Dollar soll die Pille eingespielt haben.

Blut-Geld, sagt Peterson. Sie war eine der 19 Mütter, die 2007 aussagen konnten, als "Purdue Pharma" schließlich, nach unzähligen Klageversuchen, wegen irrenführend falschen Marketings angeklagt wurde und sich schuldig bekannte.

Auch Peterson sitzt jetzt, wo die Opioid-Krise auf die politischen Agenden gerückt ist, in vielen Ausschüssen, berät Politiker, vermittelt, gibt Einblick. Einerseits ist sie erleichtert, dass endlich etwas passiert, anderseits kann sie ihre Wut kaum unterdrücken.

"Wie viele Jahre hat es gebraucht, dass ein Präsident überhaupt das Wort Opioid-Krise in den Mund nimmt? Ich habe mein gesamtes Leben, seit 2002, dieser Katastrophe gewidmet. Es hat, ganz ehrlich gesagt, die Dynamik meiner ganzen Familie verändert. Auch meine jüngeren Kinder sind betroffen. Mein ältester Sohn hat überlebt und ihm geht es gut. Dafür bin ich dankbar. Aber es macht mich wütend, dass es so lange gedauert hat."

Keiner wird die vielen Opfer zurückbringen. Und noch immer lässt Amerikas Arzneimittelbehörde neue, umstrittene Schmerzmittel zu, selbst für Kinder.

Auch beim Entzug von Oxys und Heroin dominieren in Amerika, so Peterson nachdenklich, jetzt wieder Pharmamittel und auch hier häufen sich bereits Missbrauchs- und Korruptionsfälle. Als sollte der Horror nie aufhören, immer weitergehen.

Das Manuskript zur Sendung im PDF-Format oder im barrierefreien Textformat.

Autorin Nora Sobich (Nora Sobich / privat)Autorin Nora Sobich (Nora Sobich / privat)"In Amerika sterben so viele Menschen an einer Überdosis wie nie zuvor. Wie sich eine so unfassbare Tragödie überhaupt hat zusammenbrauen können, das wollte ich wissen, die Menschen hören, deren Leben sie zerstört."

(mcz)

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