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Zeitfragen | Beitrag vom 07.12.2020

Online-Petition fordert UmbenennungStreit um die "M-Apotheken" in Sachsen-Anhalt

Von Sven Kochale

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Blick auf die Fassade der Mohren-Apotheke in Halle (Deutschlandradio / Sven Kochale)
Auch die Mohren-Apotheke in Halle soll sich umbenennen. (Deutschlandradio / Sven Kochale)

In Deutschland gibt es rund 19.000 Apotheken – teils mit langer Geschichte und Namenstradition. Doch wie passt eine "Mohren-Apotheke" in unsere Zeit? In Sachsen-Anhalt will eine Online-Petition die Umbenennung erreichen. Eine Apothekerin widerspricht.

Mitten im Zentrum von Eisleben, gleich am Markt mit seiner Luther-Statue, bietet die "Mohren-Apotheke" ihre Dienste an. Das Gebäude, in dem sie sich befindet, steht unter Denkmalschutz. Vier Treppenstufen führen in das kleine Haus, das voller Geschichte steckt. Im Verkaufsraum prangt zum Beispiel ein historisches, aufwändig gestaltetes Wappenbild an der Decke. Die Apotheke gehört Sonja Willert.

"Die Mohren-Apotheke heißt traditionell so. Sie ist die älteste Apotheke hier in Eisleben und heißt schon mehrere Jahrhunderte so. Und das soll auch so bleiben."

Der Name als Teil der Identität

Als Sonja Willert vor ziemlich genau fünf Jahren die "Mohren-Apotheke" übernahm, spielten vor allem berufliche Aspekte eine Rolle. Dass sie damit auch ein Stück Geschichte übernahm, war ihr klar.
 
"Der Name Mohren-Apotheke ist Teil der Identität dieser Apotheke. Wir haben das auch mal diskutiert hier. Ich finde das sehr wichtig, solche Dinge auch mal in Frage zu stellen. Aber an sich war die einhellige Meinung hier im Team und auch bei den Kunden, die wir ein bisschen interviewt haben, dass die halt so heißt", sagt Sonja Willert.

Inhaberin Sonja Willert in ihrer Apotheke in Eisleben neben einem Weihnachtsbaum (Deutschlandradio / Sven Kochale)"Die Mohren-Apotheke heißt traditionell so", sagt Inhaberin Sonja Willert – und das solle auch so bleiben. (Deutschlandradio / Sven Kochale)

"Und das ist mein Weg zu sagen, dass wir die Apotheke am Markt sind, wo der Luther auch als Denkmal steht. Das wollen wir aufgreifen. Und auf der anderen Seite ist eben die Mohren-Tradition, die wir auch gerne weitertragen möchten." 

Das Wort wird zensiert

Doch die Unterstützer der Online-Petition wollen den radikalen Bruch mit der Tradition und fordern, dass sich die Mohren-Apotheken umbenennen. Rund 700 Unterschriften hat die Petition bisher.

In der Erklärung heißt es, der Begriff sei "rassistisch und kolonialhistorisch geprägt. Er wird von Großteilen der Schwarzen Community in Deutschland abgelehnt. Er wird seit Jahrhunderten mit rassistischen Stereotypen assoziiert und überwiegend abwertend verwendet. Ihm haftet seit der Kolonialzeit eine diffamierende Konnotation an."

In der Online-Petition wird das Wort "Mohr" vermieden. Dort ist nur die Rede vom "M-Wort". Man "zensiere das Wort, um keine rassistische Sprache zu reproduzieren", heißt es. Soweit will der Politiker Karamba Diaby nicht gehen. Der schwarze Bundestagsabgeordnete stammt aus dem Senegal, das einst französische Kolonie war. 
 
"Ich persönlich würde das Wort aussprechen. Allerdings kenne ich viele, die sich damit dann verunglimpft fühlen. Dann sollte man das ernst nehmen. Es ist nicht richtig, jemanden als `Mohren‘ zu bezeichnen. Das ist unschön. Dann sollte man die Perspektive der anderen berücksichtigen. Wenn sie sich beleidigt oder verunglimpft fühlen, dann sollte man das unterlassen."

Sprachforscher kennen Herabwürdigungen zum Beispiel aus dem Griechischen. Dort kann das Wort mit "dumm" oder "töricht" übersetzt werden. Im Lateinischen dagegen steht der Mohr schlicht für Schwarze aus Mauretanien oder Nordafrika. 

Das Wort und seine Konnotation

Wörter haben mitunter mehrere Bedeutungen, erklärt der Sprachforscher Beat Siebenhaar von der Universität Leipzig. Und manchmal können sich diese im Laufe der Zeit auch ändern. 

