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Länderreport | Beitrag vom 02.02.2021

Onlineshopping in Schleswig-HolsteinMit dem Friesennetz für den regionalen Einzelhandel

Von Johannes Kulms

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Ortsausgangsschild der Gemeinde Welt in Nordfriesland  (imago images/Olaf Döring)
In Nordfriesland geht es sehr ruhig zu. Das merken auch Einzelhandel und Betriebe. Die Einkaufsplattform Friesennetz versucht, den Umsatz anzukurbeln - damit sich niemand wie am Ende der Welt fühlt. (imago images/Olaf Döring)

Das Land ist platt, die Wege sind weit im dünn besiedelten Nordfriesland. Ebenso bescheiden sind die Einkaufsmöglichkeiten. Um ihre Kunden nicht an Onlineversand-Riesen zu verlieren, haben sich lokale Händler zur Onlineplattform Friesennetz zusammengetan.

"Der ruft jeden Tag an. Und das Gespräch ist immer gleich", sagt Bastian Baumgarten. Der Gastronom ist es gewohnt, über Telefon sein Mittagsmenü zu bewerben. Er steht hinter dem Tresen und hat alle Hände voll zu tun. Fast im Minutentakt klingelt jetzt zur Mittagszeit das Telefon. Die Nordfriesinnen und Nordfriesen haben offenbar Hunger. Und Appetit auf Baumgartens Essen.

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Vor zwölf Jahren hat er hier in seinem Heimatort Bordelum ein Restaurant eröffnet, zusammen mit Malte Peters. Das "Norditeran" kommt vor allem bei den Einheimischen gut an, die die Mehrheit der Kundschaft stellen. Darauf ist der 37-Jährige besonders stolz.

"Den Nordfriesen an sich, den musst du auch erst mal überzeugen. Und das musst du auch halten, die Qualität, dann musst du auch immer wieder abliefern!"  

Und das Gastronomen-Duo liefert ab. Trotz Lockdown läuft der Außer-Haus-Verkauf nicht schlecht. Dabei helfen auch Facebook und Instagram. Neuerdings hat das "Norditeran" nahe der Nordseeküste einen weiteren Onlinekanal zur Verfügung: das Friesennetz.

Angriff auf Amazon?

Firmen aus der Region können sich auf der Plattform mit Texten, Fotos und Videos vorstellen. Und ihre Produkte und Dienstleistungen anbieten. Bläst nun also der Landkreis nahe der deutsch-dänischen Grenze zum Angriff auf Amazon? Bastian Baumgarten winkt ab.

"Das ist halt ein Mega-Apparat. Und dagegen anzustinken, ist schon echt eine Ansage und eine Herausforderung. Und das kann nur gelingen, wenn es sukzessive gesteigert wird. Das wird jetzt nicht so sein, dass einer seinen ganzen Kram über das Friesennetz verkauft und irgendwie damit die Erfüllung findet. Sondern er muss schon gucken, dass er das auch streut. Aber gerade für einen Einzelhändler ist das ein super Zusatzmodul, um seine Sachen loszuwerden!" 

Nordfriesland – das ist ein weitläufiger Landkreis im äußersten Nordwesten der Republik. Die dazugehörigen Inseln Sylt und Föhr lockten bis zum Lockdown die Touristen an. Doch ansonsten ist es auf dem platten Land an der Nordsee ziemlich ruhig und überschaubar. Große Städte gibt es nicht. Die Einheimischen sind zwar freundlich, aber auch eher wortkarg und zurückhaltend.

Nordfriesen "von Grund auf skeptisch"

Diesen Menschenschlag von der Nutzung eines neuen Online-Marktplatzes zu überzeugen, ist eine Herausforderung, weiß auch Thore Ziebell, selbst ein echter Nordfriese.

"Der Nordfriese ist von Grund auf skeptisch", sagt er. "Und dann kommt da auf einmal so eine Internetplattform, da sind ganz viele Händler dabei, das ist alles Neuland! Da sind die zurückhaltend, skeptisch, beobachten das. Ein Bürgermeister hat mal zu mir gesagt: In Nordfriesland muss eine Sache zwei Jahre laufen, dann wird sie akzeptiert!" 
 
Wenn das stimmt, dann hat Thore Ziebell fast die Hälfte des Weges schon geschafft. Als Projektmanager hat der 29-Jährige das Friesennetz im vergangenen Frühling mit an den Start gebracht. 100 Vereine und Unternehmen aus der Region sind inzwischen dabei. Ziebell hofft, die Zahl binnen der nächsten zwölf Monate zu verdoppeln. Dann wären knapp zehn Prozent aller nordfriesischen Unternehmen dabei.

Ziebell wirkt heimatverbunden, jung und smart. Trotzdem macht auch er sich keine Illusionen darüber, dass die neue Plattform den US-Tech-Giganten das Wasser abgraben könnte.

Nicht nach Dänemark oder Hamburg fahren müssen

Er will den Menschen in der Region vor allem eines klar machen: "Wir müssen nicht in die nächstgrößere Stadt außerhalb von Nordfriesland fahren. Wir müssen nicht nach Dänemark fahren, wir müssen nicht nach Hamburg fahren. Wir bekommen alles, was wir brauchen, hier vor Ort. Das Friesennetz muss kein wirtschaftlicher Erfolg werden! Das Friesennetz soll dafür da sein, dass die Leute wissen, was es hier vor Ort gibt!"

