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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.03.2016

Opernkritik: "Tristan und Isolde"Wie in einem Hopper-Gemälde

von Bernhard Doppler

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 Erin Caves (Tristan), Katharine Tier (Brangäne), Heidi Melton (Isolde) in der Inszenierung von "Tristan und Isolde" am Staatstheater Karlsruhe, Regie: Christopher Alden (Falk von Traubenberg/Badisches Staatstheater Karlsruhe)
Szenenfoto aus "Tristan und Isolde" mit den Sängern Erin Caves (Tristan), Katharine Tier (Brangäne), Heidi Melton (Isolde). (Falk von Traubenberg/Badisches Staatstheater Karlsruhe)

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe feierte "Tristan und Isolde" Premiere. Musikalisch braucht sich diese Inszenierung nicht hinter einer früheren Aufführung mit den Berliner Philharmonikern zu verstecken, meint unser Kritiker. Die Sänger überzeugen nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch.

Um Ostern 2016 hatte Richard Wagners "Tristan und Isolde" gleich an vier Häusern Premiere, nach der Aufführung im Baden-Badener Festspielhaus mit den Berliner Philharmonikern, nur wenige Kilometer nördlich davon gleich wieder nun in Karlsruhe,  und in den nächsten zwei Wochen werden Neuinszenierungen in kleineren Häusern,  in Landshaut und Kaiserslautern, folgen.

In der  Karlsruher Inszenierung ist Wagners  Oper (1865 uraufgeführt) szenisch  ins 20. Jahrhundert nach vorne und doch gleichzeitig auch in die historische Distanz gerückt: Die großen tiefen musikalischen Gefühle und Erschütterungen, die Wagners Musik auslösen kann, erscheinen als Sehnsucht nach einem vergangenen Klang, einer alten Schellack.

Mondäner Look

Regisseur Christopher Alden und sein Bühnenbildner Paul Steinberg haben einen hellen Einheits- Theaterraum geschaffen: eine Art mondäner Lobby mit vier  Sofas und vielen Lehnstühlen im Stil der  der späten 30er oder frühen 40er Jahre.  An einer der runden weißen Wände, die, wie öfter in der Architektur jener Zeit, Schiffsräume zitieren, kann man auch einen kleinen alten Elektroschalter entdecken,  um Licht und Dunkel einzuschalten: ein zentrales Motiv der Oper.

Ambitionierte US-Theaterregisseure wie Christopher Alden erzählen und interpretieren weniger die Handlung, sondern verleihen dem Werk vor allem Atmosphäre und verpassen ihm ein Design.  Bei den Männern, die sich in dieser Lounge aufhalten,  alle im Anzug, oft mit  Hüten,  oft rauchend, ist man an die Thresenbilder des amerikanischen Malers Dennis Hopper erinnert oder auch an den Film noir der 40er Jahre. Oft sind diese Männer zu einer Pose erstarrt und blicken, wie auch das Liebespaar, ins  Weite oder schleichen in Zeitlupe durchs Bild.

Das Konzept geht auf

Das Konzept funktioniert deshalb,  weil die Karlsruher Sänger ihre ungemein anspruchsvollen Partien nicht nur sängerisch, sondern darstellerisch eindrucksvoll vorführen: Renatus Meszar  als König Markus, zigarettenrauchend überlegend, was er nun vom treulos treuen Tristan halten soll.  Katarine Tier und Seung Gi  Jung als Brangäne und Kurnewal, Vertraute, die mit der Liebesphilophie Isoldes wenig anfangen können. Die, obwohl im letzten Akt traumatisert, bleibtz in sich ruhend und selbstbewusst.

Ob Isolde sich am Ende  mit der Waffe, die ihr Melot zugespielt hat, wirklich umbringt, bleibt offen. Die gewaltige Partie stemmt Heidi Melton mühelos. Besonders bewunderswert aber ist Erin Caves, der als Tristan mit tenoralem Feuer zwischen zarten Lyrismen und gewaltigen Ausbrüchen wechseln kann – und das stundenlang!  

Zu Recht gefeiert: das Orchester

Mit Recht gefeiert wurde das Orchester,  das fast genauso präzise wie die Berliner Philharmoniker,  die man ja kurz zuvor hören konnte, wirkte. Das Orchester unter Generalmusikdirektor Justin Brown kitzelte weniger die Vorwegnahme der Moderne  der vorletzten Jahrhundertwende aus der Musik, sondern bot -  eigentlich noch interessanter:  großes oft aufwühlendes, an Spannung nicht nachlassendes Musiktheater, den Nachhall eines alten Sehnsuchtsklanges.

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