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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.09.2016

Oper WuppertalZwischen Horrorcomic und Künstlerdrama

Von Stefan Keim

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Der neue Intendant der Oper Wuppertal, Berthold Schneider, posiert am 07.09.2016 im Opernhaus in Wuppertal. (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Der neue Intendant der Oper Wuppertal, Berthold Schneider, posiert im Opernhaus in Wuppertal. (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)

Nach zwei Jahren hat die Oper Wuppertal endlich wieder ein eigenes Ensemble: Gleich vier international erfolgreiche Regisseure inszenieren zum Start des neuen Intendanten Berthold Schneider die Oper "Hoffmanns Erzählungen".

Zwei Jahre lang hatte die Oper Wuppertal kein eigenes Ensemble. Das Theater stand oft wochenlang leer und rutschte in die künstlerische Bedeutungslosigkeit. Nun führt der neue Intendant Berthold Schneider wieder Stadttheater-Strukturen in Wuppertal ein.

"Hoffmanns Erzählungen" in Wuppertal – das ist eine Aufführung mit sehr unterschiedlichen Impulsen. Vier Regisseure sind am Werk, alle inszenieren sonst an den großen Musiktheatern der Welt. Sie sind mit Wuppertals neuem Intendanten Berthold Schneider befreundet und arbeiten für einen Bruchteil ihrer normalen Gagen.

Die Oper besteht aus drei in sich abgeschlossenen Geschichten und einer Rahmenhandlung, deshalb erscheint das Experiment mit den vier Regisseuren sinnvoll. Dreimal verliebt sich Hoffmann, hinter dem sich der Dichter und Komponist E. T. A. Hoffmann verbirgt. Erst in Olympia, eine Puppe, diesen Akt inszeniert Nigel Lowery als expressionistischen Gruselcomic. Dann in Antonia, eine kranke Sängerin, die stirbt, wenn sie singt.

Eine erotische Groteske

Christopher Alden zeigt eine kalte Welt, in der jeder mit sich selbst beschäftigt ist und niemand auf die junge Frau achtet. Giulietta heißt Hoffmans dritte Geliebte. Dieser Akt spielt in Venedig, Inga Levant inszeniert eine erotische Groteske zwischen Badewannen, Gynäkologenstühlen und scharfen Krankenschwestern. Prolog und Epilog schließlich spielen vor dem eisernen Vorhang und im Parkett. Hier greift Regisseur Charles Edwards am meisten in das Stück ein.

Hoffmanns Muse ist eine versoffene Dramaturgin, die sich gleich zu Beginn ein Wortduell mit dem Dirigenten liefert. Hoffmann ist zerrissen zwischen seiner künstlerischen Berufung und den irdischen Genüssen, das Künstlerdrama wird zur Theatersatire.

Der knapp vierstündige Abend ist enorm kurzweilig, weil jeder Regisseur seine eigene Handschrift zeigt. Für den Zusammenhalt sorgt Dirigent David Parry mit straffen Tempi und lustvollen Akzenten.

Ein starker Start

Das neue Sängerensemble überzeugt. Mickael Spadaccini als Hoffmann ist ein biegsamer, hell strahlender Tenor, der mit gewaltigem Körpereinsatz spielt und eine Arie unter der Dusche singt. Alle Geliebten Hoffmanns singt und spielt Sara Hershkowitz mit geschmeidigem, klangschönem Sopran.

Jeder Rolle gibt sie einen eigenen Charakter, grandios verkörpert  sie mit ungelenken Bewegungen die Puppe Olympia. Die Bösewichte singt und spielt Lucia Lucas, ein weiblicher Bariton, eine Transgender-Sängerin.

Sie verbindet eine offensive weibliche Körperlichkeit mit der noblen Eleganz der tiefen Männerstimme. Das sorgt für faszinierende Irritationen. Ein starker Start für Intendant Berthold Schneider und sein Team.

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