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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.08.2015

"Operationsgebiet Schweiz" von Ricardo TarliWie sich die Eidgenossen in Stasi-Geschäfte verstrickten

Von Arkadiusz Luba

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Die Geschäftsliegenschaft Via Generale 16 Lugano-Paradiso - das Domizil der DDR-Außenhandelsfirma Intrac S. A. und Treffpunkt ostdeutscher Kaufleute und Stasi-Agenten. (Ricardo Tarli)
Die Geschäftsliegenschaft Via Generale 16 Lugano-Paradiso - das Domizil der DDR-Außenhandelsfirma Intrac S. A. und Treffpunkt ostdeutscher Kaufleute und Stasi-Agenten. (Ricardo Tarli)

Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist nicht auf Deutschland beschränkt. Der Autor Ricardo Tarli beschreibt in "Operationsgebiet Schweiz" die Verstrickungen seines Heimatlandes mit der Stasi. Wenn es um Geschäfte ging, agierte die Schweiz nicht immer anti-kommunistisch.

Dieses Buch beginnt wie ein guter Krimi:

"An einem Sonntag im April 1987 machte die Hamburger Polizei einen grausigen Fund: In einer Wohnung an der Fuhlsbüttler Straße fanden Polizeibeamte in einer Abstellkammer eine männliche Leiche, verschnürt in einer Plastikplane. [...] Der Hamburger Unternehmer [...] war erschossen worden."

So lernen wir den ersten Protagonisten kennen. Und wie so oft in Krimis, verweist er auf viele Spuren. Der Ermordete war nämlich der "langjährige Geschäftsführer der Speditionsfirma Richard Ihle GmbH"; und diese wiederum eine Tarnfirma der DDR, im Dienste des Ende Juni verstorbenen früheren Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski. Der ehemalige SED-Politiker und Wirtschaftsfunktionär war bis zum Fall der Mauer Leiter des Bereichs für Kommerzielle Koordinierung – kurz KoKo – im Ministerium für Außenhandel.

Schweizer Ämter leisteten nur wenig Widerstand

Ricardo Tarli: Operationsgebiet Schweiz. Die dunklen Geschäfte der Stasi. Verlag: Orell Füssli - Buchcover (Buchcover / Orell Füssli Verlag)"Operationsgebiet Schweiz" von Ricardo Tarli (Buchcover / Orell Füssli Verlag)"Das war eine Abteilung gesteuert und kontrolliert vom Ministerium für Staatssicherheit. Ich beschreibe die KoKo so, dass sie eigentlich der verlängerte ökonomische Arm der Stasi war. Die Aufgaben der KoKo waren eine breite Palette von den mafiösen Machenschaften, eine breite Palette von wirtschaftskriminellen Aktivitäten",

erklärt Ricardo Tarli. Dazu gehörten der Technologieschmuggel, Scheinexporte, illegale Devisen- und Embargogüterbeschaffung, Steuerhinterziehung, illegale Parteienfinanzierung, Antiquitäten- und Kunstenteignung und -handel. Von Tessin bis nach Sankt Gallen, von Bern über Zürich in den Zermatt – das Netz der DDR-Tarnfirmen und deren Schweizer Kollaborateure war dicht ausgebaut. Es reichte weit über das Alpenland hinaus, nach Westdeutschland, Österreich, Frankreich, Italien, in die USA und nach Japan.

Überraschenderweise leisteten die Schweizer Ämter nur wenig Widerstand. Seit ihrer Gründung im Jahre 1966 bis 1989 erwirtschaftete die KoKo umgerechnet schätzungsweise knapp 14 Milliarden Euro. All das sollte helfen, die marode DDR-Wirtschaft vor dem Untergang zu bewahren, meint Tarli:

"Das Problem war, dass halt die Wirtschaft hinterher hinkte, um mehrere Jahre, und die DDR war bemüht, eine eigene Industrie aufzubauen, damit sie nicht abhängig war vom Westen.  Meine These ist ja, dass ohne die Hilfe der Schweiz diese Geschäfte nicht in diesem Umfang hätten abgewickelt werden können. Aus Schweizer Perspektive finde ich es eben sehr erstaunlich, weil die Schweiz sich während des kalten Krieges quasi als Bollwerk des Antikommunismus' verstand, und hinter den Kulissen liefen dann solche Geschäfte in einem sehr großem Umfang ab."