Die technische Infrastruktur für das Friesennetz liefert das Unternehmen Atalanda. Die in Bayern ansässige Firma hat in den letzten Jahren in vielen deutschen Städten ähnliche Online-Marktplätze geschaffen.

Doch zu einer echten Konkurrenz gegen die Global Player des Internethandels ist keiner von ihnen geworden. Vielleicht auch, weil eine Plattform wie Amazon mit mehr als 200 Millionen Produkten eine schier unbegrenzte Auswahl bietet. Und bekannter und bequemer ist als eine neue Seite für Wuppertal, Flensburg oder nun Nordfriesland.

Wer beim Friesennetz mitmachen will, zahlt 30 beziehungsweise 40 Euro im Monat. Bäckereien, Restaurants, Hotels, ein Schornsteinfeger, Bekleidungsgeschäfte oder Möbelhändler sind unter anderem dabei. Für manche der Mitglieder ist das Friesennetz der erste Kontakt überhaupt mit dem Internetgeschäft.

Das Geschäft läuft - trotz Corona

Sascha Schulz führt in Bredstedt eine Schleiferei. Über mangelnde Arbeit kann er sich nicht beschweren, auch nicht in Coronazeiten. Denn: "Geschärft werden muss immer, stumpf wird immer, ganz klar. Im Moment arbeiten ja viele Handwerker noch weiter. Bei denen werden die Werkzeuge nach wie vor stumpf." 

Luftaufnahme des Gewerbergebiets von Bredstedt in Nordfriesland. (Imago Images / Blickwinkel / C. Kaiser)Plattes Land: das Gewerbegebiet im nordfriesischen Bredstedt. Die Plattform Friesennetz versucht, Betriebe und Einzelhändler der Region und ihre Angebote zu bündeln. (Imago Images / Blickwinkel / C. Kaiser)
Auch Sascha Schulz, der den Familienbetrieb in zweiter Generation führt, geht mit der Zeit. Seit zwei Jahren nutzt er auch Facebook und Instagram, um seine Firma zu bewerben. Dadurch habe er bundesweit neue Kundschaft erschlossen. Zum Beispiel Handwerksbetriebe, die ihre Werkzeuge zum Schleifen nach Bredstedt mit der Post schicken. Oder Hobbyköche, die bei ihm neue Messer ordern. Doch das Friesennetz biete ihm endlich die Chance, relativ einfach und günstig einen Onlineshop zu eröffnen, freut sich Schulz.

"Der Shop ist natürlich nicht kostenlos für uns. Aber dadurch, dass das eine gemeinschaftliche Sache von uns Nordfriesen hier oben ist und wir uns den Unterhalt im Prinzip teilen… Ich muss mich eigentlich nur um meine Produkte in diesem Shop kümmern." 

In Sascha Schulz‘ Industriehalle zischen und rattern riesige Maschinen, an einem Tisch werden Kreissägenblätter gerade verpackt, anderswo wird jeder einzelne Zahn einer Bandsäge von einer Maschine geschärft. Doch vieles ist weiterhin Handarbeit, sagt Schulz und schnappt sich ein Messer, das eine Fleischerei eingeschickt hat. Dass er seine Arbeit, aber vor allem seine Kundschaft ernst nimmt, will Schulz auch an anderer Stelle beweisen. Immer wieder liefert er nach Feierabend auf dem Heimweg Produkte aus, die über das Friesennetz bei ihm bestellt wurden.

"Wir wollen mit Kunden ins Gespräch kommen, dem Kunden aufzeigen, dass es eben Leute gibt, die hier auch Bock haben, wirklich mal was Neues zu machen. Und der direkte Kontakt zum Kunden, den hat man ja beim Online-Geschäft normalerweise nicht." 

Mehr Betriebe müssen mitmachen

Zurück nach Bordelum, zum Restaurant "Norditeran". Eben gerade ist Sönke Jensen vorgefahren, der fast täglich hier sein Mittagessen holt. "Wegen der guten Qualität und wegen des guten Konzepts, was dahinter steht", sagt er.

Das Friesennetz sei eine gute Sache, meint der 58-Jährige. Doch so richtig nutzen mag er es offenbar nicht. Obwohl die aktuelle Speisekarte im Netz steht, ruft er jeden Tag aufs Neue an, um sich nach dem Mittagessen zu erkundigen. Auch für seinen eigenen Kfz-Betrieb brauche er das Portal nicht.

"Weil ich keine Teile verschicke oder sonst wie. Ich mache das immer mit persönlichem Kontakt zum Kunden und hole die Autos ab. Und bringe die wieder. Ich muss mich auch nicht groß im Internet präsentieren. Ich habe meine Stammkunden und so funktioniert das."
 
Restaurantinhaber Bastian Baumgarten würde sich wünschen, dass mehr Betriebe mitmachen beim Friesennetz: "Wenn ich jetzt irgendwas suche, viele Artikel gibt es noch nicht, sind da noch nicht vorhanden. Ich würde mich freuen, wenn da noch mehr Artikel verfügbar wären." Das Friesennetz werde den Handel in der Region nicht revolutionieren, sagt Baumgarten. Aber gerade in Coronazeiten könne es doch eine Chance sein.

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