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Fazit | Beitrag vom 13.06.2020

Opernfilm "Der Mordfall Halit Yozgat"Den ungeklärten Fragen auf der Spur

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Videostill aus dem Dokumentarfilm "77sqm_9:26min". (Forensic Architecture, 2017)
Die Oper „Mordfall Halit Yozgat“ basiert auf den Rechercheergebnissen der Gruppe "Forensic Architecture" und orientiert sich daran. (Forensic Architecture, 2017)

Der NSU-Mord an Halit Yozgat vor 14 Jahren ist bis heute ungeklärt. Der australische Komponist Ben Frost widmete den vielen offenen Fragen eine Oper. Weil sie wegen Corona nicht vor Publikum gespielt werden kann, ist begleitend ein Film entstanden.

Mit zwei Kopfschüssen wurde Halit Yozgat am 6. April 2006 vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in seinem Kasseler Internetcafé ermordet. Er wurde nur 21 Jahre alt. Bis heute wirft dieser Fall viele Fragen auf. Die drängendste: Was wusste der Verfassungsschützer Andreas Temme, der zur Tatzeit am Tatort war? Temme will vom Mord nichts bemerkt haben, wie er immer wieder beteuert. Die Akten des Verfassungsschutzes, die Licht ins Dunkel bringen könnten, sind für Jahrzehnte gesperrt, anfangs sogar für 120 Jahre.

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Die in London ansässige Kunst- und Rechercheagentur "Forensic Architecture" hatte sich des Falles angenommen und Zeugenaussagen, den Tatort und Polizeiakten analysiert - alles, was öffentlich zugänglich war. Ihre Ergebnisse stellte das Kollektiv dann in Form einer Simulation auf der documenta 14  im Jahr 2017 in Kassel aus. Daraus entstand der Dokumentarfilm "77sqm_9:26min".

Der Film zur Oper 

Aus diesem Stoff hat nun der australische Komponist Ben Frost die Oper "Der Mordfall Halit Yozgat" entwickelt. In Auftrag gegeben wurde sie von der Staatsoper und dem Staatsschauspiel Hannover in Zusammenarbeit mit dem Holland Festival. Die Uraufführung war für den 17. April geplant, doch daraus wurde nichts. 

Weil die Produktion wegen Covid-19 zur Zeit nicht vor Publikum gezeigt werden kann, drehte der Dokumentarfilmer Richard Mosse einen 90-minütigen Film mit dokumentarischen Elementen aus der Probenzeit. Er hatte jetzt auf der Webseite des Theaters online Premiere.  

Assoziationen im Labor

Frost steige da in den Mordfall ein, wo die Gruppe "Forensic Architecture" aufgehört habe, sagt unser Opernkritiker Jörn Florian Fuchs. Das Kollektiv habe auf künstlerische Art und Weise versucht, im Stile eines erweiterten Dokumentartheaters bestimmte Verwicklungen politischer Art zu recherchieren und gleichsam forensisch aufzuschlüsseln.

Die Oper "muss man sich so vorstellen, dass wir verschiedene Perspektiven bekommen auf diese Geschichte, wie es hätte sein können, was einzelne Protagonisten vielleicht gedacht haben", sagt Fuchs. Insofern sei sie einerseits assoziativ und andererseits eine Laborsituation. Es werde untersucht, was da wirklich passiert sei. Zwischen diesen beiden Polen bewege sich dieser gut zweistündige Abend. 

Pulsierender Bilderfluss

"Es gibt dann immer die zwei Schüsse, und dann beginnt gleichsam ein neuer Durchlauf mit einer etwas anderen Perspektive, die Kamera bewegt sich ununterbrochen", sagt Fuchs. "Wir haben einen wirklichen Bilderfluss. Die Musik von Frost ist ganz eng, minimalistisch manchmal, dann ist sie ins Geräuschhafte gehend, ist aber auch ständig pulsierend."

Interessant sei, dass es keinen Schluss gebe. "Das ist natürlich vollkommen klar, denn die Sache ist ja zum Himmel schreiend buchstäblich", sagt Fuchs. Die Rolle des Verfassungsschützers und die ungewöhnlich lange Sperrzeit der Akten seien die großen Fragezeichen, die an diesem Abend reflektiert würden. Ein sehr intelligenter Abend "mit mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen", lautet das Fazit unseres Kritikers.

(ckr)

Der Opernfilm "Der Mordfall Halit Yozgat. Eine Oper unter Quarantäne" wird am Montag, 15. Juni 2020 um 20:30 Uhr ein zweites Mal auf staatstheater-hannover.de gestreamt und ist bis zum Folgetag um 8.30 Uhr verfügbar.

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