Rund 10.000 Aktenblätter gesichtet

Der studierte Historiker und Journalist recherchierte gründlich die umfangreichen Berichte des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages zum Bereich Kommerzielle Koordinierung. Akribisch sichtete er die bis jetzt unveröffentlichten Staatsschutzakten aus dem Schweizerischen Bundesarchiv Bern sowie die Akten der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Dazu kam der Bericht der früheren deutschen Bundestagsabgeordneten Ingrid Köppe, die aus Akten des deutschen Bundesnachrichtendienstes zitierte. Insgesamt rund 10.000 Blatt Papier. Gab es besondere Entdeckungen bei der Recherche?

"Dass der schweizerische Staatsschutz ja relativ früh, relativ detailliert über diese Geschäfte im Bilde war! Das war überhaupt nicht bekannt und das hat mich doch ziemlich überrascht, wenn man eben auch guckt, dass die schweizerischen Behörden, in meinen Augen, relativ tatenlos gegenüber diesen Geschäften eingestellt waren, diese geduldet oder vielleicht sogar toleriert haben."

Nicht zum ersten Mal. Die Schweiz handelte schon gegenüber dem Dritten Reich fragwürdig. Mit dem Buch "Das Boot ist voll" enthüllte nämlich Alfred Häsler 1967, wie die Behörden die Grenze für "Flüchtlinge aus Rassengründen" schlossen, obwohl man bereits über die gezielte Vernichtung der Juden wusste. Werner Rings beschäftigte sich in seinen Zeitungs- und Fernsehserien vor dreißig Jahren mit dem offiziellen Handel mit deutschem Raubgold. Und die Notenbank veröffentlichte 1985 den Bericht über den "Goldverkehr der Schweizerischen Nationalbank mit der Deutschen Reichsbank" im zweiten Weltkrieg.

Hunderttausende Schweizer sind geheimdienstlich registriert

Ricardo Tarli hat ein bedrückendes Buch über Geldwäscherei, Wirtschaftsspionage und Waffenhandel geschrieben und somit ein weiteres wichtiges Kapitel aufgeschlagen, den Mythos Schweiz zu entzaubern. Er stellt sich damit in eine Reihe mit seinen mutigen Vorgängern. Die Berner Bundespolizei hatte allerdings schon in den 80er-Jahren 700.000 solche kritische Schweizer geheimdienstlich registriert. Ob Ähnliches Tarli drohe?

"Möglich! Ich weiß es nicht! Aber was klar ist, dass die Personen, die ich namentlich erwähne, dass es doch unangenehme Geschichten sind. Es ist relativ schwierig, mit diesen Personen darüber zu sprechen. Was ich schade finde eben, dass man heute, auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, nicht offener über dieses Thema sprechen kann. Ich bin der Meinung, dass es sehr wichtig ist, zu diesem Thema unangenehme Fragen zu stellen, um der Wahrheit ein Stück weiter näherzukommen."

Wie viele Leichen hat die Schweiz noch im Keller? – Ricardo Tarli zeigt faktenreich, wie eng die Verbindung zwischen Schweizer Unternehmern, Bankern und Politikern mit dem Geheimdienst der DDR war, und dass die Schweiz in einigen Bereichen von der ostdeutschen Diktatur profitierte. Eine spannende, lehrreiche Lektüre!

Ricardo Tarli: Operationsgebiet Schweiz. Die dunklen Geschäfte der Stasi
Orell Füssli, Zürich 2015
256 Seiten, 26,90 Euro
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