"Das finden wir beispielsweise auch beim Wort 'Weib' ( oder 'wib' ). Das war die übliche Bezeichnung für die Frau im Mittelalter. Die 'frouwe' daneben war die noble Frau. Dann ist dieses 'frouwe' vermehrt verwendet worden, um einen weiblichen Menschen zu kennzeichnen. Und damit ist der Begriff 'Wib' schlechter geworden", erklärt Beat Siebenhaar.

"Entsprechende Veränderungen finden wir ganz häufig. Dann nimmt ein Wort eine negative Bedeutung auf. Weil das in bestimmten Kontexten verwendet wird. Und dann setzt man einen anderen Begriff. Dann ist das Wort 'Mohr' schlecht geworden. Das war ursprünglich einfach ein schwarzer Mensch."

Der Historiker Manfred Hettling von der Universität Halle-Wittenberg macht zudem darauf aufmerksam, dass der Mohr gerade in Verbindung mit Apotheken für Gesundheit und eine besondere Heilkunst stehen würde.

"Und insofern finde ich die Bedeutung der Mohren-Apotheke relativ plausibel, da sie darauf verweist, dass man eine besondere Kenntnis hat über medizinisches Wissen, das mit dem Morgenland und den Arabern und den Sarazenen verbunden wird."

Unbedingt im Gespräch bleiben

Der Politiker Karamba Diaby kommt in seiner Heimatstadt Halle regelmäßig an der dortigen Mohren-Apotheke vorbei. Und er weiß auch von Farbbeuteln, die gegen die Fassade geworfen werden. Deshalb wirbt er für den Dialog und einen offensiven Umgang mit der Vergangenheit.

"Die Ursprünge solcher Begrifflichkeiten sind bekannt. Man sollte versuchen, sie in den geschichtlichen Kontext zu platzieren. Und man sollte immer wieder Erklärungen dazu abgeben, was man damit meint. Und mit Menschen, die sich betroffen fühlen, sollte man dann auch ins Gespräch kommen."

Das Wort und die Deutungshoheit

Den Initiatoren der Petition "Das M-Wort muss weg" geht es aber um weit mehr. Sie verbinden die Mohren-Diskussion mit der Machtfrage in der Gesellschaft und schreiben:

"Es geht bei der Debatte um die Umbenennung… vor allem um die Frage nach Deutungshoheit: Wer hat in dieser Gesellschaft die Macht, Sprache mitzugestalten. Die weiße Mehrheitsgesellschaft befindet sich in einer privilegierten, dominierenden Position und das Festhalten an abwertenden Fremdbezeichnungen ist Repression."

Der Historiker Manfred Hettling kennt diese Argumente. Er plädiert dennoch für einen gelassenen Umgang mit Wörtern, die heute als belastet gelten. 

"Man kann es so betrachten, dass wir unterschiedliche Bedeutungsschichten präsent halten müssen. Am Beispiel der Sprache gibt es sehr unterschiedliche Bedeutungen. Es gibt negative Konnotationen damit. Die sollte man aber nicht allein in den Vordergrund rücken. Ansonsten geraten wir in das Problem, dass wir Vergangenheit purifizieren wollen nach aktuellen Bedürfnissen. Und das ist fatal", meint Manfred Hettling.

"Das ist vielleicht in Deutschland ganz besonders schwierig mit unseren Vergangenheitsverhältnissen. Wir neigen ja dazu, entweder ein distanzierendes Verhältnis zur Vergangenheit zu haben oder ein identifizierendes Verhältnis. Und beides wird dem nicht gerecht, dass Vergangenheit vor allem erst einmal anders ist als heutzutage."

Das stereotype Logo ist weg, der Name bleibt

Das Dilemma der Begrifflichkeit muss jeder für sich lösen. Doch vor allem gibt Apothekerin Sonja Willert zu bedenken, dass es um etwas ganz anderes gehen sollte.

"Ich würde das Ganze nicht so wichtig nehmen, wichtiger ist, was in der Apotheke drinnen passiert. Uns ist jeder Kunde recht. Egal, welcher Hautfarbe. Egal, ob groß, ob dick, ob dünn, ob klein. Egal, welche sexuelle Orientierung. Uns sind alle Kunden als Menschen wichtig. Und das finde ich, sollte im Fokus stehen und nicht der Name."

Gleichwohl hat die Inhaberin der Mohren-Apotheke in Eisleben für sich inzwischen Konsequenzen gezogen. Die stereotype Mohren-Figur hat sie auf ihrer Internetseite ersetzt. Durch ein Bild von Luther, das an die Luther-Statue auf dem Markt erinnert. Den Namen "Mohren-Apotheke" will sie aber beibehalten.

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