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Länderreport | Beitrag vom 20.11.2019

Opfer der "Baseballschlägerjahre" über rechte Gewalt"Wir hatten Angst um unser Leben"

Von Thilo Schmidt

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Rechte Demonstranten schreien Gegendemonstranten in Chemnitz 2018 an, einen Tag nachdem ein Mann in der Innenstadt erstochen wurde. (Getty/Sean Gallup)
Bei vielen Opfern von Gewalt wecken Demonstrationen wie diese in Chemnitz im Sommer 2018 traumatische Erinnerungen an die "Baseballschlägerjahre" nach der Wende. (Getty/Sean Gallup)

Kurz nach dem Mauerfall begann das, was heute als "Baseballschlägerjahre" in düsterer Erinnerung ist: Vor allem im Osten Deutschlands gab es brutale Übergriffe von Neonazis auf Andersdenkende. Noch immer leiden die Opfer unter den Folgen.

Der Straßenterror ist weitgehend vorbei, die Schläger von einst sind erwachsen. Heute, sagt Rechtsextremismus-Experte Gideon Botsch, tragen und gestalten genau diese Leute die AfD mit. Und das umso mehr, je mehr sich die AfD radikalisiere. Die Radikalen sind professioneller geworden.

Rückblick: In Ostdeutschland griffen Neonazis und rechtsgerichtete Jugendliche Andersdenkende an, mit Fäusten, Baseballschlägern oder scharfen Waffen. Jeden Tag, überall. Schwerste Verletzungen waren Alltag.

"Wir wussten irgendwie, ab um zehn kommen die und versuchen, sich ein paar Leute von der Straße zu holen, zu kaschen und zusammenzuschlagen."

Der Dresdner Marian Schönfeld erinnert sich an die 90er Jahre in seiner Heimatstadt: "Also ich hatte einige Freunde, die schwere Verletzungen davongetragen haben, ins Krankenhaus mussten. Und den einen Tag, an dem ich drinsaß, im Szenecafé Bronx, mit Freunden, wir waren damals zum größten Teil Punks, beziehungsweise alternative Jugendliche, wurde scharf geschossen. Also es wurde auf die Fensterläden geschossen, da sind auch ein paar Durchschüsse durch die Scheibe gegangen, und wir waren so überrascht, dass wir da auch einen längeren Zeitraum nicht mehr hingegangen sind, weil wir Angst hatten um unser Leben."

Rechtsfreie Räume für Neonazis

Die Öffentlichkeit nahm höchstens davon Notiz, wenn es Tote gab – und oft nicht einmal dann. Neonazis und rechtsgerichtete Jugendliche schufen rechtsfreie Räume. Und erfuhren: Ihrer Gewalt hatte keine Konsequenzen.

Der Magdeburger David Begrich berichtet: "Das betraf nicht nur Leute, die linksalternativ aussahen oder sich artikulierten, das betraf auch sowas wie das Jugendclubzentrum am Hasselbachplatz. Das war ein ganz etablierter Kulturschuppen, wo nachts um eins, wenn da die Veranstaltung zu Ende war, plötzlich eine Gruppe Neonazis vor der Tür stand und irgendwie meinte, dem Clubleiter auf die Fresse hauen zu müssen. Das war auch in Magdeburg damals Alltag. Jedes einzelne Wochenende Alltag."

Übergriffe auf Ausländer und Brandanschläge

David Begrich leitet die Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Vereins "Miteinander" in Magdeburg. In Magdeburg töteten Neonazis 1992 den Punker Torsten Lamprecht, 1997 wurde Frank Böttcher, ebenfalls Punker, mit Stiefeltritten und Messerstichen ermordet. Es gab Übergriffe auf Ausländer, Brandanschläge und rechtsextreme Ausschreitungen. Alles nur die sichtbarsten Schemen der Magdeburger "Baseballschlägerjahre".

"Wir haben versucht, konsequent Situationen der Konfrontation mit Neonazis aus dem Weg zu gehen. Ich bin in dieser Zeit nie mit der Straßenbahn gefahren, sondern immer mit dem Fahrrad. Das war die eine Konsequenz, und die andere Konsequenz war, dass wir immer nach Wegen gesucht haben, andere darauf aufmerksam zu machen, dass das unhaltbare Zustände sind, wenn zugegebenermaßen eine Minderheit den Eindruck hat, sie kann sich nicht mehr frei bewegen."

Eine verletzte Frau auf einer rechten Demonstration in Chemnitz wird am blutenden Kopf von einem Polizisten verbunden. (Getty/Sean Gallup)Verletzte Frau auf einer Demonstration in Chemnitz 2018: Solche Szenen gab es auch während der "Baseballschlägerjahre". (Getty/Sean Gallup)
Schon Anfang des Jahres 1990 berichten Zeitzeugen von brutalen Übergriffen. Anke Sieber war gerade von Eisenhüttenstadt nach Frankfurt (Oder) gezogen, kandidierte für die erste frei zu wählende Volkskammer – für die "Vereinigte Linke", die gegen den Beitritt zur Bundesrepublik und für eine reformierte DDR war. Mit Gleichgesinnten besetzte sie eine leerstehende Schlachterei, als Kultur- und Wohnprojekt. Wenn die Bewohner abends feststellten, dass einer der ihren fehlte, machten sie sich in der Stadt auf die Suche.

Der Gewalt aus dem Weg zu gehen war unmöglich

"Wir haben die gesucht, und die lagen dann irgendwo zusammengeschlagen rum, wir haben sie ins Krankenhaus gebracht, haben sie begleitet, versorgt, unterstützt, haben gezählt, sind denn noch alle da … das war schon eine krasse Zeit, ja."

Die Schmerzen, die ein Schlag mit einem Baseballschläger ins Gesicht verursacht, kann man nicht beschreiben, wenn man sie nicht selbst erfahren hat, sagt Anke. Der Gewalt aus dem Weg zu gehen war unmöglich, weil sie überall präsent war, selbst zu Hause, in der besetzten Schlachterei.

"Wir haben tatsächlich so viele Überfälle gehabt, wo Menschen reingekommen sind, manchmal klar wahrzunehmende Nazis, aber manchmal auch ganz normale Menschen, die uns vermöbeln wollten und uns auf den Weg bringen wollten. Und deswegen haben wir unten die ganzen Türen vernagelt. Und sind nur noch über Leitern rein, die wir dann hochgezogen haben, um uns zu schützen."

Alle, die dagegen waren, mundtot machen

Anke Sieber erzählt, dass die Gewalt keineswegs nur von rechtsgerichteten Jugendlichen und Neonazis ausging. Die Motive lagen offenbar auch in ihrer Kandidatur für die Volkskammer und ihrem Engagement gegen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

"Das waren einfach Menschen, die ausgeführt haben, was die meisten gedacht haben, nämlich: Alle, die dagegen waren, gegen diese Wiedervereinigung, mundtot zu machen. Ich hatte eine Veranstaltung vor einem Hotel, ich hab vor dem Hotel gestanden, vor einem Mikrofon, und danach hab ich eine mit der Faust auf die Fresse gekriegt. Weil ich Gesocks bin. Und mich verpissen sollte."

Verletzte, die wochenlang im Krankenhaus lagen

Bis heute, sagt Anke, kann sie nicht verstehen, warum sie von der eigenen Bevölkerung verprügelt wurde. Und das es dazu keine Presse gab, niemand darüber berichtet hat. Bis heute meidet sie jene Orte, an denen sie und ihre Gefährten angegriffen wurden. Ähnlich geht es vielen, die die "Baseballschlägerjahre" an der eigenen Haut gespürt haben. Denn, sagt Anke Sieber, auch in Frankfurt (Oder) hätte es Tote geben können.

"Auf jeden Fall. Hätte es. Und da bin ich wirklich froh, wir haben niemanden tot bergen müssen. Aber wir hatten wirklich Menschen, die wochenlang im Krankenhaus lagen. Weil sie durch die Baseballschläger ziemlich schwer verletzt waren. Ja."

Anke Sieber hat eine alte Kladde mitgebracht, darin vergilbte Zeitungsartikel aus jener Zeit. Von den Übergriffen, von den Schwerstverletzten, findet sich kein Artikel. Nur in einem Ausriss sind die Beschimpfungen dokumentiert, die damals durch die Straßen hallten: "Euch sollte man alle mit Benzin übergießen und anzünden", steht da – Anke Sieber hat es selbst geschrieben, in einem Leserbrief. Später, als das Mikrofon aus ist, sagt sie noch, dass das schon ähnlich wie heute gewesen sei: Aus Worten wurde Gewalt. Nur, dass sich Worte und Gewalt professionalisiert haben: Aus Straßenterror sind Terrorzellen geworden und aus Worten Hass und Hetze in digitalen Botschaften.

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